Als das Fernsehen noch Motor des sozialen Wandels war

Von Ralf Keuper

Dem Fernsehen wird heute nur noch von wenigen die Rolle eines Katalysators für den gesellschaftlichen Wandel zugeschrieben, wenn man damit eine Funktion meint, welche verschiedene Strömungen aufnimmt, verarbeitet und zu ihrer Integration beiträgt.

Das war in den 1960er und 1970er Jahren noch anders, wie die Rezension von Television’s Moment. Sitcom Audiences and the Sixties Cultural Revolution nahelegt.

Florian Greimer schreibt:

Drittens hielten sich die Serienmacher hinsichtlich der Inhalte und Darstellungsformen bewusst zurück. Sie vermieden extreme Positionen und erhoben solche Normen zur Zielscheibe kritischen Spotts, die bereits stark aufgeweicht waren. Statt auf direkte und allzu pädagogisch anmutende Botschaften setzten sie auf eine unaufdringliche, humoristische Behandlung der adressierten Themen.

Und weiter:

Insgesamt bestand die Funktion des Fernsehens somit darin, alternative Lebensstile aufzuwerten sowie neue Normen zu entradikalisieren und massentauglich zu machen. Die kulturelle Revolution wurde kommunikativ von den Rändern in die gesellschaftliche Mitte getragen. Blieb die Aneignung von Medieninhalten unzweifelhaft stets ein hochgradig individueller Vorgang, katalysierte das Fernsehen auf diese Art und Weise den sozialen Wandel.

Seinerzeit waren die Fernsehzuschauer keinesfalls nur passive Rezipienten bzw. Konsumenten, die alles bereitwillig und kritiklos aufnahmen, was ihnen vorgesetzt wurde. Auch Satiren wurden als solche erkannt und eingeordnet:

Weder bestimmten etwa Kommerzialisierung und Werbepartner über die Serieninhalte noch waren die Medienrezipienten derart einfältig und passiv wie oft angenommen wird, sondern durchaus in der Lage, Ironie zu erkennen und zu verarbeiten – den bis heute in der Kommunikationsforschung oft beschworenen „Archie-Bunker“-Effekt, wonach sich viele Zuschauer mit der Hauptfigur und deren unerwünschten Verhaltensweisen identifizieren, da sie die satirischen Überzeichnungen nicht verstehen, gab es in der Form nicht.

So gesehen lag Hans-Joachim Kulenkampff so falsch nicht, als er sagte:

Die Leute sind gar nicht so dumm, wie wir sie durchs Fernsehen noch machen werden.

Weitere Informationen:

Television’s Moment. Sitcom Audiences and the Sixties Cultural Revolution

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