Das Literarische Quartett 04 | 16.12.1988 | Verlage, Bücher, Übersetzungen

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Heldenpathos trifft auf die Realität

Von Ralf Keuper

Über die aktuellen Umbaupläne der Deutschen Bank, denen bis zu 18.000 Stellen zum Opfer fallen sollen, berichten die Wirtschaftsredaktionen eifrig. So weit so gut. Allerdings enthalten einige Kommentare deutliche Spuren einer Erzählung, die in der Vergangenheit als Heldenmythos bezeichnet wurde. Um so einen Fall handelt es sich m.E. bei „Held des Rückzugs“: Christian Sewing hat mit der Deutschen Bank Historisches vor von Gabor Steingart. Der Held der Geschichte, Deutsche Bank-Chef Sewing, sei dabei, Historisches, Einmaliges zu leisten. Angesichts der Aufgabe drohe der Held jedoch, sich in eine tragische Figur zu wandeln, so Steingart. Nicht weniger als eine neue Welt beginne nun mit dem strategischen Rückzug der Deutschen Bank. Parallelen glaubt Steingart bei Michael Gorbatschow, Gerald Ford und Dieter Zetsche zu erkennen. Bei historischen Vergleichen geraten mal schnell, insbesondere in den Wirtschaftsredaktionen, die Relationen durcheinander. Den neuesten Kurs der Deutschen Bank mit Glasnost bzw. Perestroika in Verbindung zu bringen – dazu braucht man schon Phantasie.

Nüchtern betrachtet, haben wir es bei der Deutschen Bank mit einem Geldhaus zu tun, das seinen Zenit aufgrund hausgemachter Fehler längst überschritten hat. Wer gerade Chef der Deutschen Bank ist, ist, wie allgemein bei Vorständen von Aktiengesellschaften, eher Nebensache. Zum Helden, gleich welcher Lesart, reicht es da jedenfalls nicht. Der Halo-Effekt, bei dem Unternehmen und Personen häufig Eigenschaften zugeschrieben werden, die sich im Lauf der Zeit als Fiktion erweisen, ist in einigen Wirtschaftsredaktionen scheinbar noch immer nicht als solcher erkannt worden. Seine Kenntnis würde den meisten Geschichten ohnehin von vorne herein den Boden entziehen.

Bedenklich daran ist indes, dass der Wirtschaftsjournalismus immer noch Probleme damit zu haben scheint, Fiktion und profane Realität auseinander zu halten. Wer geglaubt hat, die jüngsten Skandale und Ereignisse im Journalismus hätten hier zu einem Umdenken geführt, könnte sich getäuscht sehen. Heldenpathos und schlecht konstruierte Geschichten, die bestenfalls ein solides Halbwissen offenbaren, brauchten wir nicht mehr.

Crosspost von Bankstil

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Manche Fehler muss man selber machen – Vortrag im Leica Store Wetzlar

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Die Profanisierung der Kulturgüter durch Reproduktion und Information

“Das Allgemeine”, mit dem sich das Publikum kritisch beschäftigt, blieb dem Interpretationsmonopol der kirchlichen und staatlichen Autoritäten nicht nur von der Kanzel herab, vielmehr in Philosophie, Literatur und Kunst auch dann noch vorbehalten, als die Entwicklung des Kapitalismus für bestimmte soziale Kategorien bereits ein an Information und immer mehr Informationen rational orientiertes Verhalten verlangte. In dem Maße aber, in dem die philosophischen und die literarischen Werke, Kunstwerke überhaupt, für den Markt hergestellt und durch ihn vermittelt werden, ähneln sich diese Kulturgüter jener Art Informationen an: als Waren werden sie im Prinzip allgemein zugänglich. Sie bleiben nicht länger Bestandteile der Repräsentation kirchlicher wie höfischer Öffentlichkeit; genau das ist mit dem Verlust ihrer Aura, mit der Profanisierung ihres einst sakramentalen Charakters gemeint. Die Privatleute, denen das Werk als Ware zugänglich wird, profanieren es, indem sie autonom, auf dem Wege der rationalen Verständigung untereinander, seinen Sinn suchen, bereden und damit aussprechen müssen, was eben in der Unausgesprochenheit solange autoritative Kraft hatte entfalten können. “Kunst” und “Kultur” verdanken, wie Raymond Williams nachweist, überhaupt erst dem 18. Jahrhundert ihre moderne Bedeutung einer von der Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens abgelösten Sphäre.

Quelle: Der Strukturwandel der Öffentlichkeit, Autor: Jürgen Habermas

 

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Vilém Flusser – Nomadismus

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Die hilflosen Erklärungsversuche der Medienbranche angesichts der eigenen Disruption

Von Ralf Keuper

Es ist immer schwierig für eine Branche, die umgekrempelt (disrupted) wird, bei der Diagnose die nötige Selbstdistanz zu wahren, um zu einem möglichst objektiven Urteil zu gelangen. Die Medienbrache, die in den letzten Jahren von Facebook, Google, Amazon, Tencent und Apple umgepflügt wurde, bildet hier keine Ausnahme. Um die Situation einzuschätzen, bedient man sich des alten überlieferten Bezugssystems. Das hat zur Folge, dass die Medienunternehmen davon ausgehen, neue Mitbewerber wären Unternehmen, die nach den gleichen Regeln arbeiten wie sie selber: Print kombiniert mit online und Werbung. Bei einigen feingeistigen Insidern kommt evtl. die Frage auf, ob die Inhalte nun durch Werbung oder per Abo oder mit einem anderen Bezahlmodell finanziert werden sollen. Ansonsten geht es wie immer darum, mit den eigenen Inhalten und Distributionskanälen so viel Leser und Zuschauer an sich zu ziehen wie möglich. Wer da sonst noch vermittelte, war mehr oder weniger unwichtig, da – mangels Content – kein potenzieller Mitbewerber.

So überrascht es nicht, dass neue Mitbewerber erst spät auf dem Radar als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen werden. Man hielt sie für keine Artgenossen. Irgendwann kam dann der Tag, an dem die Brancheninsider – völlig überraschend – feststellen mussten, dass die neue Art doch irgendwie der eigenen Gattung anzugehören schien bzw. man selber hatte sich in eine neue Gattung verwandelt, ohne dass einem dies bewusst war. Facebook, gestartet als soziales Netzwerk, hat sich über die Jahre zu einem Medienkonzern entwickelt, der die Verteilung und Bepreisung der Medieninhalte übernommen hat. Google, lange Zeit als  unverdächtige Suchmaschine eingeordnet, beherrscht zusammen mit Facebook den Markt für Onlinewerbung, auf den die Medienbranche angewiesen ist. Nicht nur das: mittlerweile sind Facebook und Google dabei, andere Arten zu assimilieren. Vor allem die Abwicklung von Geldgeschäften hat es ihnen angetan. Geld, das haben die klassischen Medienhäuser bis heute nicht wirklich verstanden, ist das “Medium schlechthin”. Wer auch immer bei den Medien ein gewichtiges Wort mitreden will, braucht dazu den direkten Zugang zum Medium Geld. Google hat mit Google Pay und weiteren Finanzdienstleistungen darauf reagiert, Apple mit Apple Pay und Apple Card und Facebook nun mit Libra und Calibra. Doch damit nicht genug. Ebenfalls ins Visier genommen haben die Internetkonzerne die neuen Währungen: Digitale Währungen und Digitale Identitäten. Und demnächst noch: Das Internet der Dinge (IoT). Die Medienbranche hat es versäumt, sich mit dem Hauptgegenstand ihres Geschäfts, den Medien, auseinanderzusetzen. Ted Levitt empfahl Unternehmen, die das Gefühl hatten, nicht mehr am Puls der Zeit zu sein, sich zu fragen: In welchem Geschäft sind wir eigentlich? Statt die Medien der Kooperation und die Mediatisierung zu thematisieren, hat man es bei der Betrachtung von Einzelmedien belassen, die irgendwie parallel nebeneinander existierten. Spätestens mit dem Smartphone hat sich das grundlegend gewandelt. Ist Facebook jetzt ein Technologieunternehmen, eine Bank, ein Medienunternehmen oder ein Werbekonzern? Die Frage, ob die Medienunternehmen überhaupt noch Medienunternehmen sind, kommt auch der Kritik nicht in den Sinn. Die Dinge gehören irgendwie nicht zueinander. Bertelsmann, Springer auf der einen, Apple, Google und Amazon auf der anderen Seite. Dass die Machtverhältnisse sich schon längst verschoben, Bertelsmann und Springer bestenfalls noch als Zulieferer auf Zeit benötigt werden, diesen Gedanken zu Ende denken nur die allerwenigsten. Das Ergebnis wäre auch frustrierend. Die Medienindustrie, wie viele Insider sie noch gekannt haben, löst sich gerade vor ihren Augen auf. Die Heroen und Kategorien der Vergangenheit, wie Axel Springer, Leo Kirch, Gerd Bucerius, Reinhard Mohn, Bertelsmann, Springer, Burda, Bauer, Spiegel, FAZ, SZ, links und rechts. Auf einmal sind diese Kategorien hinfällig geworden. Das Koordinatensystem hat sich verändert. Folge ist, dass die meisten Journalisten, Verleger und Kommentatoren orientierungslos geworden sind. Die eigenen Arbeitgeber haben mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen, die guten alten Zeiten, diese Erkenntnis reift indes, sind vorbei. Man ist auf einmal Angehöriger einer Krisenbranche, die man selber in der Vergangenheit immer woanders, nur nicht bei sich selber verortet hat, wobei man, wie die Wirtschaftsredaktionen der FAZ und SZ, selten mit radikalen Vorschlägen gegeizt hat. Jetzt ist das eigene Haus ein Sanierungsfall; andere neue Medienformate, wie auf YouTube, ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Das ist schon bitter für das alte Selbstbild und Rollenverständnis, ändert jedoch nichts an den neuen Gegebenheiten: Die Entstehung neuer Medienunternehmen mit einen Aktionsradius, wie er für Bertelsmann weit außerhalb der eigenen Möglichkeiten liegt. Wenn jetzt noch die als Rettungsanker für die Medienbranche gehandelte Blockchain von Facebook okkupiert und zweckentfremdet wird und neue Ökosysteme entstehen, wenn Facebook sogar nicht davor zurück schreckt, sich selbst zu disrupten, spätestens dann sollten sich die Insider der Branche die Frage stellen, ob sie die Zeit nicht verschlafen haben, zumal alle anderen Akteure in der Wirtschaft ihre Schlussfolgerung bereits gezogen haben. Ob die Medienunternehmen das nun akzeptieren oder nicht, fällt nicht mehr ins Gewicht.

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Erfundene und manipulierte Geschichten: Der Fall Relotius und seine Folgen

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Springer: Auch mit KKR chancenlos

Von Ralf Keuper

Der Einstieg des Finanzinvestors KKR beflügelt die Phantasie der Journalisten hierzulande. Das Handelsblatt glaubt, dass Springer mit der finanziellen Unterstützung von KKR den Kampf mit Google & Co. aufnehmen kann (Vgl. dazu: Durch den Einstieg von KKR bei Axel Springer entsteht eine neue Medienmacht). Man sieht sogar eine neue Medienmacht entstehen.

Da ist in der Redaktionsstube wohl mal wieder Wunsch mit Wirklichkeit verwechselt worden.

KKR wurde mit dem Nabisco-Deal in den 1980er Jahren schlagartig in der Finanz- und Medienwelt bekannt (Vgl. dazu: Barbarians at the gate: Die Nabisco Story). In Deutschland war KKR als Investor beim Geldautomatenhersteller Wincor Nixdorf aktiv. Wenn man unter Erfolg versteht, dass ein Unternehmen nach oder mit dem Engagement von KKR zu alter Größe zurückfinden und zur enteilten Konkurrenz aufschließen kann, dann muss man die Beteiligung an Wincor Nixdorf als klaren Misserfolg werten. Der Markt für die Hersteller von Geldautomaten und Kassensystemen sich hat sich mit der Verbreitung mobiler Bezahlverfahren wie Apple Pay, Alipay und Google Pay mehr oder weniger aufgelöst. Was bleibt, ist das Bestandsgeschäft. Erweiterungsinvestitionen: Fehlanzeige. Den Markt gibt es bald nicht mehr.

Das Handelsblatt bringt als Vorbild die Kooperation von Bertelsmann und KKR im Musikgeschäft. Zusammen mit KKR habe man, so wird Bertelsmann-Chef Rabe zitiert, die Ziele nicht nur erreicht, sondern übertroffen. Ziel kann jedenfalls nicht gewesen sein, an Apple und Spotify verloren gegangen Marktanteile zurückzugewinnen, wie überhaupt im Geschäft mit Musik-Streaming ein ernsthafter Mitbewerber zu werden – wie auch?

Gegen Google, Apple, Amazon, Netflix, Alibaba, Tencent, Baidu & Co. sind Springer, Bertelsmann & Co. chancenlos – da helfen keine Milliarden von KKR. Wem sonst als den Abgehängten kann KKR seine Dienste anbieten? Apple, Google und Amazon sind gewiss nicht auf die Unterstützung von KKR angewiesen. Der Gewinn von Google im Jahr 2018 war doppelt so hoch wie der Gesamtumsatz von Bertelsmann; Apple schwimmt geradezu in Geld. Die Barreserven des Unternehmens betragen ca. 245 Mrd. Dollar. KKR konzentriert sich bewusst auf die 2. Garde, da hier mit den klassischen Methoden des Finanz- und Portfoliomanagements  – mit Sicht auf vier bis sechs Jahre – ein Profit erzielt werden kann. Was danach mit Springer passiert, dürfte KKR relativ egal sein. Einen Global Player oder eine neue Medienmacht, wie damals mit Kirch/SAT1 und Springer schon einmal angedacht, wird es nicht geben, dafür ist der Abstand zu Google & Co. viel zu groß – in jeder Beziehung. Während Facebook, Apple und Google dabei sind, den Finanzdienstleistungssektor zu erobern und damit die Kontrolle über das “Medium schlechthin”, das Geld, erlangen, sind Springer, Bertelsmann, Handelsblatt/Holtzbrinck verzweifelt dabei, digitaler zu werden. Weder verfügen sie über große soziale Netzwerke, noch über Hardware (Smartphones) oder Software/Betriebssysteme. Gefragt sind ihre Dienste nur noch als Zulieferer – und auch das nur noch auf Zeit. Sie werden von GAFA versklavt.

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Chinas mediale Gegenwelt | Doku | ARTE

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Roger Willemsen über die Fernsehbranche und Politik | SWR UniTalk

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