Das Ende der vierten Gewalt? (Sternstunde Philosophie)

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Das spezifisch deutsche am deutschen Film

Auszug aus einem Interview mit der Regisseurin Emily Atef in der FAZ vom 11.04.18 (“Mich reizen existenzielle Geschichten”):

Frage: Was empfinden Sie als spezifisch deutsch am deutschen Film?

Antwort: Dass man einen Fernsehsender braucht, wenn man einen Kinofilm drehen will, um an Fördermittel zu kommen. Ich bin glücklich, wenn ein Sender mich finanziell unterstützen und den Film im Fernsehen zeigen will, aber der Sender will natürlich Einfluss auf den Film nehmen, damit er im Fernsehen Quote bringt. Aber das Kino hat eine andere Erzählstruktur. Was glauben Sie, was ich für Gespräche führen musste, um schwarz-weiß für “Quiberon” zu vermitteln – für das Fernsehen ist das der Horror. Aber vielleicht ist das gar kein Horror. Schwarz-weiß ist auch auf dem großen Bildschirm im Wohnzimmer wunderschön

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Öffentliche Räume – öffentliche Träume? Die Bibliothek in der Stadt der Zukunft

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Die Welt als Datenbank: Zur Relation von Softwareentwicklung, Abfragetechnik und Deutungsautonomie

Von Ralf Keuper

Die Macht der Datenbanken, das rückt immer mehr in das öffentliche Bewusstsein, ist nicht zu unterschätzen. Datenbanken und Suchmaschinen haben einen großen Einfluss auf unser Denken und unsere Wahrnehmung, wie David Gugerli in Die Welt als Datenbank, Zur Relation von Softwareentwicklung, Abfragetechnik und Deutungsautonomie hervorhebt. Exemplarisch dafür ist die Serie CSI (Crime Scence Investigation), die in mehreren (regionalen) Varianten (Miami, New York, Los Angeles) produziert wird.

Mussten die Detektive sich in der Vergangenheit, wie Columbo, auf ihr Gespür, ihr Gedächtnis und Kombinationsgabe verlassen, können sich ihre Kollegen heute auf einen Datenmeer stützen, dem die Täter nicht entrinnen können. Ihre Datenspuren führen die Ermittler über kurz oder lang zu ihnen:

Die Kunst der Rekombination solcher Daten, deren Herkunft, Qualität und Form einen hohen Grad an Heterogenität aufweisen können, wird dem Publikum als Interpretationsspiel vorgeführt: In optisch stark verwischten Sequenzen werden immer wieder mögliche Narrative simuliert. Jedes dieser provisorischen Auswertungsfragmente zeigt den Detektiven an, wo sich vielleicht noch weitere Spuren suchen und finden lassen. Die Datenbeschaffung kann weitergeführt und verfeinert werden.

Die Welt als Datenbank:

Metaphorisch gesprochen wird in CSI die Welt als Datenbank inszeniert, deren Einträge es aufzuspüren und zu kombinieren gilt, um so die alles entscheidenden Einsichten in die Verhältnisse zu gewinnen.

Hermeneutik und Psychologie werden überflüssig. Die Daten sprechen für sich, sie sind selbsterklärend. Ein neues Denkmodell entsteht:

Als Maschine und Denkmodell verändert die Datenbank jedoch nicht nur die Prozeduren kriminalistischer Arbeit, um damit beispielsweise zu einem höheren Output an gelösten Fällen pro Sendung zu führen. Als Maschine und Denkmodell steht die Datenbank für die Versicherung, dass diesseits und jenseits der Bildschirme der kombinatorische Freiheitsgrad jeder »signifying practice« erweitert werden kann. Der am CSI-Beispiel festgemachte kulturelle Wandel findet jedoch keineswegs im luftleeren Raum der Signifikantenspiele statt. Wenn die erfolgreichsten kulturindustriellen Produkte einer Zeit so grundlegende kommunikative Verfahren wie Suchen, Deuten und Verstehen im Modus der Datenbankabfrage präsentieren, dann stellt sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Datenbankentwicklung und dem Wandel der »signifying practice« einer Epoche wie von selbst. Sie ist Gegenstand der folgenden Überlegungen.

Wegweisend für die beschriebene Entwicklung war der Beitrag A Relational Model of Data for Large Shared Data Banks von Edgar F. Codd. Danach setzte der Siegeszug der (relationalen) Datenbanken ein, der bis heute anhält. Das Unternehmen Oracle, nach Microsoft der zweigrößte Softwarehersteller der Welt, verdankt seinen Erfolg vorwiegend der Datenbanktechnologie. IBM, Arbeitgeber von Edgar F. Codd, zählt auf dem Gebiet der Datenbanktechnologie ebenfalls zu den führenden Anbietern.

Von großem Nutzen waren die relationalen Datenbanken für die Unternehmen:

Durch die Anwendung der neuen ars combinatoria, die von relationalen Datenbanken offeriert wurden, versprach der Computer nun auch die unternehmensinternen Transaktionskosten zu senken. Selbst dem mittleren Management konnten in absehbarer Zeit zu tiefen Abfragekosten Quervergleiche über Tabellen- und Abteilungsgrenzen hinweg möglich gemacht werden. Dass dieses Angebot in eine Zeit fiel, in der die Restrukturierung von ganzen Unternehmungen zum alltäglichen Problem geworden war, erhöhte die Attraktivität relationaler Datenbanktechnik in den späten 1970er und den frühen 1980er Jahren dramatisch, insbesondere als mit Oracle auch auf kleineren Rechnern relationale Datenbanksysteme implementierbar geworden waren.

Bleibt die Frage nach der Deutungsautonomie von Text. Gugerli erwähnt Roland Barthes und Umberto Eco:

Wie schrieb Roland Barthes 1970 in S/Z? »Einen Text interpretieren heißt nicht, ihm einen (mehr oder weniger begründeten, mehr oder weniger freien) Sinn geben, heißt vielmehr abschätzen, aus welchem Pluralem er gebildet ist.« Der Text ist bei Barthes eine »Galaxie von Signifikanten«, die in seinem Gewebe unendlich komplex und vielfältig zueinander in Beziehung treten. Interpretation heißt also nicht, mit hermeneutisch geschulten Abfragetechniken jenen ursprünglichen Sinn zu eruieren, den ihm ein Autor möglicherweise gegeben haben wollte. Vielmehr ist der Text eine Maschine zur Produktion von Interpretationen, wie Umberto Eco einmal gesagt hat. Die Trennung von Autor und Leser, die sich aus dieser Vorstellung von Text ergibt, ist so strikt wie die Trennung von Programmierer und Nutzer. Auch der Text wird, um nochmals Barthes zu zitieren, stets »durch mehrere Zugänge« erschlossen, »von denen keiner mit Sicherheit zum Hauptzugang gemacht werden könnte.«

Es bleibt dabei: Datenbanken sind nur eine Form der Repräsentation:

Mit Texten, davon war man in den 1970er Jahren überzeugt, ist es wie mit Datenbanken. Beide hatten sowohl theoretisch als auch pragmatisch eine Rekonfiguration durchlaufen und verlangten nach variablen Rekonstruktionen des angebotenen Materials, ließen sich als mehrdeutiges Möglichkeitsfeld verstehen, das variable operative und interpretative Prozeduren und Entscheidungen zulässt. Weder sollte ihre Präsentation so beschaffen sein, dass ihre Deutung nur in eingeschränkter, vorgespurter Weise möglich bleibt, noch können sie für sich selber sprechen. Das wieder aber haben sie mit jenen elektronischen, biologischen und materiellen Datenbanken gemeinsam, welche die Welt der forensischen Spezialisten in CSI ausmachen. Nur über die Abfrage dieses informationellen Möglichkeitsfeldes lassen sich Zusammenhänge simulieren, überprüfen und erkennen. Dafür braucht es spezielle Technologien, Verfahren und Sprachen, welche aus vorhandenen Daten neuen Sinn generierten. Daten sprechen nie für sich selber. Darum antwortet der Laborleiter von CSI Las Vegas auf die Frage, warum er als forensischer Spurensucher arbeite: »Because the dead can’t speak for themselves.«

 

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Film, Medien, Kunst: Überleben – Eine Utopie?

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“Black & White. Von Dürer bis Eliasson”

Auch wenn ihr Titel “Black & White” vor allem die Werke des zwanzigsten Jahrhunderts von Kasimir Malewitsch, Bridget Riley oder der Gruppe Zero zutrifft, bei denen die beiden extremen Werte für Hell und Dunkel in geometrischen Formen kontrastiert werden, assoziiert man ihn landläufig mit der Schwarz-Weiß-Fotografie, die in Düsseldorfer Tradition dem Londoner Konzept hinzugefügt wurde. …

Die Ausstellung wäre dem anspruchsvollen Thema nicht gerecht geworden, wenn der Farbverzicht nicht auch in seiner widersprüchlich anmutenden Ambivalenz zwischen Objektivierung und Potential für Stimmungswelten untersucht würde. Unverwandt konnotierte Gerhard Richter seine grauen Bilder mit einer ersten Schönheit, deren Impuls gar Ausweglosigkeit und Depression gaben. Diese emotionale Ebene ist dicht verwoben mit einem “chromatischen Schweigen” der nach Richter “idealen” Farbe Grau, die indes in ihrem Verlangen nach Buntfarbigkeit alle Formen und Sinnbilder der Verlebendigung aufgreift. (in: Elefantengrau ist doch auch eine schöne Farbe, FAZ vom 4.04.18)

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Der Stilwandel der Medien #20

Von Ralf Keuper

Nachfolgend eine Aufstellung von Beiträgen der letzten Zeit, die sich mit dem Stilwandel der Medien beschäftigen:

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Roberto Simanowski: Warum wir Facebook und co. lieben – und hassen

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Die alten Medien und ihre Abhängigkeit von der Trackingindustrie

Von Ralf Keuper

Bei der Diskussion um die “Zweckentfremdung” von ca. 50 Millionen facebook-Nutzerprofilen durch Cambridge Analytica geht allzu oft die Tatsache unter, dass die Medien, die facebook und anderen sozialen Medien vorwerfen, demokratische (Meinungsbildungs-)Prozesse zu manipulieren, selber Teil des Problems sind. Auf diesen Umstand hat u.a. Doc Searls in Facebook’s Cambridge Analytica problems are nothing compared to what’s coming for all of online publishing hingewiesen. Darin beschreibt er die Abhängigkeit der online-Angebote der alten Medien, wie der New York Times, von der Werbe- bzw. Trackingindustrie.

These pubs don’t just open the kimonos of their readers. They bring readers’ bare digital necks to vampires ravenous for the blood of personal data, all for the purpose of aiming “interest-based” advertising at those same readers, wherever those readers eyeballs may appear—or reappear in the case of “retargeted” advertising.

With no control by readers (beyond tracking protection which relatively few know how to use, and for which there is no one approach, standard or experience), and damn little care or control by the publishers who bare those readers’ necks, who knows what the hell actually happens to the data?

In Help Us Cure Online Publishing of Its Addiction to Personal Data präzisiert Searls seine Vorstellungen eines Journalismus, der seine Leser nicht ausspäht. Eng damit verbunden ist das Thema Fake News:

Real advertising supports journalism and other worthy purposes, while adtech supports “content production”—no matter what that “content” might be. By rewarding content production of all kinds, adtech gives fake news a business model. After all, fake news is “content” too, and it’s a lot easier to produce than the real thing. That’s why real journalism is drowning under a flood of it. Kill adtech and you kill the economic motivation for most fake news. (Political motivations remain, but are made far more obvious.)

Die Abhängigkeit der alten Medien von facebook thematisierte, wenngleich mit anderem inhaltlichen Schwerpunkt, der Beitrag Facebook: Warum machen die Medien mit?.

Das (einseitige) Abhängigkeitsverhältnis zwischen alten und neuen Medien wird in Facebook, die alten Medien und die ökonomischen Konkurrenzverhältnisse thematisiert. Neben facebook ist Google der andere große Player im Markt für online-Werbung, was in der Diskussion ebenfalls untergeht. Anders als facebook betreibt Google über seinen “Innovationsfonds” jedoch so etwas wie “Landschaftspflege”, worauf Wolfgang Michal hinweist.

Seit Jahren prozessieren verschiedene Verlage gegen Anbieter sog. Ad-Blocker. Erst vor wenigen Tagen scheiterten die Verlage vor dem OLG Hamburg mit dem Versuch, ein Vertriebsverbot gegen den Werbeblocker AdPlus durchzusetzen (Vgl. dazu: OLG Hamburg: Adblock Plus ist zulässig). Parallel dazu laufen einige namhafte Verlage hierzulande Sturm gegen die ePrivacy-Richtlinie (Vgl. dazu: E-Privacy-Verordnung: Verlage wollen Leser beim Tracking entmündigen). Die Verlage befürchten massive Einbrüche ihres Werbegeschäftes, sollte die ePrivacy-Richtlinie wie geplant umgesetzt werden (Vgl. dazu: Verlage befürchten massive Auswirkungen durch E-Privacy-Verordnung).

Insofern sind die alten Medien, wie Verlage (FAZ, G+J, Springer), Teil des Problems und Profiteure einer Industrie, die mit den Themen Datenschutz und Privatheit nicht immer auf vertrautem Fuß steht. Solange die alten Medien sich nicht aus dieser Abhängigkeit befreien und ihre Geschäftsmodelle auf eine neue Basis stellen, wird sich an den Problemen, die sie kritisieren, kaum etwas ändern. Dass es auch anders gehen könnte, zeigen die zahlreichen Initiativen, welche auf die Blockchain-Technologie setzen (Vgl. dazu: Content Blockchain Projekt).

Bei Burda bzw. deren Startup Bot Labs ist man gar der Ansicht, dass die Blockchain Facebook und Google komplett ersetzen wird. In einem Interview sagt der Chef des Startups, Ingo Rübe:

Wir müssen das Internet wieder demokratisieren und den Nutzern wieder die Hoheit über ihre Daten geben. Dazu müssen wir den Nutzern Alternativen in Form von hochwertigen Diensten bieten, die ohne zentrale Datensilos auskommen. Hierfür bietet die Blockchain Technologie alle notwendigen Chancen. Nun sind Industrie, Investoren und Startups gefragt, die neuen Möglichkeiten zu begreifen und zu nutzen, um die nächste und bessere Generation des Internet zu bauen.

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Etwa gleichzeitig mit der Entstehung von Börsen institutionalisieren Post und Presse Dauerkontakte und Dauerkommunikation (Jürgen Habermas)

Etwa gleichzeitig mit der Entstehung von Börsen institutionalisieren Post und Presse Dauerkontakte und Dauerkommunikation. Allerdings genügt den Kaufleuten ein berufsständisch sekretiertes, den städtischen und höfischen Kanzleien ein verwaltungsinternes Informationssystem. An Publizität der Information ist beiden nicht gelegen. Ihren Interessen entsprechen vielmehr die “geschriebenen Zeitungen”, die von Nachrichtenhändlern gewerbsmäßig organisierten Privatkorrespondenzen. Der neue Kommunikationsbereich fügt sich, mit seinen Institutionen des Nachrichtenverkehrs, den bestehenden Formen der Kommunikation ohne weiteres ein, solange das entscheidende Moment, Publizität, fehlt. Wie, nach einer Bestimmung Sombarts, erst von “Post” die Rede sein kann, wenn die regelmäßige Gelegenheit zum Brieftransport dem Publikum allgemein zugänglich wird, so gibt es auch eine Presse im strengen Sinne erst, seitdem die regelmäßige Berichterstattung öffentlich, wiederum: das Publikum allgemein zugänglich wird. Das aber geschieht erst Ende des 17. Jahrhunderts. Bis dahin ist der alte Kommunikationsbereich der repräsentativen Öffentlichkeit durch den neuen einer publizistisch bestimmten Öffentlichkeit nicht grundsätzlich bedroht. Die gewerbsmäßig vertriebenen Nachrichten werden noch nicht publiziert; die unregelmäßig publizierten Neuigkeiten sind noch nicht zu Nachrichten versachlicht.

Quelle: Strukturwandel der Öffentlichkeit

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