Die „vierte Gewalt“ steht selbst unter Beobachtung – eine ungewohnte Situation

Von Ralf Keuper 
Lange galten die Medien als „vierte Kraft“ in der Gesellschaft, der die Aufgabe zufiel, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft kritisch zu begleiten. 
Während der 1960er und 1970er, vielleicht noch bis Mitte der 1980er Jahre sind die Medien dieser Aufgabe mehr oder weniger gerecht geworden. Die Rollen waren klar verteilt, das linke politische Spektrum deckten der SPIEGEL, der Stern, die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Rundschau sowie einige öffentlich-rechtliche Rundfunksender, wie der WDR, ab, das rechte Lager konnte auf Blätter des Springer-Verlages (Bild und Welt), die FAZ, das ZDF, das Handelsblatt, die Wirtschaftswoche (die letzten beiden aus dem Haus Holtzbrinck) und die Wirtschaftspublikationen von Bertelsmann/Gruner + Jahr, wie Capital und Impulse, setzen. Irgendwo in der Mitte lag DIE ZEIT, obwohl auch sie kapitalmäßig und über Gerd Bucerius personell eng mit Bertelsmann/Gruner + Jahr verbunden war. 
Obgleich diese Beschreibung auch heue noch eine gewisse Berechtigung hat, so bleibt doch festzuhalten, dass seit den 1990er Jahren kaum noch wesentliche Unterschiede in der Berichterstattung festzustellen sind, wie nicht nur Frank-Walter Steinmeier konstatiert. Im Großen und Ganzen liegt man auf einer Linie. 
Dem Auftrag, die bestehenden Verhältnisse kritisch zu beleuchten, kommen die Massenmedien nur noch in stark eingeschränktem Umfang nach. Die Gründe hierfür sind vielfältiger Natur. 
Viele sehen darin nicht ganz zu Unrecht einen Grund zur Klage. Trotzdem bin ich der Ansicht, dass die Entwicklung insgesamt positiv zu werten ist. Und zwar hat sich in den letzten Jahren und gerade in jüngster Vergangenheit gezeigt, dass die Medien, ob nun immer zu Recht oder nicht, für ihre einseitige Berichterstattung von vielen Seiten, vor allem aus dem Internet, kritisiert werden. Es hat sich eine Gegenöffentlichkeit gebildet, die sich als Korrektiv der ehemals „Vierten Gewalt“ begreift. Das ist für viele altgediente Journalisten eine gewöhnungsbedürftige Situation: Nun selbst Objekt der Kritik und der medialen Beobachtung zu sein. 
Dieser Transformationsprozess wird noch einige Zeit andauern. Am Ende wird der Journalismus, wie wir ihn heute noch kennen, eine Randerscheinung oder nur noch Entertainment bzw. Infotainment betreiben. Für tiefergehende Analysen und Recherchen reicht das Handwerkszeug der meisten Vertreter der Zukunft kaum noch. 
Wir werden künftig mehr „Macromedien“ benötigen, die das Vakuum, das die klassischen Medien hinterlassen haben, füllen. Ob diese überhaupt privatwirtschaftlich betrieben werden können, ist die große Frage. Vielleicht geht das nur auf gemeinnütziger Basis. Noch ist die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der klassischen Medien nicht groß genug, um ein Umdenken in der Gesellschaft herbeizuführen. Über kurz oder lang wird der Fall m.E. eintreten. Die alte Welt wird abgelöst. Neue Formate entstehen. 
Kein Grund daher zur Klage – im Gegenteil. 
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2 Kommentare zu Die „vierte Gewalt“ steht selbst unter Beobachtung – eine ungewohnte Situation

  1. Frederico sagt:

    Das Beobachten des Bericterstatters ist wahrscheinlich einer der bestimmenden Faktoren für den derzeitigen "Wandel des Öffentlichkeit". Wer sich beispielsweise abends die Tagesschau ansieht, der will nicht mehr wissen, was tagsüber so passiert ist – er weiß das ja schon. Vielmehr prüft er sozusagen nur noch nach, was und wie denn jetzt die als halboffiziell empfundene Tagesschau berichtet. Je nachdem, was ich tagsüber an Quellen schon konsumiert habe, fällt die Beurteilung aus – letztlich können die "Mainstreammedien" aber nur hinterm Netz zurückbleiben. Diese grundlegende strukturelle Änderung auf Publikumsseite ist meiner Ansicht der Treiber hinter der aufgeregten Journalismuskritik. Die Lösing kann nur darin liegen, dass die Medien die Legitimation für ihre Darstellung mitliefern, z.B. ihre Quellen tzransparent machen oder darstellen, inwiefern sie das alles auch registriert haben, was die "Netz-Leser" registriert haben. Problem ist dabei, dass die Zeitungen online nie zu Quellen verlinken, ondern weiterhin "verkünden". Das erweckt Mißtrauen, sie wollten etwas "unterdrücken", "totschweigen" etc.
    Wenn Medien und Medienkonsumenten noch einmal zu versöhnen sein sollten, dann nur so, dass die Journalisten verstehen, wie viele Infos und auch Youtube-Dokumente ihre Leser schon im Kopf haben, wenn sie ihre Artikel lesen bzw. abchecken.

  2. Ralf Keuper sagt:

    Exakt: Die meisten Journalisten haben noch nicht zur Kenntnis genommen, dass viele Medienkonsumenten durchaus in der Lage sind, sich ein eigenes Bild zu machen, indem sie beispielsweise auf Youtube Dokumentationen anschauen, oder Artikel aufstöbern, in dem der Autor oder dessen Zeitung eine Meinung vertreten haben, die so gar nicht zu ihren aktuellen Äußerungen passt. Früher konnte man darüber leicht den Mantel des Schweigens legen. Heute stehen diese Informationen grundsätzlich allen im Netz zur Verfügung, d.h. die Leser können den Journalisten die Fakten und Beiträge "um die Ohren hauen" – und das in einer Geschwindigkeit und Fertigkeit, die vielen Journalisten fremd ist. Sie denken vorwiegend in geschlossenen Systemen. Diese Zeit ist jedoch unwiederbringlich vorbei.

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