Medienindustrie in Auflösung

Von Ralf Keuper

Die alte Medienindustrie ist, folgt man Lutz Hachmeister und Till Wäscher, in Auflösung begriffen. Unter die weltweit größten Medienkonzerne haben sich in den letzten Jahren neue Spieler gemischt, die noch vor fünfzehn Jahren von Disney, News Corporation und Bertelsmann als Mitbewerber kaum wahrgenommen wurden.

Zu den großen traditionellen, vertikal integrierten Medienkonzernen, die üblicherweise Fernsehsender, Radiostationen, ein Hollywood-Studio, Themenparks und einen Games Publisher verbinden (zum Beispiel Walt Disney, Time Warner oder Viacom/CBS) sind in den vergangenen Jahren neue Wissens- und Datenkonzerne hinzugekommen. Die „Big Four“ der Online-Industrie, heute gern als GAFA bezeichnet (Abkürzung für: Google, Apple, Facebook, Amazon), machen den legacy media nicht nur durch das Sammeln von Nutzerdaten Marktanteile auf dem Werbemarkt streitig, sondern sie haben massiv in die Produktion von eigenen Inhalten investiert. Es ist zu einem Revival der in der Vergangenheit überstrapazierten Phrase „Content is King“ gekommen, die bezeichnenderweise auch in einem Artikel von Bill Gates im Jahr 1996 auftaucht, in dem der Microsoft-Gründer prognostizierte, das Internet werde sich langfristig zu einer neuen Form von kommerziellen Rundfunk entwickeln.

Das spiegelt sich auch darin, dass der größte Medienkonzern Google mit einem Jahresumsatz von 67,6 Mrd. Dollar ist, gefolgt von Comcast und Disney. Von den deutschen Medienkonzernen schafft es nur noch Bertelsmann, auch hier nur noch mit fallender Tendenz, unter die Top 50 der Welt:

20 Konzerne, die noch vor zehn Jahren Teil der Top 50 waren, sind in der aktuellen Rangliste nicht mehr vertreten, darunter auch die fünf deutschen Vertreter Axel Springer, Pro Sieben Sat 1, Holtzbrinck, Burda und die Funke-Mediengruppe. US-Konzerne wie der langjährige Spitzenreiter Time Warner (1995 bis 2009), wie Walt Disney und News Corp. können ihre Stellung noch halten. 30 der 50 größten Medienkonzerne kommen aus Nordamerika, zehn aus Europa und sechs aus Asien. Mit dem Einzug von Google und Apple in die Top Ten mussten europäische Konzerne wie Vivendi, Lagardère, die ARD und Bertelsmann den Medien- und Datenkonzernen in den oberen Plätzen weichen.

Künftig seien die alten Medienkonzerne sowie Blogs nur noch Zulieferer der großen Digitalen Plattformen wie GAFA:

Es deutet einiges darauf hin, dass legacy media, aber auch Blog-Seiten nur noch Zulieferer für ein von Social-Media-Firmen dominiertes Online-Ökosystem werden. Journalismus wird so zum Unterfall der Konvergenzökonomie. Droht Online-Magazinen und News-Seiten das gleiche Schicksal wie Zeitungen zur Jahrtausendwende? Jüngste Berichte über Umsatzrückgänge und Entlassungen bei zwei der populärsten Nachrichtenplattformen, Buzzfeed und Mashable, deuten darauf hin. Dank des wachsenden Einflusses von Facebooks News Feed werden Artikel mehrheitlich über Smartphones und vor allem nicht mehr auf den eigenen Webseiten der jeweiligen Anbieter gelesen. Von der Vergrößerung der Leserschaft durch „Instant Articles“ profitieren in erster Linie Facebook & Co.; für die Homepage der jeweiligen Publikation gehen in der Konsequenz der Traffic und damit auch die Werbeeinnahmen zurück.

Zu den Gewinnern zählen auch die Hersteller von Online-Spielen wie Microsoft und Tencent:

Einen wachsenden Markt stellen schließlich die Produktion und der Vertrieb von Videospielen dar. Sony, Time Warner, Facebook, Vivendi, Tencent, Microsoft und Amazon haben mittlerweile erfolgreiche Games-Geschäftsbereiche etabliert. Mit Activision, Electronic Arts und Nintendo sind zudem drei reine Games Publisher im Ranking der größten Medienkonzerne vertreten. Das wichtigste Produkt von Sony ist – nach der schrittweise erfolgten Abspaltung seines TV- und Mobil-Hardware-Segments – die Playstation 4. Die Konsole, die durch die Verzahnung mit YouTube, Netflix, Amazon Video und der Sony-eigenen Streaming-Plattform Crackle mehr Multimedia-Set-Top-Box als reine Spielkonsole ist, hat sich weltweit mehr als 40 Mio Mal verkauft, das Microsoft-Pendant Xbox One 20 Mio Mal. Der erfolgreichste Entertainment-Launch des Jahres 2015 war nicht etwa ein Kino-Blockbuster, sondern das Videospiel „Fallout 4“, das innerhalb von 24 Stunden 750 Mio Dollar umsetzen konnte.

Während die klassischen Medienhäuser noch immer nach dem lukrativen Online-Geschäftsmodell fahnden, sind Nintendo, Tencent, Sony, Microsoft und andere schon mehr als einen Schritt weiter:

Während Zeitungshäuser nach wie vor nicht wissen, wie sie ihre Online-Leser zum Bezahlen bringen können, machen Games Publisher mit kostenpflichtigen Zusatzinhalten vor allem auf mobilen Geräten Milliardengewinne. Zudem werden Games-Firmen, deren weltweiter Umsatz bis 2017 auf über 100 Mrd Dollar ansteigen wird, zunehmend zu Filmstudios: Activision, Nintendo und Ubisoft sind mittlerweile in die Filmproduktion eingestiegen, um die Popularität ihrer Titel und Charaktere für Kinofilme und Fernsehserien zu nutzen.

Der öffentliche-rechtliche Rundfunk befindet sich auf dem Rückzug. Selbst einstige Flaggschiffe wie die BBC bekommen die Entwicklung zu spüren. Noch bescheidener fällt der Ausblick für ARD und ZDF aus:

Es ist weiterhin unklar, wie viel der deutschen Rundfunkbeitragsgelder ins Programm fließen und wie viel in Verwaltung und Pensionsrückstellungen, wie viele Millionen Euro die Experten bei Sportübertragungen für wenige Stunden Arbeit erhalten und warum rechercheintensive Dokumentationen nicht ins Schaufenster der Primetime gestellt werden. Während ältere Generationen den öffentlich-rechtlichen Sendern weiterhin treu bleiben werden, ist es nur schwer möglich, ein jüngeres, zunehmend der englischen Sprache mächtiges Publikum dauerhaft zu binden – trotz Versuchen, digitale „Jugendkanäle“ ins Leben zu rufen. Ein Szenario für die die kommenden Dekaden könnte ein auf politische Berichterstattung und Regionalsendungen beschränkter öffentlich-rechtlicher Rundfunksektor sein, der akzeptiert hat, dass er es mit den Produktionskapazitäten von Netflix, YouTube und Amazon nicht mehr aufnehmen kann.

Der Wandel der Branche wird bezogen auf Deutschland besonders gut am Beispiel Bertelsmann deutlich: Das Unternehmen, das schon mal der größte Medienkonzern der Welt war, dümpelt seit Jahren beim Umsatz vor sich hin. Selbst stagnierende, und damit inflationsbereinigt rückläufige, Umsätze werden als Erfolg verkauft. Die Gewinne stammen im überproportionalem Verhältnis vom Sender RTL, der wahrlich nicht als Produzent anspruchsvoller Medienformate bekannt ist. Es ist absehbar, dass RTL früher oder später unter die Räder kommt. Hier sind Youtube, Tencent, Amazon, Netflix, facebook & Co. in einer deutlich stärkeren Position. Sie verfügen nicht über den Content, sondern vor allem auch über die Kanäle und die Technologie. Hier haben die alten Medienkonzerne, wie Bertelsmann, nur noch wenig entgegenzusetzen.

Am Beispiel von Bertelsmann wird jedoch auch deutlich, wie problematisch die Klassifizierung/Kategorisierung als Medienkonzern inzwischen ist. Hachmeister und Wäscher schreiben:

Wir definieren Medienkonzerne als Unternehmen, die publizistische Inhalte in Massenmedien verantwortlich erstellen und/oder verbreiten sowie maßgebliche Teile ihres Umsatzes mit Erlösen aus Rechten/Lizenzen und/oder Werbung erzielen und nicht als reine Telekom- oder Technik-Provider auftreten. Ferner werden Konzerne berücksichtigt, die durch Produktion und/oder Distribution maßgeblichen Einfluss auf die kommunikative Umwelt eines breiten Publikums haben. Die Geschäftsfelder und Branchen, in denen diese Konzerne im Wesentlichen aktiv sind, umfassen Film- und Fernsehproduktion und -distribution, Streaming- und Social-Media-Dienste, Bücher-, Zeitungs- und Magazinverlage, Radiostationen und Musiklabels sowie Games Publishing und Fachinformationsdienste. Es gibt keine mathematisch trennscharfe Definition von Medienkonzernen, auch die Abgrenzung zur Telekommunikationsindustrie ist mitunter schwierig, aber unser Kategoriensystem hat sich über die Jahre doch als recht brauchbar erwiesen.

Dann verstehe ich nicht, weshalb Amazon, SoftBank und Alibaba nicht im vollem Umfang aufgeführt werden, denn: Bertelsmann erzielt mit arvato einen Großteil seines Umsatzes als Logistik-Unternehmen. Noch deutlicher wird das bei der Verteilung der Mitarbeiterzahlen: Von den gut 120.000 Mitarbeitern sind ca. 70.000 bei arvato beschäftigt. Wenn wir also Bertelsmann mit seinem gesamten Umsatz als Medienkonzern aufführen, dann muss das auch für Amazon und auch schon für SoftBank und Alibaba gelten. Es fehlen weiterhin Unternehmen, die vielleicht nicht auf den ersten Blick dem Modell eines Medienkonzerns nach Hachmeister und Wäscher entsprechen, jedoch m.E. dazu gezählt werden müssen, wie der Halbleiter-Hersteller Nividia oder Adobe. Hachmeister und Wäscher denken hier noch in tradierten Kategorien, die den neuen Realitäten kaum noch entsprechen. Auch die Telcos wollen sich nicht mehr auf ihren Status als Informationsdurchleiter beschränken und in das Geschäftsfeld mit den Daten einsteigen, wie etwa Telefonica.

Kurzum. Wie benötigen ein neues Koordinatensystem.

Veröffentlicht unter Medienindustrie, Medienwandel, Medienwissenschaften | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Klassiker: Stoiber On Drums – Jonny König

Veröffentlicht unter Medienkunst | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Clemens Fürst von Metternich und „Das Zeitalter der Worte“

Von Ralf Keuper

Clemens Fürst von Metternich gilt noch immer als Sinnbild eines reaktionäres Staatsmannes. Diesen Eindruck versucht Wolfram Siemann in seiner voluminösen Biografie Metternich. Stratege und Visionär zu korrigieren. Siemann zeigt, dass Metternich keineswegs nur von restaurativen Absichten geleitet war, die darauf abzielten, den alten Zustand vor der Französischen Revolution wiederherzustellen. Metternich war sich vollauf bewusst, dass die Revolution, und in besonderer Weise das Erscheinen Napoleons auf der Weltbühne, eine Rückkehr zum alten Status Quo unmöglich machten. Der Schwerpunkt seiner diplomatischen Bemühungen als Außenminister der Habsburger Monarchie lag darauf, Österreich so weit wie möglich aus der (tödlichen) Umklammerung Frankreichs zu befreien, ohne dabei den Zorn Napoleons auf sich zu ziehen. Die Innenpolitik musste demnach auf die Außenpolitik abgestimmt werden. Als einer der Ersten erkannte Metternich die Bedeutung der Massenmedien,  um die „öffentliche Meinung“ auf den Regierungskurs einzustimmen. Dabei sprach er bereits von dem „Zeitalter der Worte“.

Siemann hält fest:

Metternich, hier ganz modern, begreift die Presse als ein fortschrittliches Massenmedium; als einer der ganz wenigen Politiker seiner Zeit erfasst er, dass sich in seiner Gegenwart – er spricht vom „Zeitalter der Worte“! – ein medialer Wandel ereignet, welcher „die Gesellschaft“ von Grund auf zu verändern helfe, weil die Presse zu einer gesellschaftlichen Macht werde. Geradezu prophetisch verkündet er:“Die öffentliche Meinung ist eines der mächtigsten Mittel, ein Mittel, das – wie die Religion – die verborgenen Winkel durchdringt, wo die Maßnahmen der Verwaltung ihren Einfluss verlieren; die öffentliche Meinung zu mißachten ist ebenso gefährlich, wie die moralischen Prinzipien zu mißachten; .. sie verlangt eine besondere Verehrung, Konsequenz und eine nicht erlahmende Ausdauer. Die Nachwelt wird kaum glauben, dass wir das Schweigen als wirksame Waffe betrachtet haben, um den Schreiern auf der Gegenseite zu widerstehen, und das im Jahrhundert der Worte“

Zwar verfügte die österreichische Regierung mit der „Wiener Zeitung“ bereits über ein offizielles Mitteilungsorgan, jedoch fehlte es dieser an der nötigen Unbefangenheit, um auf alle Neuigkeiten, massenmedial angemessen, reagieren zu können:

Weil die „Wiener Zeitung“ als Regierungsblatt nicht unbefangen geschrieben werden könne, fehle die Resonanz. Man benötige deshalb „eine dem Anschein nach von offiziellem Einflusse getrennte periodische Schrift“. Metternich konzentrierte sich fortan systematisch darauf, ein „literarisches Büro“ einzurichten und von dort aus die Presse zu manipulieren. Seit er das Sagen hatte, suchte er, namhafte Intellektuelle in seinen Bannkreis zu ziehen und für die österreichische Politik schreiben zu lassen: in Leipzig Adam Müller, in Prag 1813 Friedrich Gentz und in Wien Friedrich von Schlegel.

Über das „Literarische Büro“ heisst es später:

Das Büro nahm .. im April 1810 seine Arbeit auf. Es etablierte sich mit eigener Bibliothek, abonnierte laufende „Journale und gelehrte Zeitungen“, politische Blätter und Wochenschriften des In- und Auslands und verfügte über einen eigenen Etat und besonderes Personal. In „Geschäftsjournalen“ lieferte es Tag für Tag eine Art Presseschau zu Artikeln des In- und Auslands, versehen mit warnenden, hervorhebenden oder wertenden Anmerkungen.

Veröffentlicht unter Desinformation / Propaganda, Mediengeschichte, Medienwandel | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Albert Uderzo zum 90. nachträglich

Von Ralf Keuper

Nur wenige Comic-Zeichner können für sich beanspruchen, einen eigenen Stil begründet zu haben, der die Zeiten überdauert. Um so einen Fall handelt sich bei Albert Uderzo, dem legendären Zeichner von „Asterix“. Am 25. 04. feierte Uderzo seinen 90. Geburtstag.

Das Einzigartige an Uderzos Stil beschreibt Andreas Platthaus in der FAZ vom 25.04.17 in Und was fällt Ihnen zuerst zur französischen Geschichte ein?:

Diese Vielseitigkeit .. verdankte sich seiner Bewunderung für die amerikanischen Klassiker des Metiers, allen voran die Disney-Comics und noch mehr die Disney-Trickfilme. Ihnen hat Uderzo die Beweglichkeit und das Volumen seiner Figuren abgeschaut- „illusion of life“, wie man es bei Disney nannte, wenn man die gezeichnete Welt so gestaltete, als wäre sie real, aber nicht dank Fotorealismus, sondern durch visuelle Plausibilität über Phänomene wie Schattenwurf oder psychogonomische Verformungen bei Belastung der Figuren, die dann auch gerne übertrieben dargestellt sein dürfen. „Asterix“ folgt diesem Ideal und ist damit das Gegenteil von Hergés in „Tim und Struppi“ entwickelter Ligne claire, bei der alles auf die notwendigen Dekors reduziert ist, die dafür aber höchst akribisch sind, während Dinge wie gerade die Schatten entfallen dürfen. Deshalb wird Hergé von Künstlern bewundert: weil er eine eigene Welt geschaffen hat. Deshalb wird „Asterix“ mehr gelesen: weil er von dieser Welt ist.

 

Veröffentlicht unter Mediengattungen, Medienkunst | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Wie die FAZ versucht, uns Alice Weidel näher zu bringen

Von Ralf Keuper

Wenn der Eindruck nicht täuscht, dann ist man bei der FAZ derzeit eifrig bemüht, uns Alice Weidel als respektable Spitzenpolitikern zu präsentieren. Beispielhaft dafür ist Wer ist Alice Weidel?: Die Scheingemäßigte. Ein Porträt in drei Geschichten und zuvor AfD-Politikerin Alice Weidel ist Alternative zu Björn Höcke. Beim letzteren Beitrag handelt es sich um eine Homestory im Bunte-Stil, wie man sie so bislang nicht von der FAZ kannte.

Als Beleg dafür, dass Alice Weidel nicht in das übliche Klischee einer AfD-Politikerin passt, führt Justus Bender, der Autor des erstgenannten Artikels, u.a. an, dass Frau Weidel bei Goldman Sachs gearbeitet habe und überdies die chinesische Sprache beherrsche und auch ansonsten weltgewandt aufzutreten verstehe. Ob eine Beschäftigung bei Goldman Sachs als Ausweis für die Qualifikation als Spitzenpolitikern dienen kann, ist bei der Rolle, die das Geldhaus vor und während der Finanzkrise gespielt hat, fraglich.

Aber selbst wenn wir all die Merkmale, die Bender so emsig zusammen trägt, für eine liberale Grundhaltung gelten lassen würden, bleibt die Frage bestehen, warum eine Frau mit diesen Eigenschaften sich als Spitzenkandidatin für eine Partei zur Verfügung stellt, deren führende Vertreter mit Äußerungen an die Öffentlichkeit treten, die alles andere als liberal und weltoffen sind. Auch Mitglieder aus der zweiten und dritten Reihe sind, wenn sie sich öffentlich zu Wort gemeldet haben, in ihrer Mehrheit, so jedenfalls mein Eindruck, bisher nicht als Vorkämpfer einer offenen Gesellschaft im Sinne Karl Poppers in Erscheinung getreten. Darauf gibt uns Bender leider keine befriedigende Antwort. So bleibt ein schaler Nachgeschmack.

Da wählt Georg Restle von Monitor deutlichere Worte, welche die FAZ-Redaktion auf sich wirken lassen sollte …

Weitere Informationen: Monitor-Sendung vom 27.04.17 Die AfD: Schutzschild der extremen Rechten?

Das scheint der FAZ ebenfalls entgangen zu sein: Auf der Suche nach der Startup-Vergangenheit von Alice Weidel.

Veröffentlicht unter Journalismus | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Fontane: Ein Pionier der Fake News

Von Ralf Keuper
Ausgerechnet der Begründer des literarischen Realismus in Deutschland, Theodor Fontane, soll ein Pionier bei der Herstellung und Verbreitung von Fake News gewesen sein !?. 
Die Germanistin Petra McGillen jedenfalls, ist in einem Interview mit der FAZ dieser Ansicht. Auszug: 

In der Forschung ist schon lange bekannt, dass Fontane Zeitungsberichte verfasst hat, die er mit Phantasie und falschen Fakten frisierte. Neu ist die Erkenntnis, wie gut sein Vorgehen zu dem heutiger Fake-News-Produzenten passt. Das ist mir aufgefallen, als ich mich im Rahmen eines Buchprojekts eingehend mit Fontanes Arbeitsweise, seinen Notizbüchern und seinem Umgang mit Informationen befasst habe. Fontane hatte das Journalistenhandwerk gründlich gelernt. Er war mehr als vier Jahrzehnte lang professioneller Journalist. Er las täglich mehrere Zeitungen und war so über alles, was zirkulierte – Skandale und Gerüchte eingeschlossen –, stets im Bilde. Er wusste ungeheuer viel über die Medienszene seiner Zeit und hat nahezu alle Sparten bedient, unter anderem auch mit einer frühen Form von Fake News.

Veröffentlicht unter Desinformation / Propaganda | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Über das Elend von Funk und Fernsehen. Ein Insider-Bericht aus dem Jahr 1988

Von Ralf Keuper
Im Jahr 1988 erschien das Buch REPORT. Über das Elend von Funk und Fernsehen. Ein Insider-Bericht, in dem der ehemalige REPORT-Baden-Baden  – Redakteur Wolfgang Moser über seine Erfahrungen im damaligen Südwestfunk Baden-Baden berichtete. Dem Buch vorausgegangen war ein jahrelanger Streit im SWF um die Ausrichtung bzw. um die journalistische Unabhängigkeit von Report Baden-Baden, in deren Folge sich der damalige Leiter von Report Baden-Baden, Franz Alt, wenngleich widerwillig, der Weisung des CDU-Intendanten Willibald Hilf, die in einem „Neuen Konzept“ niedergelegt wurde, fügte. Wolfgang Moser musste den Sender verlassen.
Einige der Aussagen in dem Buch zeigen, dass die Diskussion um die Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Medien so neu nicht ist. An einigen Stellen überkommt einen ein Deja-Vu. 
Hier einige Beispiele:
Man beobachte nur mal Bonner Fernsehjournalisten, wenn sie ihren politischen  Gesinnungsfreunden für die ewig gleichen Nichtigkeiten die Mikrofone halten. Vielleicht ist der Kollege gerade in einem der zahlreichen Bonner Kungel-Kreise, „Wespennest“ oder „Brückenkreis“, „Gelbe Karte“ oder „Antenne“ genannt, mit Hintergrundinformationen versehen worden, die natürlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind und die auch nur selten an die Öffentlichkeit gelangen. 

Sinn dieser informatorischen Korruption ist, Journalisten das Gefühl vermeintlicher Wichtigkeit zu suggerieren, sie einzubinden in ein politisches Kartell, das selbst darüber bestimmen möchte, wann ihm Öffentlichkeit von Nutzen ist und wann nicht. 

Ausgerechnet an dem Ort, an dem penibles Einhalten von Distanz zu den politischen Akteuren besonders wichtig wäre, gedeiht ein Klima der Kumpanei, des schulterklopfenden Einvernehmens – tödlich für jede unabhängige, kritische Berichterstattung. 

Einige Zeilen weiter:

Zweifellos ist das Versagen des öffentlich-rechtlichen Journalismus mitverantwortlich für den Vertrauensverlust, den weite Teile der Politik in der Öffentlichkeit erlitten haben. Erst im Verein mit einer willfährigen Journaille konnten sich die Parteien zu jenem Moloch entwickeln, der mittlerweile das gesamte gesellschaftspolitische Geschehen maßgeblich bestimmt. 

Über die Bedeutung alternativer Informationsquellen:
Bei meinen Recherchen für REPORT hat es mich immer wieder überrascht, welche Fülle an fundierten detaillierten Informationen gerade in der sogenannten Alternativszene zirkulieren. Informationen, die meist weder in den öffentlich-rechtlichen Archiven noch in offiziell zugänglichen Datenbanken zu finden sind. 

Mir ist sehr bald klargeworden, dass ich von Leuten, die so gut informiert sind, mit meinen meist doch recht holzschnittartigen Beiträgen eher belächelt worden bin. ..

Keines der Themen, die in den letzten Jahren die gesellschaftspolitische Diskussion bestimmt haben, ist von den öffentlich-rechtlichen Medien entdeckt, zum Thema gemacht worden. Zumal das Fernsehen, als populärstes Medium, als Frühwarnsystem total versagt hat. Waldsterben, Gewässerverschmutzung, Artentod, die Gefährlichkeit der sogenannten friedlichen Nutzung der Atomenerige – Fehlanzeige. Immer erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, schwärmen auch die Kamerateams aus den Sendeanstalten aus. 

Moser erwähnt im weiteren Verlauf den ehemaligen WDR-Intendanten Klaus von Bismarck:

„Emotional belastende Sendungen“, hatte schon der frühere WDR-Intendant Klaus von Bismarck gefordert, müssten „informierend oder kommentierend unterbrochen“ werden, um die Zuschauer nicht „kritiklos in den Bann des Trends der Sendung“ zu ziehen. 

Das Buch enthält noch ein Zitat der International Herald Tribune über das Wesen bzw. die typischen Eigenschaften des deutschen Journalismus:  

Das Hauptproblem der westdeutschen Presse – vielleicht ein Überbleibsel alten Obrigkeitsdenkens oder hierarchischen Denkens – ist die generell unterwürfige Haltung gegenüber dem politischen und wirtschaftlichen Establishment. 

Veröffentlicht unter Journalismus | Hinterlasse einen Kommentar

Die vielen Leben der Schallplatte – der Reiz des entschleunigenden Musikgenusses

Von Ralf Keuper
Der Verkaufszahlen von Schallplatten weisen seit Jahren nach oben. Zu verdanken hat der langlebige Tonträger diese Entwicklung seiner Wandlung in ein Lifestyle-Produkt. Anders ist es selbst Vertretern des Branchenverbands GFU (Gesellschaft für Unterhaltungselektronik) nicht erklärlich, warum die Schallplatte auf vergleichsweise große Resonanz stösst. In Der neue Reiz des alten Plattenspielers in der FAZ vom 10.03.17 zitiert Thiemo Heeg den GFU-Aufsichtsratsvorsitzenden Hans-Joachim Kamp:

Rein technisch lässt sich ein besserer Klang nicht belegen, denn die Abtastung der Schallplatte ist mit Rauschen und Knistern verbunden, die Stereokanäle sind nicht annähernd so exakt getrennt wie in der digitalen Welt der CD, und zudem beeinflussen Resonanzen den Frequenzgang. 

Als mögliche Erklärung für die vielen Leben der Schallplatte nennt Kamp:

Viele Menschen mögen offensichtlich den entschleunigenden Musikgenuss und die damit verbundene Vorfreude darauf bereits beim Auspacken der Schallplatte. 

Veröffentlicht unter Medienträger | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

André Gide über Filterblasen und Echokammern

Horcht, wie die Leute reden. Wer hört denn dem anderen zu? Die Widersprechenden? Keineswegs. Man hört nur dem zu, der die eigenen Gedanken wiedergibt. Je mehr sie so ausgedrückt werden, wie man sie selber ausgedrückt hätte, um so lieber hört man zu. Die Geschicklichkeit der großen Journalisten besteht darin, dass sie den Idioten, der sie liest, dazu zu bringen, zu sagen: „Genau das, was ich dachte!“. Man will nicht angestoßen, man will geschmeichelt werden. Oh! wie langsam ist die Zeitenfolge. Wie lang die Mühe, den Platz zu wechseln! Wie ruht man sich aus zwischen den Kämpfen! Wie gern lässt man sich auf dem kleinsten Absatz nieder!

Quelle: Aus den Tagebüchern 1889-1939

 

Veröffentlicht unter Medienwandel | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Texte französischer Intellektueller, Künstler und Kritiker über das frühe Kino

Von Ralf Keuper
Wie das frühe Kino von Intellektuellen, Künstlern und Kritikern in Frankreich aufgenommen wurde, davon handelt das Buch Die Zeit des Bildes ist angebrochen! Französische Intellektuelle, Künstler und Filmkritiker über das Kino. 1906–1929
Der Verlag schreibt dazu:
Die Zeit des Bildes ist angebrochen! präsentiert – erstmals in deutscher Übersetzung – das Spektrum der Debatten französischer Poeten, Künstler, Wissenschaftler und Kritiker über das junge Kino in 60 ausgewählten Texten aus den Jahren 1906–1929.
Der Band ist mehr als eine Spezialität für Filmhistoriker, denn mit dem Siegeszug des Symbolmediums der Moderne vollzogen sich tiefgehende Wandlungen in Alltagskultur, Wahrnehmung und Künsten. Populäre Serien, das Niegesehene der Mikrowelt und fremder Kontinente sowie die neue fluide, teils avantgardistische Ästhetik der Filme riefen nach Debatte und Affirmation. Musik, Farbe, Rhythmus: Photogénie!
In seiner Rezension Neu wird die Welt im Lichte dieser Zauberlaterne in der FAZ vom 17.03.17 spart Bernd Stiegler nicht mit Lob. Resümierend hält er fest:

Letztlich geht es hier und in vielen der anderen Essays um eine technisch-magische Verwandlung der Wirklichkeit, die der Film nur als das zeigt, was sie ist, und dabei noch einer Metamorphose unterzieht. Im neuen Licht des Kinos zeichnet sich eine kommende Ära ab. „Die Zeichnung hat das Mammut aussterben lassen“ konstatiert lakonisch Jean Epstein. Die Zeit des technischen Leitbildes ist angebrochen. Und was wird es noch alles verschwinden lassen?

Veröffentlicht unter Mediengattungen, Medienwissenschaften | Hinterlasse einen Kommentar