Einige Anmerkungen zur „Lügenpresse“

Von Ralf Keuper
Die klassischen Medien, wie öffentlicher Rundfunk, Fernsehen und Tageszeitungen, sehen sich seit Monaten mit dem Vorwurf konfrontiert, eine einseitige Sichtweise zu vertreten, die derjenigen der Mächtigen in Wirtschaft und Politik weitestgehend entspricht. 
Auf Panorama setzte sich die Redaktion in dem Beitrag „Lügenpresse“: Gesprächsversuch mit Kritikern mit dem Thema auseinander. Darin kommen einige prominente, aber auch unbekannte Kritiker zu Wort. 
Die Frage, die sich (nicht nur) die Redaktion von Panorama stellt, ist: Machen wir mehr Fehler als sonst, oder hat sich das Publikum verändert? 
Sagen wir mal so: Die „Fehler“ fallen heute eher auf und stoßen auf Widerspruch, weil heute verschiedene Möglichkeiten existieren, seine Meinung kund zu tun und sich zu informieren. Nicht alle Kommentatoren argumentieren dabei unsachlich, indem sie beispielsweise von der „Lügenpresse“ sprechen. Kritik an den Medien ist nicht neu: Vor Jahrzehnten zählten Karl Kraus und Kurt Tucholsky zu den schärfsten Kritikern der Medien. Das waren aber Einzelstimmen, deren Einfluss auf bestimmte Zirkel begrenzt war. 
Der Leserbriefschreiber der Vergangenheit war leicht zu zähmen. 
Die Medien, auch Panorama, machen es sich zu leicht, sich auf das Phänomen der Lügenpresse zu stürzen und dort genau die Antworten und Sichtweisen zu finden, die man hier schon immer vermutet hat. Eigentlich braucht man die Äußerungen der Interviewten nicht mehr zu kommentieren. 
Damit machen sie es sich zu einfach. Das sollte Panorama eigentlich wissen, war die Redaktion doch selber vor einigen Monaten einem vermeintlichen Pegida-Sympathisanten auf den Leim gegangen, der zu dem Zeitpunkt bei RTL beschäftigt war. Die Redaktion reagierte darauf in ihrer Stellungnahme RTL inkognito bei Pegida: So gefährdet man Glaubwürdigkeit leicht verschnupft.

Kurzum: Die Medien machen es sich noch immer zu einfach, wenn sie die Medienkritik auf Pegida und Verschwörungstheoretiker reduzieren. Dass die Branche unter mangelnder Meinungsvielfalt leidet, ist nicht nur die Ansicht von Frank Walter Steinmeier. Und der steht nun wirklich nicht in dem Verdacht, ein Verschwörungstheoretiker zu sein. 

Was momentan geschieht, ist nicht wirklich erstaunlich. Die sog. vierte Gewalt steht auf einmal selbst unter kritischer Beobachtung und reagiert darauf so, wie Organisationen für gewöhnlich das zu tun pflegen: Mit, wie der Organisationforscher Karl Weick es einmal nannte: Gestalteten Umwelten, d.h. man konstruiert sich seine eigene Welt, bestätigt sich gegenseitig seine Annahmen und ist völlig irritiert, wenn die Außenwelt diese Sicht nicht teilt. Allzu gerne ist man geneigt, auch das ist menschlich, Phänomene wie Verschwörungstheorien dafür verantwortlich zu machen und sich so eine weitere kritische Reflexion zu ersparen. 
Kritik aus den eigenen Reihen kommt nicht nur von Leuten wie Ulfkotte, sondern auch von anderen, denen man Objektivität kaum absprechen kann, wie Stefan Niggemeyer, Klaus Norbert in Die Einflüsterer, Tom Schimmeck in Am besten nichts Neues, Wolfgang Michal in Wie die Presse versucht, WikiLeaks zu diskreditieren Miriam Bunjes in Angst, Druck, Lobbyarbeit: Warum Journalisten wichtige Themen übersehen und überhaupt im Altpapierblog 
Bereits im Jahr 2013 stellte Transparency International fest, dass die Deutschen zunehmend das Vertrauen in die Medien verlieren. Seitdem hat sich der Trend noch verstärkt. 
Viele Journalisten sehen in Kritik an ihrem Berufsstand so etwas wie Majestätsbeleidigung und übersehen dabei, dass auch dieser Kaiser allzu oft „nackt ist“. 
Um nicht missverstanden zu werden: Medienkritik ist kein Freibrief für unbewiesene Behauptungen und wilde Spekulationen und schon gar nicht für Verschwörungstheorien. Guter Journalismus muss darauf mit einer methodischen Arbeitsweise reagieren, die große Ähnlichkeit mit dem Kritischen Rationalismus von Karl Popper und dem Evidenzbasierten Vorgehen aus der Statistik hat. In meinen Beiträgen Journalismus wissenschaftstheoretisch betrachtet #1 und Journalismus wissenschaftstheoretisch betrachtet #2 habe ich mich näher dazu geäußert. 
Sicher: Auch damit kann man Verschwörungstheoretikern den Wind nicht völlig aus den Segeln nehmen. Die sollten aber ohnehin nicht das primäre Ziel der Aufklärung sein, sondern diejenigen, die Zweifel haben, ob die Medien tatsächlich noch weitgehend unabhängig berichten. Und das sind keineswegs nur Leute, die über einen geringeren Informations- und Bildungsstand verfügen als die Journalisten. 
Auch das wird durch die neuen Kommunikationsmöglichkeiten transparenter. 
Es wird sich zeigen, ob die Medien von sich aus, von innen her, in der Lage sind, sich auf diese neuen, häufig unbequemen Realitäten einzustellen. Die Geschichte zeigt, dass das nur sehr selten gelingt. 
Diese Lücke werden dann andere Formate, eine Mischung aus Macro- und Micromedien füllen. 
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