Journalismus im Wandel der Zeit

Von Ralf Keuper
Der Berufsstand der Journalisten zählt zu denen mit dem geringsten Ansehen in der Bevölkerung. Nur Werber, Versicherer und Politiker genießen noch weniger Vertrauen
Wahrlich ein Anlass zur Einkehr – sollte man meinen. Davon ist jedoch nicht viel zu spüren. In den Redaktionen scheint man unbeeindruckt. Zu den wenigen selbstkritischen Beiträgen zählt Journalismus unter Verdacht von Stefan Niggemeier
Einer der Hauptvorwürfe, der gegen die Medien in Deutschland erhoben wird, ist, dass sie kaum noch abweichende Meinungen zu Wort kommen lassen, und stattdessen eine Einheitssicht vertreten, wie nicht nur Paul Schreyer feststellt. Augenfällig wurde diese Denkhaltung in letzter Zeit bei der Berichterstattung um den Ukraine-Konflikt , die nicht nur Stefan Slaby entsetzt hat, und ganz aktuell beim Thema Bahnstreik. Letztere habe mit ordentlichem Journalismus, so Sebastian Schmidt, kaum noch etwas zu tun. Und auch der Journalistenverband DJV sah sich gezwungen, die Medien zu einer fairen Berichterstattung aufzufordern. In vielen Medienhäusern haben sich Denkkollektive (Ludwik Fleck) gebildet; man lebt in gestalteten Umwelten (Karl Weick) oder schlicht in Parallelwelten. Journalisten schreiben über das, was andere Journalisten getan oder gesagt haben. Ein beliebtes Motiv, selbst oder gerade bei Journalisten aus dem eher linken Spektrum, ist Bild-Herausgeber Kai Diekmann. Was er auch macht; es muss getwittert oder kommentiert werden. 

Kurzum: Da ist wohl nicht mehr viel zu machen. Dafür steht auch der Beitrag Mainstream-Kritik ist der neue Mainstream von Robert Misik, wenngleich er in einigen Punkten nicht ganz Unrecht hat. Mainstream-Kritik zu üben, nur weil die eigene Meinung keine Beachtung und Resonanz findet und dann gleich dahinter ein System zu vermuten, ist in der Tat zu einfach. Andererseits aber den Hinweis auf einen Mainstream als Hirngespinst abzutun, zeugt selber nicht von großer Fähigkeit zur Selbstkritik. Das ist gleichfalls plattester Argumentationsstil. Da ist der Beitrag Volle Ladung Hass von Bernhard Pörksen differenzierter. Darin führt er zwei mustergültige Beispiele für informierenden Journalismus an. Die Argumentation fällt jedoch auch hier erstaunlich dürftig aus. Da  muss schon das Gespenst einer „fünften Gewalt“ in Gestalt des Publikums an die Wand gemalt werden. Wie kann es auch sein, dass der Pöbel sich erdreistet über die Medien herzuziehen? Majestätsbeleidigung! Wenn die Medien die Massen beeinflussen ist das gut, der umgekehrte Fall jedoch ein Skandal? Pörksen & Co. scheint entgangen zu sein, dass viele Menschen über einen mindestens ebenso hohen Wissensstand und eine gleichwertige Urteilsfähigkeit verfügen, wie Journalisten, die letztlich auch nur Angestellte sind – „Der Kaiser ist nackt“. 
Erstaunlich holzschnittartig argumentiert auch Hans Leyendecker in der SZ vom 11.11.2014 („Der böse Blick“). Aus einzelnen Verfehlungen von Journalisten oder Medien, würde ein allgemeiner Befund konstruiert, so Leyendecker. Da wird Kierkegaard, den der der Paranoia unverdächtige Peter F. Drucker in Der unmodische Kierkegaard als erklärten Gegner totalitärer Gesellschaftsentwürfe beschrieb,  in die Nähe geistiger Verwirrtheit gerückt, und quasi als Vorläufer heutiger Verschwörungstheoretiker stilisiert, währenddessen Alt-Meister Goethe, der Größte der Großen, so Leyendecker, die einzig richtige und noch heute gültige Klassifizierung aufgeklärter Leser gegeben habe. Die Gruppe derer, die genießend urteilt und urteilend genießt, sei schon immer überschaubar gewesen, befand der Geheimrat bereits in einem Brief aus dem Jahr 1819. 
Nun war es Leyendecker selbst, der noch vor einiger Zeit den Journalisten bescheinigte, in einem „Biotop“ zu leben und die Mühen der Recherche zunehmend zu scheuen

Bedenklich wäre die geschilderte Entwicklung für den einzelnen jedoch nur, wenn es heutzutage keine anderen Möglichkeiten gäbe, sich zu informieren. 

Über die Gründe dieses Wandels wird viel diskutiert und spekuliert. Der ehemalige SPIEGEL-TV- Journalist Harald Schumann gibt in einem Interview einen ernüchternden Einblick in den Arbeitsalltag der Redaktionen. Selbst die Investigationsredaktionen sollen inzwischen ein Haupteinfalltor für die PR sein. Zuvor kam Uwe Krüger in seiner Doktorarbeit zu ähnlichen Ergebnissen.
Freilich: Der Ruf der Journalisten war wohl noch nie der Allerbeste. Einen, wenn man so will, Grundstein für diese in der Öffentlichkeit fest verankerte Ansicht, legte vor 150 Jahren der „Erfinder der Sensationspresse„, der Verleger, William Randolph Hearst. Jahrzehnte später verfasste Karl Kraus sein satirisches „Lied von der Presse„. 
Ein Journalist, der dafür bekannt war, gegen den Strom zu schwimmen, war H.L. Mencken. Schon damals ein Solitär. 
Einen ausgesprochen lesenswerten und informativen Überblick über die Enstehungsgeschichte des Journalismus gibt Wolfgang Michal in seinem Blog-Beitrag Wie ein paar Aktivisten den modernen Journalismus erfanden. Darin erkennt Michal Parallelen zwischen der Situation gegen Ende des 19. Jahrhunderts und zur aktuellen Entwicklung im Online-Journalismus. 
In Zeiten, in denen der Markt aufnahmefähig und einigermaßen stabil war, konnte man mit Journalismus, der hin und wieder gegen den Strom schwamm, wie der SPIEGEL in seinen besten Jahren, noch gut verdienen. In der Medienbranche ist die Situation nicht anders, als in anderen. Wenn der Laden läuft, wird gerne mal über die eine oder andere Schrulle hinweggesehen, ja man ist sogar in gewisser Weise erfreut darüber; das ändert sich jedoch schlagartig, wenn das Geschäft rückläufig ist. Dann kommt es fast immer zu Konformitätsdruck. Branchen, wie die Medienbranche, die sich im schleichenden Niedergang befinden, bilden hier keine Ausnahme – wie sollte es auch anders sein. Das wäre wohl auch zuviel verlangt.
Ausnahmen hat es immer gegeben und wird es auch immer geben, ebenso wie guten Journalismus. Für mich persönlich verkörpert das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung diese Form des Journalismus. Der einzige Grund, weshalb ich die SZ noch abonniere. Von daher ist es nicht überraschend, wenn Lothar Müller, Feuiletton-Redakteur bei der SZ, den Preis für Buchkultur 2015 zugesprochen bekommt. Preisverdächtig sind m.E. auch seine Kolleginnen und Kollegen wie Kia Vahland, Thomas Steinfeld und Till Briegleb
Im Online-Bereich gilt das u.a. für den Altpapierblog, Wiesaussieht, Wolfgangmichalichsagmal, stefan-niggemeier.de und, so weit ich es bisher beurteilen kann, für die Krautreporter
Machen wir uns nichts vor: Guter Journalismus war auch in der Vergangenheit die Ausnahme. Aber auch der beste Journalismus kann uns die Pflicht zum Selberdenken nicht abnehmen. Das müssen wir schon selber machen. 
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