Google & Co.: Informationsintermediäre oder Medienunternehmen?

Von Ralf Keuper

Sind Suchmaschinen und soziale Netzwerke lediglich Dienste, welche die individuelle und öffentliche Kommunikation erleichtern, oder handelt es sich dabei bzw. bei den Betreibern um echte Medienunternehmen? In Informationsintermediäre – Anknüpfungspunkte für rechtliche Regulierung(Informatik Spektrum 40_4_2017) betrachten die Autoren Soziale Netzwerke und Suchmaschinen als Informationsintermediäre.

Zur Begründung verweisen die Autoren auf Medienwirkungstheorien:

Bei Medien ist die Nutzung ein starker Indikator für ihre Meinungsbildung. Es haben sich zudem bestimmte Medienwirkungstheorien verfestigt – so soll Fernsehen etwa insbesondere deswegen wirkmächtig sein, weil über das Senden von Bewegtbildern und Ton bei großen Teilen der Bevölkerung der Eindruck von Authentizität vermittelt werden kann.

Bei Informationsintermediären ist die Situation deutlich komplexer, weil die Nutzung allein ein eher schwacher Indikator für ihr Meinungspotenzial ist. .. Im Gegensatz zu klassischen Medien, deren Funktion durch den Medientyp weitgehend vorgegeben ist, bildet etwa eine Suchmaschine umfassende Funktionen, die von Nutzern .. interpretiert werden können.

Die Argumentationsbasis erscheint doch recht dünn. Suchmaschinen haben durch die ihnen zugrundeliegenden Algorithmen und weitere Selektionsmechanismen einen großen Einfluss auf die Anzeige und Verarbeitung von Informationen. Ohne Suchmaschinen wären die Aufrufzahlen der Online-Angebote der Medienunternehmen deutlich geringer. Außerdem sind viele Internetunternehmen, wie Tencent und Amazon, selbst Produzenten von Medieninhalten (Filme, Gaming).

In Die Macht der Informationsintermediäre Erscheinungsformen, Strukturen und Regulierungsoptionen heisst es u.a.:

Aktuelle wissenschaftliche Studien zeigen die steigende Relevanz der Informationsintermediäre für die Nutzerinnen und Nutzer als Quellen für die Meinungsbildung. Deutlich wird auch, dass eine „Manipulation“ durch Informationsintermediäre zumindest theoretisch möglich und beispielsweise eine Einflussnahme auf politische Wahlergebnisse denkbar ist.

Dass die Klassifizierung von Google, facebook & Co. den Realitäten nicht mehr gerecht wird, moniert Wolfgang Michal in Setzen die Netzaktivisten die richtigen Prioritäten?.

Auch die Netzaktivisten unterliegen diesem Irrtum:

Damit lügen sich die Netzaktivisten seit Jahren in die Tasche. Sie wollen nicht zur Kenntnis nehmen, dass sich die sozialen Netzwerke, die anfangs lediglich eine technische Infrastruktur für geschlossene Gruppen anboten, zu veritablen Medienkonzernen entwickelt haben. Diese nennen sich zwar weiterhin „soziale Netzwerke“ – aus Imagegründen und weil ihnen das Provider-Privileg viel Ärger vom Hals hält -, intern aber verfahren sie längst wie jede stinknormale Redaktion und jeder stinknormale Verlag: Sie binden ihre Mitarbeiter (= Content-Zulieferer = Nutzer) vertraglich an Regeln (Nutzungsrichtlinien, „Gemeinschafts-Standards“) sowie an gewisse Normen (= Blattlinie). Sie gewichten, sortieren und löschen per Hand oder mit Hilfe von Algorithmen. Algorithmen fallen nicht vom Himmel, sondern werden von Menschen nach den Vorgaben ihrer Chefs programmiert. Es sind „in Code eingebettete Meinungen“. Das heißt, soziale Netzwerke beeinflussen mittels redaktioneller Eingriffe die öffentliche Meinungsbildung.

Das ist um so bemerkenswerter, da, wie schon erwähnt, die großen Internetkonzerne wie Google, Alibaba, Apple, Amazon, Tencent, Baidu & Co ihren Aktionsradius kontinuierlich, u.a. mittels Künstlicher Intelligenz, ausdehnen – neben Film und Gaming zählen dazu das Internet of Things, Connected Cars und das Smart Home, die sich in mediale Plattformen verwandeln und mit entsprechendem Angebot bespielt werden; auch mittels digitaler Karten. Die Internetkonzerne können also so ziemlich alles (Hardware und Software) aus einer Hand anbieten und die klassischen Medienkonzerne auf den Status bloßer Zulieferer reduzieren. Eine vergleichbare Entwicklung spielt sich momentan in Frankreich ab, wie in Medien in Frankreich: Hurra, wir haben die Presse verschenkt! berichtet wird.

Der Telekommunikationskonzern SFR betrachtet Medien und Presseerzeugnisse als kleine Zugabe für seine Stammkunden oder für die, die es evtl. noch werden wollen:

SFR bietet auch die in der eigenen Holding erscheinenden Publikationen in einem Online-Shop an, der nicht nur Kunden mit Handy-Abo offensteht: der unbeschränkte Zugriff auf „Libération“, „L’Express“ und ein paar hauseigene Zeitschriften kostet zwanzig Euro im Monat. Zum Vergleich: das digitale Abonnement von „Libération“ allein wird für siebzehn Euro angeboten, als Mehrwert umfasst es einzig noch den Zugang zum Archiv.

Wir haben es mit einer neuen Situation zu, die mit Plattformökonomie zwar nicht vollständig, zumindest aber so genau definiert werden kann, dass eine Einordnung von Informationsintermediären leichter fällt. Die Vorstellung, dass ein Medienkonzern Bücher und Zeitschriften druckt und vielleicht noch Fernsehen mit eigenen Serien im Angebot hat, ist überholt. Die Medienindustrie, da ist Hachmeister zuzustimmen, löst sich auf. Neue Kategorien bilden sich. Der Begriff “Informationsintermediär” ist demnach ein Anachronismus; er bezieht sich auf eine Medienwelt, die nicht mehr existiert.

Das Medium ist die Botschaft – die neuen Medien sind große digitale Plattformen oder Ökosysteme, die über das verfügen, was den klassischen Medienkonzernen in den letzten Jahren abhanden gekommen ist: Digitale Souveränität, d.h. die Medienkonzerne sind von der Reichweite, der Software und den Geräten (Smartphone, Tablet PC, ..) der Internetkonzerne abhängig, wenn sie ihre Leser und Konsumenten noch erreichen wollen. Verschärft wird die Situation noch dadurch, wenn die Internkonzerne selber in die Produktion von eigenem Content einsteigen. Einer der wenigen Konzerne, der das m.E. verstanden hat, ist Ströer (Vgl. dazu: Ströer-Chef Udo Müller: Die klassischen Medienkanäle lösen sich auf). Im Zeitalter der Medien der Kooperation ist derjenige automatisch ein Medienunternehmen, der die verschiedenen Medien synchronisiert und bestimmt, was, wo, wann und wie erscheint. Mehr Medien geht eigentlich nicht.

Dieser Beitrag wurde unter Medienindustrie, Medienwandel abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Google & Co.: Informationsintermediäre oder Medienunternehmen?

  1. Pingback: Die Bankenindustrie löst sich auf | Bankstil

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.