„Bild – Bonn – Boenisch“ von Heinrich Böll

Von Ralf Keuper

Dass ein Chefredakteur der BILD Hauptgegenstand einer Buch-Veröffentlichung eines leibhaftigen Literaturnobelpreisträgers wird, ist heute nicht mehr denkbar; im Jahr 1984 dagegen sehr wohl, als Bild – Bonn – Boenisch erschien. Zu der Zeit war die Auffassung über alle politischen Lager weit verbreitet, dass die BILD im Land mitregiere; eine Ansicht, die sich, wenn auch in deutlich abgeschwächter From, bei einigen bis heute hält.

Warum er Peter Boenisch, der unter Helmut Kohl eine zeitlang Regierungssprecher war, die Ehre erwies, begründete Böll wie folgt:

Ich weiss auch, dass es ungerecht, fast unbarmherzig ist, die Artikel, die einer so im Laufe von Jahrzehnten dahingeschrieben hat, für die Stunde, den Tag, die Woche; dass es unbarmherzig ist, das nun hintereinander wie einen Roman oder ein Sachbuch zu lesen. Bei keinem anderen Regierungssprecher wäre ich auf die Idee gekommen, mochte der eine sich „konservativ“ definieren, der andere liberal oder gar christlich. … Boenischs Rolle als Schreiber, als Macher eines Massenblattes war eine andere; seine Qualifikation war zu prüfen, die bei anderen Regierungssprechern zu prüfen nicht meine Sache gewesen wäre.

Ich habe also so etwas wie den gesamten Boenisch gelesen, knapp zweihundert Artikel meinem Gemüt zugemutet. Das Überraschende war die niederschmetternde Eintönigkeit, trotz aller „witzigen“ Hopser, die mich dann doch an die Brausewürfel meiner Kindheit erinnerten: das schäumt auf, fällt rasch zusammen – und schmeckt – wenn man nach kurzer Täuschung des Gaumen ehrlich befragt, abscheulich. Sich dieser Lektüre auszusetzen war notwendig, um den Ton zu erkennen, der kaum je zur Melodie wird und als einiges Instrument den Holzhammer kennt, den Schlagzeug zu nennen, eine Beleidigung für alle Musiken und alle Musiker wäre. Da wird immer auf Menschen geschlagen. Die „flotte Schreibe“ leiert aus, wird zur Masche und Mache, da ist nicht einmal ein Strickmuster zu erkennen, höchstens das Häkelmuster einer Zweitklässlerin, die der Lehrerin ihren allerersten Topflappen zeigt. Der Ton – eben kein Muster, auch kein Kompositionsmuster -, der durchgehalten wird: Sozialismus ist schlecht, Sozialisten muss man mit Mißtrauen begegnen. Ein Ton eben. Ich frage mich, ob die „Primitivos“ – seine Hauptkundschaft – das wirklich genossen haben.

Obgleich Böll sein Buch nicht als Pauschalverurteilung der Springer-Medien, auch nicht der BILD, verstanden wissen wollte, war die BILD wegen der Hauptperson Boenisch die Hauptzielscheibe.

Bölls Urteil über Boenisch lautete an einer Stelle:

Wenn es einen Meistertitel in Drecksarbeit gäbe: er hätte ihn verdient.

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