Medienkritik: Ein undankbares Geschäft

Von Ralf Keuper

Wie man es auch dreht und wendet: Professionell betriebene Kritik, welcher Art auch immer, ist ein undankbares, wenig einträgliches Geschäft. Nur sehr wenige, die hauptberuflich als Kritiker tätig waren und sind, konnten und können davon leben. Das betrifft Literaturkritiker ebenso wie Theaterkritiker, Musikkritiker, Kunstkritiker, Gesellschaftskritiker oder Kirchenkritiker. Mit wenigen Ausnahmen, wie Marcel Reich-Ranicki, Joachim Kaiser, Eugen Drewermann oder im Staatsdienst beschäftigte, wie seinerzeit Max Horkheimer, Theodor Adorno und Jürgen Habermas, sind die meisten Kritiker auf andere Nebentätigkeiten oder Sponsoring angewiesen. Karl-Heinz Deschner beispielsweise konnte sein kirchenkritisches Projekt in der intensiven Form nur betreiben, weil ihn ein Millionär unterstützt hat.

Bei der Medienkritik kommen noch Elemente hinzu, die das Geschäftsmodell zusätzlich unterminieren. Ein Literaturkritiker beispielsweise, ist nicht von dem Wohlwollen oder der finanziellen Zuwendung eines Autors abhängig; auch nicht des Verlages, in dem das Buch, das er kritisiert, erscheint. Gleiches gilt für die Musikkritik oder Kunstkritik. Anders verhält es sich bei Kirchenkritikern, die selber in Kirchendiensten stehen, wie die Beispiele Eugen Drewermann und Hans Küng zeigen. Medienkritiker nun kritisieren fast täglich ein System, dessen Bestandteil sie selber sind. Sie müssen also das Kunststück fertig bringen, jemanden dafür zum Bezahlen und zur kritischen Selbstreflexion zu bewegen, wie einen Verlag, der selber Zielscheibe der Kritik ist oder werden könnte. Das funktioniert auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und Rundfunk nur sehr eingeschränkt – aus unterschiedlichsten Gründen. Fest angestellte Medienkritiker in den Verlagen sind eine Seltenheit, noch dazu welche, die ihren eigenen Arbeitgeber oder die Branche kritisieren, was menschlich nachvollziehbar ist. Journalisten müssen aber nun mal publizieren, nach Möglichkeit täglich. Sie können also nicht, wie ein Kirchenkritiker beispielsweise, der noch in Diensten der Kirche steht, sich Zeit für tiefergehende Studien nehmen oder sich nur dann zu Wort melden, wenn wirklich etwas Kritikwürdiges auftaucht. Diese Option fällt allein schon der Natur des Mediengeschäfts wegen aus. So gesehen ist professionell betriebene Medienkritik, die von den Medien finanziert oder unterstützt wird, eine Unmöglichkeit.

Bleibt als Ausweg nur, sich direkt an die Leser zu wenden, und zu hoffen, dass diese bereit sind, für Medienkritik zu bezahlen. Warum aber sollte ein Leser für Medienkritik zahlen? Was hat er oder sie davon? Bessere Informationen oder Berichte etwa – wirklich? Was kann Medienkritik bewirken, selbst wenn diejenigen, die sie ausüben, davon leben können? Was kann Kritik überhaupt bewirken?

Ist es nicht so, dass die Umstände sich häufig ändern, ohne dass die Kritik Ursache dafür gewesen wäre? Kann Kritik sogar dazu beitragen, die Missstände zu verfestigen, gerade weil sie sie kritisiert? Macht sie sich dadurch nicht von dem Objekt, den Personen, die sie kritisiert, abhängig und wertet diese auf, wie beispielsweise der Bildblog?
Die deutlich sinkenden Leserzahlen und das veränderte Mediennutzungsverhalten sind Formen der Kritik, noch dazu sehr wirkungsvolle.

Die Medienkritik findet heute täglich in den sozialen Netzwerken statt; und das gar nicht mal so selten auf hohem Niveau, soweit das in diesen Medien möglich ist. Das bedeutet nicht automatisch, dass professionell betriebene Medienkritik nicht notwendig ist. Nur wird man zur Kenntnis nehmen müssen, dass sie nicht als profitables Geschäft betrieben werden kann. Medienkritik ist ihrer Natur nach gemeinnützig und müsste von Investoren, ob öffentliche oder private, so betrachtet werden, wie es bei ProPublica der Fall ist. Fest steht aber: Eine Rendite im eigentlichen Sinne lässt sich mit Medienkritik, die etwas bewirken könnte, nicht verdienen.

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