Zur Rolle der Bibliotheken in der Digitalmoderne

Von Ralf Keuper

Seit der Antike gelten Bibliotheken als Hort des Wissens. Die wohl bekannteste ist die legendäre Bibliothek von Alexandria. In dem lesenswerten Beitrag Bibliotheken auf planet wissen werden Bibliotheken als Kathedralen des Geistes bezeichnet.
Vom Übergang in die Digitalmoderne bleiben auch die Bibliotheken nicht verschont. Immer häufiger stehen sie unter einem Rechtfertigungs- und Legitimationszwang. In Zeiten knapper Kassen lässt die öffentliche Hand kaum eine Gelegenheit ungenutzt, sich von als unnötig empfundenem Ballast zu befreien. Wozu noch teure Bibliotheken unterhalten, wenn das Internet die neue Kathedrale des Wissens ist, die zudem allen Gläubigen und Wissensdurstigen offen steht? Die Bibliothek droht in gewisser Weise heimatlos zu werden.

In dem Beitrag What the ‚death of the library‘ means for the future of books nennt S.E. Smith die zahlreichen Vorteile einer öffentlichen Bibliothek für das Gemeinwesen:

The library is a social gathering place, used to conduct classes and provide people with public resources — including computers and wirelessnetworks for those who can’t access them at home, and struggle to find their footing in a world dominated by technology. Librarians also provide highly unique and specialized services, benefiting from years of training to learn to serve patrons. It’s not just that a library provides access to books, but that it also offers access to brilliant individuals who provide research assistance, guidance, book recommendations, and tools to help people empower themselves when it comes to researching and locating information. Giving everyone a Kindle doesn’t solve that problem.

Bibliotheken erfüllen neben der reinen Wissensvermittlung auch eine soziale Funktion – ein Ort der Begegnung im besten Sinne.

Aber auch darüber hinaus lassen sich Argumente für den Fortbestand von Bibliotheken ins Feld führen, wie auf dem 25. Bayerischen Bibliothekstag in Rosenheim, der unter dem Motto „Bibliotheken zahlen sich aus“ steht.
Schon der Veranstaltungshinweis benennt die wichtigsten Aufgaben der Bibliotheken für die Allgemeinheit:

Bibliotheken

  • gewähren den freien Zugang zu jeglicher Information (Grundgesetz Art. 5, Abs. 1),
  • unterstützen die Schulen bei der Leseförderung und stellen Materialien für die Aus- und Weiterbildung bereit,
  • leisten einen Beitrag zur Integration von Menschen mit Migrationshintergrund und
  • vermitteln Medienkompetenz und Orientierung in der Medienvielfalt.

In der Wissenschaft praktiziert man ohnehin schon die friedliche Koexistenz digitaler und realer Bibliotheken. Ein Mit- statt eines Gegeneinander. Wie das in der Praxis aussehen kann, beschreibt Thomas Bürger in Bibliothek als Forschungsinfrastruktur. Aktuelle Herausforderungen und Chancen. Für die Forschung bietet die Digitalisierung alter Buchbestände große Vorteile:

Die Forschungsbibliothek der Zukunft lädt die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie früher dazu ein, vor Ort mit den originalen Sammlungen zu arbeiten – gleichzeitig bereitet sie selbst mit den Wissenschaftlern digitale Quellenkorpora auf und bearbeitet sie. Damit dies gelingt und Chancen, die neue digitale Techniken bieten, auch tatsächlich ergriffen werden, sollten Fachwissenschaften und Infrastrukturen noch enger und professioneller als in der Vergangenheit zusammenarbeiten. Standardisierung und Modularisierung erleichtern inhaltliche, technische und organisatorische Anschlussfähigkeit und wissenschaftliche Transdisziplinarität. Historische Bibliotheken wollen und sollten nicht nur Kataloge mit Titelaufnahmen und Signaturen, sondern vermehrt Quellenkorpora und Volltexte bieten – eine spannende Zeit der Neu- und Wiederentdeckungen, der Umordnungen und Perspektivenwechsel, der Entstehung neuen Wissens hat begonnen.

Einen weiteren Einblick in den Stand wie auch die Möglichkeiten der Digitalisierung im Bibliothekswesen gibt Jan Alexander van Nahl in „Von Maschinen und Menschen“ Zur Digitalisierung mittelalterlicher Handschriften. Ein schönes Beispiel einer gelungenen Verbindung zwischen alter und neuer Welt ist das Projekt Nova Corbeia – Die virtuelle Bibliothek Corvey.

Mittlerweile haben auch die Archive den Reiz und die Chancen der Digitalisierung erkannt, wie der Landschaftsverband Westfalen-Lippe mit seinem archivamt blog oder der Blog der Archive im Kreis Siegen-Wittgenstein – siwiarchiv.de.

Trotz klammer Kassen gibt es noch immer Kommunen, die den Wert der Bibliothek in der Digitalmoderne vollauf erkannt haben, wie die Stadt Stuttgart mit ihrer neuen Stadtbibliothek, die Bibliothek des Jahres 2013 wurde.

Geradezu zukunftsweisend ist die Freiluftbibliothek in Magdeburg.

Über mangelnden Zulauf können sich die Bibliotheken ohnehin nicht beklagen. Mit 217 Millionen Besuchern (?) (vermute mal eher Besuche bzw. Ausleihungen) pro Jahr in Deutschland (2013) erreichen die Bibliotheken weitaus mehr Menschen als die 1. Fussballbundesliga.

Wenn das kein Argument ist …

Weitere Informationen:

Die Bibliothek in Zeiten digitaler Reproduzierbarkeit

Öffentliche Bibliotheken und öffentlicher Raum: Same, same – but different?

Die Zukunft in der Bibliothek hat längst begonnen

The Future of Libraries Has Little to Do with Books

Gütesiegel “No Digital” in der Bibliothek

[Infografik] Die Bedeutung von öffentlichen Bibliotheken für das Wohlbefinden

ALA 2015: Gloria Steinem Says ‚Librarians Saved My Life‘

Die Chance von Bibliotheken im digitalen Zeitalter

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