Der Übergang zu einer literalten Kultur vollzieht sich nicht mit einem Schlag (David Riesman)

Der Übergang zu einer literalen Kultur, so einschneidend er ist, vollzieht sich natürlich nicht mit einem Schlag: vor dem Zeitalter des Buchdrucks konnte nur eine winzige Minorität lesen, und das Lesen von Handschriften veränderte die Kommunikationsformen weniger, als man heute annehmen könnte. Zum einen förderten die Handschriften, da sie ja langsam entziffert werden mussten, das Auswendiglernen, das seinerseits wieder die Argumentation durch Zitieren und Kommentieren förderte. Die Handschriften wurden oft laut gelesen; und mit ihren prachtvollen Illuminationen wurden sie nicht bloß als rationalistische Wissensträger angesehen, sondern auch als Kunstwerke, an denen man teilhatte. Indem sie dem Prozess des Denkens und der Diskussion äußere Gestalt gaben und ihn greifbar machten, förderten die Handschriften nur zum Teil die Individuation, – denn sie förderten andrerseits auch das Festhalten am Überlieferten.  

Auch nach Gutenberg dauerte es seine Zeit, bis die Menschen lernten, Bücher so zu lesen wie wir heute: sie lasen laut, selbst wenn sie allein für sich lasen, wie sie auch ausgiebig phonetisch buchstabierten. Bezeichnenderweise ist es der Puritaner, der das stumme „schnörkellose“ Lesen, lernt, wobei sein Kopf wie ein Weberschiffchen hin- und herfährt. Erst zu diesem relativ späten Zeitpunkt öffnet das gedruckte Buch auch innere Türen, schließt nicht nur Türen nach draußen und erfüllt das Versprechen, die lärmende Gegenwart der anderen auszuschließen. 

Quelle: Wohlstand wofür? Essays

Dieser Beitrag wurde unter Mediengeschichte abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.