Erich Kuby über das legendäre SPIEGEL-Archiv

Zum horizontalten Informationssystem gehört alles, was sich aktuell an das Ereignis oder die Person angliedern lässt. Es ist hier wie bei einer wissenschaftlichen Arbeit: Der Autor muss die allenfalls zu berücksichtigenden, in den Text aufzunehmenden Fakten nicht im Kopf haben, er muss nur wissen, wo er sie findet. Für dieses Wissen wird der Spiegel-Redakteur vor allem bezahlt, nicht so sehr für seine Qualität als Schreiber, Sätzebastler, Stilist. Er fragt sich, wo finde ich was, und kann sich für die Beantwortung auf zwölf inländische und 20 ausländische Redatkionsvertretungen stützen, die ausschließlich für den Spiegel arbeiten und vor der Blattleitung personell besetzt und vom Verlag finanziell unterhalten werden. Er kann es für nötig halten, sozusagen am Tatort zu recherchieren, was nicht heisst, dass er selbst sich dorthin aufmachen müsste. Motorisierte Rechercheure stehen für Inlandsaufgaben bereit; im Ausland wird in der Regel die jeweils nächste Vertretung das Nötige veranlassen. Dieses ganze, nahezu weltweit ausgespannte Netz von Informationslieferanten muss auf Knopfdruck ohne einen in Stunden zu messenden Zeitverlust funktionieren. …

Die im vertikalen System angesammelten Informationen, von der Gegenwart über Jahrzehnte zurückreichend, im äußersten Falle also über deren vier, sind im einzelnen billiger zu haben. Von der ersten Nummer des Jahrgangs an wusste die Redaktion, und das muss heißen: wusste Augstein, dass ein Magazin, das informieren will, Informationen sammeln muss, jedes Fetzchen Papier, das über irgendetwas festhält. In der Praxis führte dieses Prinzip dazu, dass die “Dokumentation” auch kontinuierlich über Gebiete sammelt, die mutmaßlich nie von Blatt beackert werden. …

Für die Archivare gilt in noch höherem Maße als für die Schreiber zu wissen, was gerade gebraucht wird. Das ist mit einem noch so verästelten Katalogsystem allein nicht zu erreichen, es bedarf der Ergänzung durch den eigenen Kopf, der Datenspeicherung im Gehirn. Dazu kommt, dass dieses für den SPIEGEL-Leser unsichtbare Hilfsheer in oft langjähriger Zusammenarbeit mit den Schreibern aus der sich persönliches Kennenlernen keineswegs zu ergeben braucht und in vielen Fällen auch nicht ergeben hat, gelernt hat, mit welcher Art von Unterlagen der einzelne Anfordernde vorzugsweise zu arbeiten wünscht. …

Für achtzig Prozent aller Verifizierungsvorgänge werden Unterlagen benötigt, die nicht älter als dreieinhalb Jahre sind. Dazu hat der Leiter der “Dokumentation”, Herr Karl-H. Schaper, in einem Vortrag vor Experten bemerkt: “Jeder aus unserem Berufsstand weiss, dass nur ein Bruchteil der gespeicherten Dokumente jemals wieder abgefragt wird. Leider können wir nicht vorher wissen, welcher Bruchteil das sein wird”. Das heisst erstens, dass für “Dokumentation” eine Kosten-Nutzen-Rechnung nicht aufgemacht werden kann, und zweitens, dass sich nur ein steinreiches Unternehmen ein derartiges Archiv leisten kann, an dem nichts absonderlich ist außer dem Aufwand, der dafür getrieben wird, wobei nicht außer acht gelassen werden darf, dass das Spiegel-Archiv ausschließlich für das eigene Blatt arbeitet.  … Nur für eine Redaktion zu arbeiten, ist ein unschätzbarer Vorteil für die Präsenz, für die Minimierung der Anlieferungszeit. Sie reduziert sich auf Minuten, was dann von absolut entscheidender Bedeutung ist, wenn etwa am Freitag abend ein Ereignis gemeldet wird, für dessen Darbietung in der bereits abgeschlossenen Nummer keine Vorbereitungen getroffen worden sind.  

Quelle: Der SPIEGEL im Spiegel. Das deutsche Nachrichten-Magazin kritisch analysiert von Erich Kuby
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