Der ökologische Fußabdruck unserer digitalen Medienwelt

Folien: Der ökologische Fußabdruck unserer digitalen Medienwelt

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Dromologie: Paul Virilio

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Krise der Germanistik

Von Ralf Keuper

Momentan wird eine Debatte geführt, die um die Frage kreist, wie schlimm es um die Germanistik bestellt ist und ob wir sogar gezwungen sind, von einer Krise der Germanistik zu sprechen. Auslöser des aktuellen Diskurses zur Existenzberechtigung der Germanistik war der Beitrag Wer war Goethe? Keine Ahnung, irgendso’n Toter von Martin Doerry im Spiegel. Im Zentrum steht dabei der Vorwurf, die Germanistik „habe jegliche politische Relevanz verloren, sich im Elfenbeinturm eingeschlossen und verpasse alle wichtigen gesellschaftlichen Trends“. Als Reaktion darauf meldeten sich zahlreiche Germanisten in den Medien zu Wort, um zu verdeutlichen, warum die Germanistik auch weiterhin von Wert ist, wie die folgenden:

Joachim Gütner bringt dagegen in Nur allzu wenige glänzen  Verständnis für die Kritik an der Germanistik auf:

Die Schelte der universitären Literaturwissenschaft hält sich nicht deswegen hartnäckig, weil einige Feuilletonisten vor Unverstand strotzen. Die Kritik kehrt alle Jahre wieder, weil sie bei aller Einseitigkeit wunde Punkte berührt. Es schmerzt, wenn so viele Vertreter des Fachs es nicht für nötig halten, mit der Interpretation von Literatur und der Vermittlung dieses Wissens zu glänzen.

Ein Problem heutiger Literaturwissenschaftler, die nicht an die Stilistik eines Schlaffer oder von Matt heranreichen, ist:

Entweder haben sie kein reizvolles Thema, spielen Glasperlenspiele, oder sie benutzen den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit als Ausrede für schlechtes Deutsch. Oder beides. Die Selbstbezogenheit akademischer Schriften, die gedankliche Schlichtheit mit terminologischem Schwurbel tarnen, bleibt ein Graus.

Eine weitere Erklärung liefert der Beitrag Die unsichtbare Germanistik. Über eine Debatte in ihrer Krise . Demnach besteht das eigentliche Problem darin, dass es in einer pragmatischen Welt weniger um die theoretisch und ästhetisch anspruchsvollste, sondern um die für den Zeitpunkt effektivste Lösung gehe:

Der Spiegel-Artikel sah die Nutzlosigkeit der Germanistik deshalb wohl eher in Bezug auf die pragmatische Welt, die nichts damit anfangen kann, wenn komplexe kulturelle Kompetenzen in der Lehre und Forschung über Hölderlin geschult werden, weil es unklar ist, ob diese überhaupt in die Gesellschaft zurückwirken. Man kann dagegen einwenden, dass Rückwirkungen aus den Geisteswissenschaften nie direkt sichtbar sind, da sie indirekt und über Umwege wirken. Nur überzeugt das aber nicht die pragmatische Welt, die wiederum mehr sehen möchte als nur eine zurückgezogene Germanistik, die im Hintergrund agiert und dort möglicherweise die Fäden zieht.

Für anregend halte ich die Gedanken von Kai Kauffmann zum Schluss seines Beitrags Reden wir über die Deutschlehrer in der FAZ vom 20.06.17:

Wäre es nicht, .. , für die Schüler wichtiger zu lernen, kompetent mit den Bildern und Texten des Internets umzugehen, als etwa Gedichte von Eichendorff zu interpretieren? Doch ein engagierter Literaturunterricht, der sich ja auch für die speziellen Formen der neuen Medien öffnen kann, bietet weiterhin die besten Chancen, die sprachlichen Artikulations- und Reflexionsfähigkeiten der Schüler auf ein  hohes Niveau zu steigern. Ein solches Niveau ist die Voraussetzung für jedes wissenschaftliche Studium, nicht nur der Germanistik.

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Neil Postman – Die Warnung eines Kommunikationswisssenschaftlers

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Bertelsmann: Anschluss verloren

Von Ralf Keuper

In den 1970er und 80er Jahren stieß Bertelsmann in die Reihe der größten Medienkonzerne der Welt vor. Nach der Übernahme von RCA und Doubleday war Bertelsmann zeitweise sogar der größte Medienkonzern der Welt. Seitdem hat Bertelsmann den Anschluss an die Entwicklung jedoch verloren. Die Bedeutung des Internet erkannte man durchaus; allerdings hatte man dabei kein sonderlich glückliches Händchen. Die Suchmaschine Lycos musste den Betrieb einstellen ebenso wie Pixelpark, auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase höher bewertet als Bertelsmann selbst. Die Beteiligung an AOL Europe wurde gerade noch rechtzeitig versilbert – man fragt sich allerdings, was aus den 16 Mrd. DM Verkaufserlös geworden ist, wenn schon einige Jahre später der Rückkauf des 25%tigen Anteils, den Albert Frère an Bertelsmann hielt, in Höhe von 4,5 Mrd. Euro nur noch über den Verkauf von Unternehmensteilen finanziert werden konnte. Mittlerweile rangiert Bertelsmann auf der Liste der größten Medienkonzerne nur auf Platz 11, was aber geschönt ist, da hier die Umsatzerlöse des Logistikdienstleisters arvato vollumfänglich berücksichtigt werden.

Wie konnte es so weit kommen?

Bedeutung der Neuen Medien wurde systematisch unterschätzt

Im Jahr 1980 war Reinhard Mohn noch der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann AG. Auf der Bilanzpressekonferenz des Geschäftsjahres 1979/80 berichtete die Neue Westfälische in Bertelsmann steht nach Atempause wieder vor einem Wachstumsschub:

Den sogenannten neuen Medien steht der Konzernchef unverändert reserviert gegenüber. Durch sie wären in absehbarer Zeit keine nennenswerten Verschiebungen in der Mediennutzung zu erwarten, zumal die wirtschaftliche Bedeutung der überbewerteten neuen Medien in den nächsten zehn Jahren sehr gering sein werde. Bissiger Kommentar des Konzernchefs: „Ich bin gespannt, wer da ganz groß einsteigen wird“. Mohn – der im übrigen ein Engagement im Zeitungssektor nicht für immer ausschließen will, aber hier derzeit keine festen Absichten hegt – glaubt im übrigen an den Fortbestand unseres öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems, das allerdings seine Exklusivität aufgeben und „vorsichtig“ erweitert werden sollte.

Quantität statt Qualität 

Nach einer kurzen Amtszeit von Manfred Fischer, der Mohn als Vorstandsvorsitzenden ablöste, übernahm dessen Stellvertreter, Mark Wössner, den Chefposten. Dieser wollte, wie er in einem Interview mit dem Industriemagazin im Oktober 1984 äußerte, bei Bertelsmann ein neues Kapitel schreiben. Das Industriemagazin titelte daher: Klasse statt Masse.

Im Vordergrund solle die Qualität und nicht so sehr die Quantität stehen. In dem erwähnten Interview sagte Wössner:

Bertelsmann muss nicht vorrangig größer werden, sondern sich qualitativ weiter entwickeln. Das ist für unser Haus eine Eruption. … wir denken langfristig und nicht okkasionsorientiert – und um die Weiterentwicklung der Medienkompetenz, der Produkt- und Programmqualität.

Wössner plante damals den Ausbau des Unternehmensbereiches Neue Medien (Fernsehen, Hörfunk, Datenbank- und Computergeschäft), der von dem ehemaligen Bundesfinanzminister Manfred Lahnstein mit wenig Fortune geleitet wurde, weshalb er einige Zeit später aus dem Vorstand ausschied.

So richtig hat das mit der Qualität nicht funktioniert. Das lässt sich in besonderer Weise am Beispiel RTL festmachen. Dieser Sender steht für alles mögliche, doch kaum für Qualität und anspruchsvolle Formate. Ohne RTL2 hätte Oliver Kalkofe seine Sendung entweder einstellen oder vom Umfang her reduzieren müssen. Auch Gruner + Jahr kann außer mit GEO nicht wirklich mit Qualität punkten. Der Stern ist hier keine Ausnahme.

Externes Wachstum war immer der Treiber

Bertelsmann ist vorwiegend extern, d.h. durch Übernahmen gewachsen. Beispielhaft dafür sind die Übernahmen von Gruner + Jahr, Bantam Books, RCA, Doubleday und RTL. Mit internem Wachstum alleine hätte Bertelsmann seinen Aufstieg in die erste Liga der internationalen Medienkonzerne nicht geschafft. Im Gegensatz zu heute waren die Unternehmen damals noch zu einigermaßen günstigen Konditionen zu erwerben. Die Finanzierung konnte durch Eigenmittel oder den eigenen Cash Flow erfolgen. Seit einigen Jahren werden für vielversprechende Unternehmen jedoch Preise in Milliardenhöhe verlangt und realisiert. Ein Familienunternehmen tut sich da deutlich schwerer, als ein börsennotierter Konzern.

Verpasste Gelegenheiten: Amazon

Ende der 1990er Jahre war Amazon-Gründer Jeff Bezos auf der Suche nach starken Partnern in Europa. So kam es zum Kontakt mit Bertelsmann. Zur Diskussion stand die Übernahme von 30% von Amazon durch Bertelsmann. Die Verhandlungen scheiterten, da Bezos angeblich einen zu hohen Preis gefordert habe und im Europa-Geschäft mitreden wollte, wie der Spiegel in Duell mit Amazon berichtete. Bei Bertelsmann konnte man sich ohnehin nicht mit dem unkonventionellen Auftreten von Bezos anfreunden. Es wird berichtet, dass Bezos zu einer Verhandlung in Gütersloh in kurzer Hose erschienen sei. Danach soll die Bertelsmann-Seite intern gesagt haben, man mache keine Geschäfte mit jemandem, der in Badehose zu einem geschäftlichen Termin auflaufe.

Mittlerweile hat Amazon Bertelsmann im Buchhandel weit hinter sich gelassen. Amazon ist heute vom Umsatz her deutlich größer als Bertelsmann.

Bertelsmann als Verlierer im Medienmonopoly 

Bis weit in die 1990er Jahre eilte Bertelsmann von einem Umsatzrekord zum nächsten. Das rasante Wachstum stellte das Unternehmen vor Probleme. Die Integration der neu erworbenen Unternehmen wie Doubleday verlief nicht so reibungslos wie gedacht. Es fehlt, so Wössner damals, an geeignetem Führungspersonal. Auch deswegen hielt man sich bei Zukäufen zurück, wie die Wirtschaftswoche in der Ausgabe vom 11. Mai 1990 in Bertelsmann: Macht mit Macken feststellte:

Als etwa im vergangenen Jahr die US-Filmfirma Columbia zum Verkauf stand, rechneten auch die Konzernstrategen aus Gütersloh die Erfolgsaussichten einen Zugriffs durch. Doch Wössner blies auch dieses Mal zum Rückzug. Ihn schreckten nicht nur die Managementprobleme neuer Großkäufe, der Chef hält auch den Medienmarkt für „derzeit völlig überhöht“.

An dieser Linie hielt Wössner fest. Auf Dauer, so die damalige Einschätzung, werde sich der Markt wieder beruhigen und zu normalen Preisen zurückkehren. Dann sei Bertelsmann wieder am Zug:

In einigen Jahren, glaubt Wössner, werde der Kaufrausch in der Branche abebben, die Firmenpreise würden fallen. Dann, reibt sich der Manager die Hände, werde sich auch Bertelsmann die Chance zu neuen Fischzügen bieten.

Es ist eher anders herum gelaufen.

Die neuen Mitbewerber

Zu lange hat man bei Bertelsmann, wie in anderen Medienunternehmen auch, geglaubt, neue Mitbewerber kämen vorrangig aus den eigenen Reihen. Dass Internetkonzerne wie Google, Amazon, Tencent oder Apple einmal die Medienbranche fast im Vorbeigehen nach ihren Vorstellungen formen könnten, war Ende der 1990er Jahren noch undenkbar. Als größter Konkurrent galt lange Zeit die Kirch-Gruppe. Zu der Zeit wurde von vielen Kommentatoren das Schreckgespenst eines Unterhaltungs- und Fernsehmonopols durch Leo Kirch an die Wand gemalt. Als das Imperium sich quasi über Nacht in Luft auflöste, wollte sich daran keiner mehr erinnern.

Controlling und Portfolio-Denke 

Der enorme Einfluss des Controlling bei Bertelsmann veranlasste den langjährigen Chef von RTL, Helmut Thoma, zu der Aussage:

In Gütersloh sitzt auf jedem Baum ein Controller.

In den Jahren, als der Markt sich nach den Vorstellungen und dem Geschäftsmodell von Bertelsmann entwickelte, konnte das Controlling seine Vorteile ausspielen. Als sich jedoch der Markt zu wandeln begann, sorgte die Zahlenfixierung dazu, dass viele Chancen ausgelassen wurden, da nicht absehbar war, ob und wann ein Gewinn erzielt werden konnte. Stattdessen verlegte man sich darauf, das Unternehmen wie ein Portfolio zu führen. In einem Interview im Jahr 2013 monierte Jürgen Richter, vormals Chef von Springer und danach von BertelsmannSpringer, dass sich Bertelsmann mit seinem neuen Chef Thomas Rabe, dem ehemaligen Finanzvorstand von RTL und Bertelsmann, auf das Portfoliomanagement und strukturierte Finanzpolitik konzentrieren werde.  Grundsätzlich sei bei Bertelsmann, so Richter weiter, „kein großer Drang zu Produktinnovationen und für Kundenlösungen“ erkennbar.

Der Befund gilt nach wie vor.

Wachstum? Welches Wachstum?

Nach seiner Amtsübernahme versprach Hartmut Ostrowski der Eigentümerfamilie Mohn die Steigerung des Umsatzes innerhalb weniger Jahre auf 30 bis 35 Mrd. Euro. Heute liegt der Umsatz bei ca. 17 Mrd. Euro. Um das Jahr 2000 betrug der Umsatz unter Thomas Middelhoff 20 Mrd. Euro bei ca. 76.000 Mitarbeitern. Heute erwirtschaften 120.000 Mitarbeiter gerade mal die erwähnten 17 Mrd. Euro. Unter dem Strich, d.h. auch unter Berücksichtigung der Inflation, ist Bertelsmann also seit 2000 real beträchtlich geschrumpft. Der Bildungssektor, der als Wachstumshoffnung betrachtet wird, bleibt bisher weit hinter den Erwartungen zurück. Man hat den Eindruck, als würde Bertelsmann die Unternehmen erwerben, die sonst keiner mehr haben will.

Anschluss verpasst: Vom Medien- zum Logistik- und Servicekonzern

Durch seine Tochter arvato, die mit ca. 70.000 Mitarbeiter den Großteil der Beschäftigten stellt, ist Bertelsmann prominent im Logistik- und Dienstleistungsgeschäft vertreten. Einige, wie die SZ, halten arvato zwar für langweilig, dafür aber für um so mächtiger. Als Grund gibt Autor Caspar Busse an, dass arvato u.a. für facebook die problematischen Beiträge auf facebook löscht und noch weiterhin für Microsoft und Vodaphone tätig ist. Nur – was hat die Tatsache, dass Bertelsmann als Erfüllungsgehilfe für facebook und Microsoft tätig sein darf, mit Macht zu tun? Eher das Gegenteil.

Was die Zukunftsperspektiven von Bertelsmann betrifft, ist die Mehrzahl der Kommentatoren, mit Ausnahme vielleicht der Lokalzeitungen Die Glocke, Westfalen Blatt oder Neue Westfälische, mehr als skeptisch. Beispielhaft dafür sind:

Cash Cow RTL

Seit einigen Jahren steuert RTL den Löwenanteil zum Konzerngewinn von Bertelsmann bei. In früheren Jahren war es Gruner + Jahr, das mit seinen satten Gewinnen die Expansionsstrategie von Bertelsmann mit den nötigen Geldmitteln versorgte. Es fragt sich, wie lange RTL noch die Rolle der Cash Cow übernehmen kann, zumal das Fernsehgeschäft digitaler wird und damit Anbietern wie Google, Apple oder Alibaba noch mehr in die Hände spielt als bisher. Das ohnehin schon überschaubare Qualitätsniveau noch weiter absenken, um neuen Umsatz generieren, stösst bald an natürliche Grenzen.

Die neuen Medienkonzerne, die digitalen Plattformen übernehmen die Macht 

Die große Zeit der klassischen Medienkonzerne wie Bertelsmann ist vorüber. In den letzten Jahren hat sich eine Wachablösung vollzogen, die Lutz Hachmeister in seinem Beitrag Die deutsche Medienindustrie löst sich auf thematisiert.

Längst sind Google, Amazon, Alibaba, Tencent, Apple und facebook im Mediengeschäft an Bertelsmann vorbei gezogen. Die großen digitalen Plattformen können Entertainment, Logistik und Payments auf der einen,  Hardware und Software auf der anderen Seite aus einer Hand anbieten. Facebook zählt mittlerweile 1,7 Mrd. aktive Nutzer. Tencent ist im Gaming-Sektor führend und vereint auf seiner Messaging-Plattform WeChat mehrere hundert Millionen Nutzer. Alibaba hat mit Alipay eine Lifestyle Super App im Angebot, die ebenfalls von mehreren hundert Millionen Menschen genutzt wird. Medienangebote, häufig selbst erstellte, sind nur ein Teil des Angebots. Für Bertelsmann bleibt immer häufiger nur noch, wie das Beispiel facebook zeigt, die Abwicklung, das Fulfilment.

Sicherlich lässt sich auch damit ordentliches Geld verdienen. Große Wachstumsschübe sind damit jedoch nicht zu erreichen. Bertelsmann verfügt über keine eigene digitale Plattform, die es mit Google & Co. auch nur ansatzweise aufnehmen könnte. Gerade für einen Medienkonzern ist das verheerend.

Bertelsmann hat den Anschluss verpasst.

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Georg Philipp Telemann, der barocke Multitasker

Von Ralf Keuper

Georg Philipp Telemann war zu Lebzeiten einer der bekanntesten und gefragtesten Komponisten. Daneben war er noch Organisator, Verleger, Theatermanager und Netzwerker; also vielseitig. In gewisser Hinsicht war Telemann ein barocker Multitasker. Das hat seinem Nachruhm jedoch geschadet. Lange Zeit wurde Telemann als „Vielschreiber“ von der Musikkritik geschmäht.

Wie aus dem ausgesprochen lesenswerten Eintrag auf Wikipedia hervorgeht, hat Telemann auf zahlreiche Musiker einen großen Einfluss ausgeübt:

Mehrere zeitgenössische Musiker – darunter auch Telemanns Schüler Johann Christoph Graupner, Johann Georg Pisendel und Johann David Heinichen – griffen Elemente von Telemanns Schaffen auf. Andere Komponisten wie Gottfried Heinrich Stölzel eiferten ihnen bald nach. Weitere Schüler aus der Hamburger Zeit, denen Telemann nicht das Instrumentalhandwerk, sondern „Stilkunde“ vermittelte, sind Jacob Wilhelm Lustig, Johann Hövet, Christoph Nichelmann, Jacob Schuback, Johann Christoph Schmügel, Caspar Daniel Krohn und Georg Michael Telemann. Telemanns polnische Einflüsse regten Carl Heinrich Graun zum Nachahmen an; Johann Friedrich Agricola lernte in jungen Jahren aus Telemanns Werken. Auch Johann Friedrich Fasch, Johann Joachim Quantz und Johann Bernhard Bach erwähnten Telemann ausdrücklich als Vorbild für einige ihrer Werke.

Aus eigenhändigen Bemerkungen, mit denen er die Manuskripte von Telemann versah, geht hervor, dass Carl Philipp Emanuel Bach etliche seiner Kompositionen studiert und aufgeführt hat. Die rege Freundschaft Telemanns mit Händel drückte sich nicht nur darin aus, dass Telemann mehrere von Händels Bühnenwerken – teilweise mit eigenen Einlagen – in Hamburg aufführte, sondern auch darin, dass Händel in späteren Jahren oftmals Themen von Telemann in seinen eigenen Kompositionen verwendete. Johann Sebastian Bach fertigte Abschriften mehrerer Kantaten Telemanns an und führte seinen Sohn Wilhelm Friedemann in einem für ihn angelegten Klavierbüchlein an dessen Musik heran. Das von Leopold Mozart für Wolfgang Amadeus angelegte Notenbuch enthält elf Menuette sowie eine Klavier-Fantasie von Telemann. Sowohl der Klavierstil Carl Philipp Emanuel Bachs als auch Wolfgang Amadeus Mozarts erinnert mitunter an Telemanns Schreibweise.

Mit 3.600 verzeichneten Werken ist Telemann, wie weiter zu erfahren ist, einer der produktivsten Komponisten der Musikgesichte. Einige Musikwissenschaftler ziehen eine Parallele zu Hans Werner Henze, der ebenfalls außerordentlich produktiv war.

Hans Werner Henze schrieb über seine Beziehung zu Telemann:

Die Musik von Telemann hat mich schon früh gerührt und erfreut, als ich noch zur Schule ging. Telemanns e-Moll-Quartett von 1736 war die einzige Partitur des Meisters, die sich damals, in den letzten Kriegsjahren, finden konnte.

Die Noblesse und Eleganz dieser Musik hat ganz sicherlich meine Komposition beeinflusst, wobei ich die langsame Introduktion und den ganz wunderbaren Schlussgesang als besonders vorbildlich gesehen habe und noch immer sehe.

Von Henze stammt auch das Stück Telemanniana:

Im Jahr 2016 ging das Freiburger Barockorchester (FBO) mit dem Programm „Bach und Kollegen“ auf Tournee, worüber die Schwäbische Zeitung in Barocke Netzwerker berichtete. Darin war zu lesen:

„Back und Kollegen“ wirft einen Blick auf das musikalische Netzwerk, das Johann Sebastian Bach mit Georg Philipp Telemann in Hamburg, Johann Friedrich Fasch am Hof von Anhalt-Zerbst und dem böhmischen Komponisten Jan Dismas Zelenka in Dresden pflegte.  .. In einer Tafelmusik von Telemann erklangen eine Reihe von Charakter -und Tanzsätzen, etwa eine anmutige Hirtenmusik, die angedeuteten Signale eines Posthorns oder ein lebhafter Rausschmeißer.

In Hamburg und anderenorts wird in dem diesem Jahr der 250. Todestag des großen Komponisten gefeiert. Eisenach feiert den Erneuerer der lutherischen Kirchenkantate.

Auch in Texas und New York wird des barocken Netzwerkes Telemann, Bach & Co. gedacht: Saturday Concert Showcases ‚Drama‘ Of Baroque Music und Arts Lust: Unforgetting Telemann With the NYC Opera.

Im letzten Beitrag wird der Erneuerer, heute sagt mal wohl eher „Innovator“ Telemann erwähnt:

He shook up the establishment by starting a publishing company for his own music. He founded the first musical journal published in Germany. He was a serious poet and kapellmeister of several churches. He played music in taverns on evenings when he wasn’t writing letters to his friends Bach and Handel.

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Zu viele Informationen – Neue Medien fordern Gehirn der Nutzer heraus

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Tuchel vs. Watzke: Sündenfall des Sportjournalismus?

Von Ralf Keuper

So schnell kann es gehen: Noch vor kurzem wurde Hans-Joachim Watzke von der FAZ in Er steht für Dortmund über den Klee gelobt, da dreht sich der Wind augenblicklich, als Watzke in einem Interview einen offenen Dissens mit Trainer Thomas Tuchel einräumt. Wenige Wochen später ist Tuchel nicht mehr Trainer des BVB. Darauf reagieren die Medien in ihrer Mehrzahl mit demonstrativem Liebesentzug, wie René Martens in Schluss mit den szenischen Einstiegen feststellt. Martens nimmt darin u.a. Bezug auf den Beitrag in der FAZ Der Scheidungskrieg wird zur Schlammschlacht. 

Der Autor Michael Horeni folgt darin nach meinem Eindruck, wie schon zuvor in Der Feind im eigenen Haus, weitestgehend der Linie des Tuchel-Beraters Olaf Meinking. Der Berater bzw. dessen Lebensstil scheinen es dem Autor ohnehin irgendwie angetan zu haben: Die Kanzlei liegt „im Herzen Hamburgs, nahe der Außenalster, dort, wo das Geld wohnt und im Mai weißer Rhodedendron vor rausgeputzten Gründerzeithäusern blüht“. Das ist schon sehr nahe am Kitsch. Solche Formulierung sollte man besser denen überlassen, die es können, also echten Schriftstellern. Hier das feine, noble Hamburg und Tuchel – dort das schmuddelige, gefühlsduselige Ruhrgebiet mit Watzke. Nur gut, dass die Kanzlei ihren Sitz nicht in St. Pauli hat 😉

Für Hendrik Steinkuhl ist die Ächtung von BVB-Chef Watzke ein Sündenfall des Sportjournalismus.

Auffallend ist, dass sich auf einmal der Sänger Marius Müller-Westernhagen in der Diskussion zu Wort meldete. Die WAZ stellte in dem Beitrag Immer neue Details werden bekannt – bei Borussia Dortmund hat die Schlammschlacht begonnen dazu fest:

Dass Marius Müller-Westernhagen kurz vor dem Finale aus der Versenkung auftauchte und Spieler mit seinem öffentlichen Tuchel-Lob anstecken wollte, wertet man beim BVB als gesteuerte Aktion: Berater des Rocksängers ist Olaf Meinking – der Berater von Tuchel.

Aus irgendwelchen Gründen haben sich Teile der Medien auf Watzke eingeschossen und konstruieren ein Schwarz-Weiß – Bild: Das vermeintliche Genie Tuchel auf der einen und der eiskalte Technokrat Watzke auf der anderen Seite. Dass auch Kapitän Schmelzer sich von dem Trainer distanziert hatte, scheint einige Journalisten nicht zu bekümmern. Auch nicht, dass die Gremien des BVB die Entscheidung Watzkes ausdrücklich mittragen. In  Zorc erklärt, was der neue BVB-Trainer mitbringen muss – und räumt mit einem Vorurteil in der Causa Tuchel auf wird Sportdirektor Michael Zorc mit der Aussage zitiert:

Beim BVB gibt es im sportlichen Bereich keine Entscheidung, die nicht von mir getroffen und/oder inhaltlich komplett mitgetragen worden wäre. Deshalb ist es völlig falsch, von einem Alleingang von Aki Watzke zu sprechen!

Martens zählt die Zeit, die FAS und die taz zum Tuchel-,  die SZ und den Spiegel zum Watzke-Lager. Nach meinem Eindruck gehören zum Watzke-Lager auch die Welt und die WAZ.  Dass Tuchel nicht nur die leise, gepflegte Konversation beherrscht, musste u.a. Emre Mor erfahren, wie Sport1 in Tuchel faltet Mor zusammen schreibt. Ein weiterer Riss in der öffentlichen Darstellung Tuchels kam hinzu, als herauskam, dass der BVB-Fitnesstrainer Emre Mor demütigte, indem er ihn aufforderte, auf allen Vieren zu kriechen.

So oder so. Der Sportjournalismus sieht in der ganzen Sache nicht gut aus. Sicherlich nicht der letzte „Sündenfall“.  Die Unterscheidung zwischen Journalismus und PR fällt, mir jedenfalls, ohnehin immer schwerer.

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Tempel der verbotenen Bücher auf der Documenta

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Die Bibliothek als Tor zur Welt

Von Ralf Keuper

Welche Rolle fällt den Bibliotheken in der Digitalmoderne zu? Werden sie überhaupt noch benötigt, wo doch das Wissen der Welt im Internet für jeden zugänglich ist, man denke nur an Wikipedia?

Diese Fragen beschäftigt das Feuilleton seit längerem. Abgesänge auf die Bibliotheken sind, das ist zumindest mein Eindruck, verfrüht (Vgl. dazu: Zur Rolle der Bibliotheken in der Digitalmoderne). Bibliotheken erfüllen mehrere wichtige Funktionen, wie u.a. vor einiger Zeit auf dem 25. Bayerischen Bibliothekstag in Rosenheim hervorgehoben wurde.

Bibliotheken

  • gewähren den freien Zugang zu jeglicher Information (Grundgesetz Art. 5, Abs. 1),
  • unterstützen die Schulen bei der Leseförderung und stellen Materialien für die Aus- und Weiterbildung bereit,
  • leisten einen Beitrag zur Integration von Menschen mit Migrationshintergrund und
  • vermitteln Medienkompetenz und Orientierung in der Medienvielfalt.

Trotz der fortschreitenden Digitalisierung wie überhaupt des Medienwandels müssen sich die Bibliotheken nicht gleich neu erfinden, wie Ulrich Johannes Schneider, Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig, in dem Beitrag Der Lesesaal ist ein Tor zur Welt in der FAZ vom 30.05.17 festhält:

Die bibliothekarische Vermittlungsaufgabe blieb akut und ist es noch heute. Größerer Ausstoss und vermehrte Zirkulation an Literatur haben seit dem neunzehnten Jahrhundert dafür gesorgt, dass immer mehr und immer größere Bibliotheken, auch immer größere Lesebereiche errichtet wurden. Noch heute sind Arbeitsplätze in Bibliotheken weltweit stark nachgefragt. Welche andere Kultureinrichtung kennt so lange Öffnungszeiten wie Bibliotheken .. . Orte wie Bibliotheken, wo Konzentration und Kommunikation zugleich möglich sind, werden in einer auf effektive Raumausnutzung orientierten Welt immer seltener.

In einem Interview mit WDR3 vertritt Wibke Ladwig die Ansicht, dass Bibliotheken, um in der digitalen Welt bestehen zu können, die sozialen Medien nutzen sollten:

Auf die Frage: Warum sind Facebook und Twitter so wichtig für diese Einrichtungen? antwortet Ladwig:

.. ich halte Soziale Medien für ein gutes Instrument, um die Bibliotheken näher zu den Menschen zu bringen. Darüber hinaus können sich die Einrichtungen im Internet stärker vernetzen – mit den verschiedensten Protagonisten, die, ebenso wie die Bibliotheken, Kultur und Bildung zum Thema haben.

Dass die Digitalisierung nicht zwangsläufig zum Verschwinden des gedruckten Buches bzw. dazu führt, dass nur noch wenige physische Bücher ausgeliehen werden, musste die Deutsche Nationalbibliothek erfahren. Ihre Ankündigung, künftig vorrangig E-Books zur Ausleihe zur Verfügung zu stellen, löste einen unerwarteten Sturm der Entrüstung aus. In einer selbst durchgeführten Nutzerbefragung, war der Anteil derjenigen Leserinnen und Leser, die ein gedrucktes Buch dem E-Book vorzogen, überraschend hoch. In Buchleser wieder willkommen in der FAZ vom 15.02.17 kommentieren die Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek, Elisabeth Niggemann, die Leiterin der Frankfurter Zweigstelle, Ute Schwens, und Michael Fernau, Leiter der Niederlassung in Leipzig, das Ergebnis der Nutzerbefragung:

Individuelle Lesegewohnheiten, eingeübte Arbeitsweisen, die Art der Fragestellungen an die Literatur, technisches Verständnis, Abneigung oder Vorliebe für die Arbeit am Bildschirm, Zustand der Augen und vieles mehr beeinflussen die Präferenzbildung. .. Auch die Vorteile der Nutzung einer digitalen Version werden nicht verkannt: schnellere Bereitstellung, bessere Durchsuchbarkeit, schnellerer Ausdruck benötigter Seiten vom Arbeitsplatz aus, schnelle Überprüfbarkeit von Fußnoten werden als Vorteile geschätzt. Andererseits sprechen sich viele, die an der Befragung teilgenommen haben, für das Arbeiten mit dem gedruckten Buch aus.

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