Heinrich Böll im Interview mit Heinrich Vormweg über die Spracherneuerung von unten

Vormweg: Einer der Hauptvorwürfe, die in letzter Zeit gegenüber den Jüngeren erhoben worden ist, lautet: Können sie denn das alles überhaupt noch, über Werte oder etwas Ähnliches nachdenken? Sie lesen kaum noch. Sie sind in der Medien-Bilderwelt so gefangen, dass sie überhaupt nicht mehr zum Lesen oder Denken kommen. Deutlich, wohl auch nachprüfbar ist die Entwicklung zu einer Verarmung im Sprachlichen …

Böll: Da bin ich nicht ganz einverstanden. Was ich feststelle, ist, dass eben eine neue Sprache entsteht. Es ist ein bestimmter Jargon, der sehr reduziert ist und in dem mit einem Wort ganze Komplexe ausgedrückt werden. Das könnte sogar eine Spracherneuerung sein, denn die Sprache hat sich permanent aus dem Jargon erneuert und zwar immer aus dem Jargon von unten, nie von oben. Der Jargon da oben, bei den sogenannten Höheren, ist so dürftig, dass er nicht brauchbar ist. Das kommt ja immer von unten, das ist nicht negativ, sondern sehr positiv. Was ich nicht glaube, ist, dass irgendeine Art der Anbiederung hilft. Ich nenne als Beispiel diese komischen Wahlveranstaltungen, wo man die jungen Leute mit Rock und Pop und Beat zu animieren versucht. Und ich glaube nicht so recht daran, dass sie nicht mehr lesen. Ich weiss nicht, ob das nachweisbar ist.

Quelle: Heinrich Böll, Heinrich Vormweg: Weil die Stadt so fremd geworden ist …

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