Digitalisierung bei Ernst Klett Sprachen – Interview mit Elizabeth Webster

Veröffentlicht unter Medienträger, Medienwandel | Hinterlasse einen Kommentar

Die Merkel’sche PR-Maschine (Wolfgang Streeck)

Bis “Europa” steht, also bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag, wird in der deutschen Öffentlichkeit Politik durch sprachliche Moralprüfungen ersetzt. Wer es versäumt, die immer zahlreicher werdenden semantischen Geßlerhüte korrekt zu grüßen, läuft Gefahr, als neonazistischer Freund eines “Zurück in den Nationalstaat”, und damit als Befürworter einer Wiederaufnahme der europäischen Landkriege des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts, aus der “pro-europäischen” Kommunikationsgemeinschaft vertrieben zu werden. Der Preis, den unsere Gesellschaft für die so erzeugte, durch die Merkel’sche PR-Maschine virtuos fortgesetzte Tatsachen- und Problemblindheit zu zahlen hat, ist längst zu hoch geworden.

in: Hört auf, Europa als einen Wechselbalg zu behandeln!, FAZ vom 4.08.2018

Veröffentlicht unter Desinformation / Propaganda, Journalismus | Hinterlasse einen Kommentar

Michael Meyen: „Das ist eine Reaktion auf das Versagen der traditionellen Medien“

Veröffentlicht unter Journalismus | Hinterlasse einen Kommentar

Objektiver Journalismus

Von Ralf Keuper

Wie objektiv kann, muss Journalismus sein? Diese Frage wurde in der Vergangenheit in einigen Beiträgen diskutiert. Kaum jedoch so intensiv wie in Objektiver Journalismus? von Anastasia Steinke.

Darin beruft sie sich u.a. auf Ulrich Saxer:

Ulrich Saxer präsentiert zwei Möglichkeiten objektiver Berichterstattung: eine Kombination aus reduktiver Objektivität, der „umfassend unbestechlichen Augenzeugenschaft“, und additiver Objektivität, „fairer Sprachvertretung“ aller relevanten Meinungen zum Konfliktthema.

Völlige Objektivität ist, wie in der Wissenschaft auch, indes nicht zu erwarten bzw. zu fordern:

Je tiefer eine Publikation ein Thema durchdringt, desto weiter entfernt sie sich gewöhnlich vom Reduktionsmodus bloßer Faktizität. Die Objektivitätsgarantie muss dann durch die Ergänzung der additiven Komponenten geleistet werden. Allerdings neigt die additive Objektivität zu engagierenden Elementen, welche ebenfalls als unvereinbar mit objektiver Berichterstattung gelten. Zwar kann man versuchen, durch ausgewogene Meinungsdarstellung Objektivität zu erreichen, es besteht dennoch stets die Gefahr voreingenommener Selektion. Deswegen verlangt publizistische Objektivität auch reduktive Bemühungen. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass publizistische Objektivität nach Saxer sowohl reduktiv (vereinfachend) als auch additiv (hinzufügend) ist.

Kurzum: Ein subjektives Element, eine gewisse Färbung, eine persönliche Note bleiben. Alles andere wäre auch zu viel verlangt und unrealistisch, lebensfremd. Sofern der Autor, in der Lage ist, seinen Gedankengang, die leitenden Annahmen und deren stützende Argumente und Fakten darzulegen, ist der Objektivität nach menschlichem Ermessen genüge getan. Was heute – nach Faktenlage und nach Abgleich der relevanten Standpunkte –  als wahr gilt, kann morgen schon von der Ereignissen eingeholt und widerlegt sein. Niemand, auch oder gerade der Journalist, kann Wahrheit zweifelsfrei erkennen. Unser Wissen ist unvollständig – sowohl was den Einzelnen wie auch was die Gesamtheit aller betrifft.

Von Hajo Friedrichs stammt der berühmte Satz:

Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.

Darüber, was Friedrichs damit gemeint hat, gehen die Meinungen auseinander. Martin Hoffmann hält in Das Objektivitäts-Dogma des Journalismus. Was wollte Hajo Friedrichs uns wirklich sagen? das Hajo-Friedrichs-Objektivitätsdogma für überholt und fordert stattdessen – ganz im Sinne von Friedrichs – ein Transparenz-Dogma. Auch Friedrichs habe eine Agenda verfolgt und eine bestimmte Haltung eingenommen.

Der Leiter der “Monitor” Redaktion, Georg Restle, fordert nun einen werteorientierten Journalismus, worüber in „Nicht jeden Mist abbilden“ berichtet wurde. Daraus:

Restle appelliert im journalist-Interview an seine Berufskollegen, sich auf Grundrechte und Humanismus zu besinnen. „Ganz grundsätzlich glaube ich, dass Journalisten überhaupt wieder über einen werteorientierten Journalismus nachdenken sollten“, so der WDR-Journalist. „Wir müssen nicht jeden Mist abbilden, nur weil er aus dem Mund eines Bundestagsabgeordneten oder eines Parteivorsitzenden kommt.“ Stattdessen sollten Journalisten aufzeigen, wohin die Menschenfeindlichkeit, die sich in Begriffen wie „Asyltourismus“ ausdrückt, am Ende führt.

Diese Forderung rief den Widerspruch von Stefan Winterbauer hervor, der in Haltungs-Schäden: Falsch verstandener Aktivismus der Medien kann gefährlich werden vor einer Selbstüberschätzung des Journalismus warnt.

Die taz ist den Weg, den Georg Restle in seinem Interview vorgibt schon mal ein wenig weitergegangen. Dieser Pfad führt weg vom Journalismus, hin zu einem Aktivismus, der sich als Haltung tarnt. Natürlich soll und darf jeder Mensch und Journalist eine Haltung und Werte haben. Und es stimmt ja auch, dass reine Objektivität eine Illusion ist. Allein dadurch, dass Medien von Menschen gemacht werden, gibt es immer einen subjektiven Faktor. Es ist aber ein großer Unterschied, ob man den Vorsatz hat, neutral zu berichten und sich um eine gewisse Objektivität immerhin bemüht. Oder ob man den Vorsatz hat, die Meinung des Publikums in eine bestimmte Richtung zu lenken, da man selbst ja weiß (oder zu wissen glaubt), was wahr, schön und gut ist. Der letztere Pfad ist ein gefährlicher. Je mehr Medien und Medienmacher ihn beschreiten, desto mehr spielen sie den populistischen Kräften in die Hände, die sie eigentlich doch mit so viel Haltung bekämpfen wollen.

Tiziano Terzani konnte mit objektivem Journalismus nur wenig anfangen. In den Gesprächen mit seinem Sohn Folco sagte er dazu:

Weisst du, wenn ich ehrlich bin, habe ich den Anspruch der Angelsachsen auf Objektivität immer lächerlich gefunden. So ein Quatsch! Ich persönlich habe nie vorgegeben, objektiv zu sein, denn ich bin es sicher nicht. Keiner ist es, und wer es behauptet, lügt. Wie könnte man auch objektiv sein? Das ist doch völlig unmöglich. Kurosawa hat das in seinem Film Rashomon eindrucksvoll gezeigt: Wenn sechs verschiedene Personen dieselbe Geschichte erleben, wird sie zu sechs verschiedenen Geschichten, denn die Art, etwas zu beobachten, die Details, die du dir herauspickst, die Gerüche, die du wahrnimmst, sind deine persönliche Auswahl von Einzelheiten, die natürlich dein Urteil beeinflussen (in: Das Ende ist mein Anfang).

Das ist zumindest ehrlich und selbstkritisch, wenngleich Terzani hier für meinen Geschmack zu sehr im Sinne des Konstruktivismus argumentiert.

Wer sich einer eigenen Haltung und Fehlbarkeit bewusst und bereit ist, diese kritisch zu reflektieren oder Kritik und Widerlegung gegenüber offen zu sein, darf für sich durchaus in Anspruch nehmen, objektiv im wohl verstandenen Sinn zu sein. Wer jedoch glaubt, sich im Besitz der Wahrheit zu befinden oder sich zumindest in exklusiver Nähe zu ihr aufzuhalten, ist alles mögliche, nur sicherlich nicht: Objektiv, engagiert und wertortieniert – ob Journalist, Politiker, Manager, Wissenschaftler oder Bürger. Objektivität, Engagement und Haltung bedingen einander – sie sind keine Gegensätze. Das ist der eigentliche Denkfehler.

Insofern bleibt als Ziel das, was  Peter Michael Lingens vor Jahren auf dem Popper-Symposium feststellte:

Den wahrscheinlich wichtigsten Beitrag zur Falsifizierung falscher gesellschaftlicher Thesen liefert in der offenen Gesellschaft der freie Journalist. Er ist gleichsam das Auge, das Ohr und der Mund des gesellschaftlichen Organismus. Durch ihn wird der gesellschaftliche Organismus imstande zu erfahren und zu artikulieren, wo und und wie eine bestimmte ideologische Behauptung widerlegt wurde. … Die offene Gesellschaft ist ohne freie Journalisten undenkbar. Denn sie lebt davon, dass falsche Theorie, falsche gesellschaftliche Maßnahmen so rasch wie möglich falsifiziert werden, damit sie durch bessere ersetzt werden können. Dafür ist entscheidend, ob der Journalist seine Aufgabe als Auge, Ohr und Mund des gesellschaftlichen Organismus korrekt erfüllt. Ob er, nach bestem Wissen und Gewissen die Wahrheit schreibt. (in: Karl R. Popper/Konrad Lorenz – Die Zukunft ist offen)

Veröffentlicht unter Journalismus | Hinterlasse einen Kommentar

Im Gespräch – Loriot – mit Marianne Koch

Veröffentlicht unter Journalismus, Medienkritik, Medienwandel | Hinterlasse einen Kommentar

Die Philologie will nicht hinnehmen, dass die Arbeit am Text zu einem Randphänomen verkommt

.. die Philologie will nicht hinnehmen, dass ihr Kerngeschäft, die Arbeit am Text, zu einem Randphänomen verkommt. Sie, diese grundlegende, zuletzt jedoch etwas verblasste Wissenschaft, könnte dafür sorgen, dass die Texte wieder zu ihrem Recht kommen, während die Literaturwissenschaft prekäre Verhältnisse mit Kultur- und Geschichtswissenschaft, Soziologie oder Philosophie eingeht. …

Eine Kunst des Lesens, die beobachtet, beschreibt und strukturiert, versteht sich weder als interessengeleitet noch verfolgt sie einen extern definierten Sinn, zumal sich dieser oft als bloße Bestätigung fragwürdiger Annahmen entpuppt. …

Wenn Wissenschaft bedeutet, Texte ernsthaft zu lesen und zu beschreiben, dann ist Philologie eine, vielleicht die wichtigste Wissenschaft. Sie kann unsere Gewissheiten auf heftigste erschüttern – welch verführerische Aussicht!

Quelle: Lassen wir die Sache, FAZ vom 30.05.2018, von Melanie Möller

Weitere Informationen:

Osnabrücker Erklärung zum Potential Europäischer Philologien

Internationale Koordinationsstelle Theorie der Philologie

 

Veröffentlicht unter Medienkritik, Medienwissenschaften | Hinterlasse einen Kommentar

Produktionsfaktor Information

Von Ralf Keuper

Die klassischen Produktionsfaktoren sind Arbeit, Boden und Kapital. Informationen als Produktionsfaktor zu interpretieren, ist ein relativ neues Phänomen. Häufig werden Daten und Informationen in dem Zusammenhang synonym verwendet.

Daten allein machen jedoch noch keinen Unterschied. Die Interpretation, die Umwandlung oder Veredelung in Information erst erzeugt den Mehrwert.

In der Betriebswirtschaftslehre kursieren bereits seit Jahrzehnten Überlegungen, Informationen und andere Einflussgrößen in den Rang von Produktionsfaktoren zu erheben:

Bei weitergefaßter Betrachtung der Leistungserstellung und des Faktorbegriffs können auch Geld, Informationen und andere Einflußgrößen in den Kreis der Produktionsfaktoren einbezogen werden; diese Erweiterungen hängen vom Forschungsobjekt und Forschungsziel ab. Die stärkste Differenzierung weist 8 Klassen von Produktionsfaktoren auf (Weber, H. K., System produktiver Faktoren, in: Schmalenbachs Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung Band 32/1980, S. 1059 ff).

Im Jahr 1998 beschäftigte sich Ulrich Seidenberg mit der Frage Ist Information als eigenständiger Produktionsfaktor aufzufassen?.

Resümierend hält er darin fest:

Informationen (sind) implizit und untrennbar in mehreren Faktorklassen enthalten, so dass ein separater Faktor Information insofern zwangsläufig zu Überscheidungen führt. Lediglich bislang nicht integrierter Informationsinput kann überschneidungsfrei eine eigene Faktorkategorie Information bilden, was aufgrund des Vollständigkeitskriteriums sogar zwingend ist. Dabei handelt es sich insbesondere um informationelle Objekt-, gegebenenfalls auch Zusatzfaktoren. Durch das Schließen dieser (vergleichsweise) unbedeutenden Lücke im Faktorsystem Gutenbergs wird zugleich die Forderung nach Allgemeingültigkeit unterstützt.

Die Bedeutung der informationellen Objektfaktoren hat in den letzten Jahren sprunghaft zugenommen; genannt seien die verschiedenen Verfahren zur Simulation sowie die Digitalen Zwillinge, wie überhaupt das Internet der Dinge. Physische Gegenstände verwandeln sich in Informationsobjekte. Eine Entwicklung, die Michael E. Porter und Victor E. Millar bereits im Jahr 1985 in ihrem Beitrag Wettbewerbsfaktor Information in dem Abschnitt Die Verwandlung des Produkts vorwegnahmen.

Die meisten Produkte hatten schon immer eine physische und eine informationelle Komponente. Letztere enthält breit gefasst – alles, was der Kunde wissen muss, um ein Produkt zu erwerben und mit den gewünschten Ergebnissen zu benutzen, also Informationen über Leistungsmerkmale, Bedienung und Anwendung. … Immer mehr Produkte sind, um überhaupt funktionieren zu können, auf Informationsverarbeitung angewiesen. Ein Geschirrspüler benötigt etwa ein Kontrollsystem, das die verschiedenen Komponenten des Gerätes während des Spülvorgangs steuert und dem Benutzer die jeweils laufende Arbeitsphase anzeigt. Die neue Informationstechnik verbessert die Produktleistung und erleichtert es, den Informationsgehalt des Produktes stark zu erweitern.

Die Verwaltung des Produktionsfaktors Information obliegt in den Unternehmen dem Informationsmanagement, so Norbert Gronau in Einführung in das Informationsmanagement. Unter bestimmten Voraussetzungen wird Information zum Wirtschaftsgut. Wissen befähigt zum Handeln, Information vermittelt den richtigen Zeitpunkt, so einige Kernaussagen.

Informationen mit wirtschaftlichem Wert wären demnach Hinweise auf sich anbahnende Produktionsstörungen (Predictive Maintenance) wie überhaupt zur Effizienzsteigerung (also in gewisser Weise bislang übersehene und nicht zugänglich Informationen), Informationen aus zuvor unstrukturierten Daten sowie externe Informationen, wie z.B. über Marktbewegungen, technologische Neuerungen, Änderungen im Kaufverhalten etc. Der Mehrwert entsteht häufig durch die Kombination unterschiedlicher Informationen, die isoliert betrachtet, keine Aufforderung zum Handeln nahe legen.

Die Unternehmen können das Wirtschaftsgut Information mittels Informationsobjekte (digitale Repräsentationen von Produkten und Services) verwalten. Wegweisend ist das Buch Management unstrukturierter Informationen von Paul Königer und Walter Reithmayer.

Der pragmatische Ansatz bedeutet, dass wir in diesem Buch Informationen wie Objekte behandeln. Wir unterstellen, dass diese Objekte bearbeitet (verändert, übertragen, gespeichert) werden können. Weiterhin, dass sie untereinander verbunden (nämlich auf verschiedene Arten zusammengestellt) werden können und dass Beziehungen zwischen diesen Objekten herstellbar sind. Objekte können auch andere Objekte enthalten, dies wird eine Kaskadierung von Informationsobjekten genannt. Beispielsweise enthält das Informationsobjekt “Zeitung” mehrere Informationsobjekte “Artikel”. Ein Informationsobjekt “Artikel” könnte wiederum aus mehreren Informationsobjekten “Absätze” bestehen und so fort. Diese bildhafte Vorstellung von Informationen als anfassbaren Objekten bedeutet aus wissenschaftlicher Sicht eine starke Fokussierung, zeigt sich aber als ausgesprochen praxistauglich für den Umfang mit Informationen.

Mit neuen Technologien, wie Virtual und Augmented Reality, bieten sich hier neue Möglichkeiten.

Die Informationsobjekte müssen wiederum eindeutig identifizierbar sein, um Zugriffe regeln zu können sowie den internen und externen Austausch von Objektinformationen zu ermöglichen. Eng damit verbunden sind Fragen des Datenschutzes, der Datensicherheit und des Identity Access Management (IAM). Die Blockchain-Technologie könnte hierfür die Rolle eines De-facto-Standards übernehmen. Digitale Identitäten, Zertifikate und Vertrauensdienstleister werden an Bedeutung gewinnen. Neue Rollen, wie die des Chief Data Officers könnten entstehen bzw. sich durchsetzen und der Datenschutzbeauftragte sein Aufgabenspektrum erweitern (Vgl. dazu: Rise of the Chief Data Officer (CDO) and Data Protection Officer (DPO)).

Crosspost von Econlittera

Veröffentlicht unter Mediengeschichte, Medienindustrie | Hinterlasse einen Kommentar

Aby Warburg. Mnemosyne Bilderatlas

Veröffentlicht unter Medienwissenschaften | Hinterlasse einen Kommentar

Digitale Literaturwissenschaft: Perspektiven, Probleme und Potentiale der Philologien im ›digital turn‹

Roberto Busa (1913–2011), der 1946 seine Doktorarbeit über die Innerlichkeit bei Thomas von Aquin geschrieben hat, fing kurz nach der Promotion mit der Schaffung einer Konkordanz für das Gesamtwerk des doctor angelicus an und zwar nach der in der Lexikographie altbewährten Zettelkastenmethode – die Lernmaschine des letzten Jahrtausends. Busa traf 1949 Thomas J. Watson, den Gründer von IBM, und überzeugte ihn, sein Projekt durch eine maschinell erstellte Konkordanz zu unterstützen. Das Ergebnis war der Index Thomisticus. Alle Bände wurden 1990 auf CD erfasst und dann, mit der Unterstützung der Universität von Navarra, unter der Internetadresse www.corpusthomisticum.org online gestellt. Damit war der Hypertext in seiner elektronischen Form geboren.

Die Erfindung des Hypertextes war das Resultat einer internationalen Kollaboration: Ein italienischer Jesuit, mit Hilfe eines presbyterianischen Amerikaners, veröffentlichte in Deutschland die Ergebnisse seiner langjährigen Arbeit, die dann von einer spanischen Universität der ganzen Welt zur Verfügung gestellt wurde. Dieses Beispiel ist kennzeichnend für die Art und Weise, wie die DH grundsätzlich auf internationale Zusammenarbeit angewiesen sind. Gleichzeitig muss man auch feststellen, dass es in der Retrospektive kein Zufall war, dass ein Fachmann für mittelalterliche Theologie den Hypertext erfunden hat, denn den Vorgänger des Hypertextes oder des Übertextes findet man in glossierten Handschriften oder Renaissancedrucken, beispielsweise auf der erste Seite des Corpus Justinianum oder des Corpus Iuris Civilis in der Textausgabe von 1627.

Quelle / Link: Digitale Literaturwissenschaft: Perspektiven, Probleme und Potentiale der Philologien im ›digital turn‹

Veröffentlicht unter Der Stilwandel der Medien, Medienwandel | Hinterlasse einen Kommentar

Lob der digitalen Philologie

Inzwischen sind Editionen so selbstverständlich auch digitale Editionen, dass computergestützte Editionen keine Debatten wie noch vor wenigen Jahren auslösen. Die neueren Entwicklungen gehen denn auch einen Schritt weiter. Sie führen die auf verschiedene Bibliotheken in Paris, St. Petersburg und Genf verteilten Manuskriptblätter wieder zu dem Werk zusammen, das es einmal war. Auf Plattformen wie e-codices kann man dann den „Codex Florus dispersus“ betrachten, eine virtuell wieder zusammengeführte Sammlung von Briefen und Predigten des Augustinus, die im neunten Jahrhundert wohl in Lyon einen Kodex gebildet haben. In der Zusammenführung von Daten zu Werken und Korpora, nicht in der bloßen Steigerung der Datenmenge liegt die Entwicklung, die ohne die Digitalisierung des kulturellen Erbes kaum vorstellbar ist. Big Data meint eben nicht Stoffhuberei, wie Klaue annimmt, sondern sorgfältige Philologie der Manuskripte bis in die Details der Metadaten hinein.

Quelle: Lob der digitalen Philologie

Veröffentlicht unter Medienwandel, Medienwissenschaften | Hinterlasse einen Kommentar