Bertelsmann – der zwergenhafte Medienriese

Von Ralf Keuper

Seit Jahren schon tritt Bertelsmann beim Umsatz auf der Stelle. Für das Jahr 2014 betrug er 16,7 Mrd. Euro; im Jahr 2006, also vor bald zehn Jahren, beliefen sich die Erlöse auf 19,3 Mrd. Euro. Berücksichtigt man die Inflation der Jahre, so ist der Konzern real dramatisch geschrumpft. Die Jahre stürmischen Wachstums sind vorbei. In den guten Zeiten tätigte Bertelsmann regelmäßig größere Übernahmen: Angefangen von Gruner + Jahr, Bantam Books, RTL, Doubleday, RCA und Random House. Seitdem trat Bertelsmann kaum noch bei größeren Übernahmen in Erscheinung. Das externe Wachstum, eigentlich immer schon der Motor von Bertelsmann, ging deutlich zurück, das interne reicht nicht mehr, um noch zu den neuen Branchengrößen wie Google und Apple aufschließen zu können. Deutlich gewachsen ist bei Bertelsmann in den vergangenen Jahren einzig die Zahl der Mitarbeiter; und das fast ausschließlich bei der Dienstleistungstochter arvato. Den Wachstumsplänen den letzten Schlag versetzte der Rückkauf des 25%igen Anteils von Bertelsmann, der sich in den Händen von Albert Frère befand. Die 4,5 Mrd. Euro, die an Frere gingen, standen für den weiteren Ausbau des Geschäfts nicht zur Verfügung – im Gegenteil: Wichtige Geschäftsfelder und Unternehmen wurden verkauft, um Frère auszahlen zu können. Ein besonderes Juwel, das damals über den Tisch ging, war die BMG Music Publishing, zu dem Zeitpunkt einer der am schnellsten wachsenden Musikverlage der Welt, die für 1,6 Mrd. Euro an Vivendi verkauft wurde. BMG Music Publishing hielt die Rechte an mehr als einer Million Musiktiteln. Mit der Gründung von BMG Rights Management im Jahr 2008 versucht Bertelsmann an die alten Erfolge anzuknüpfen. Neuester Coup ist die Kooperation mit der Digitalsparte von Alibaba
Bereits im Jahr 2002 initiierte Thomas Middelhoff den Verkauf des Wissenschaftsverlags BertelsmannSpringer, der nach seinem Abgang vollzogen wurde. Ein, wie sich herausstellen sollte, strategischer Fehler. Seit Jahren versucht Bertelsmann im Geschäft mit der Bildung Fuss zu fassen. Im Jahr 2013 erwog Bertelsmann den Rückkauf von Springer Science + Business Media. Dass daraus nichts wurde, lag vor allem daran, dass Bertelsmann den Kaufpreis für die Mehrheit nicht stemmen konnte. Der Kauf von E-Learning-Unternehmen wirkt dagegen wie ein Trostpreis. Im Geschäft mit der Bildung geben derweil ThomsonReuters und Elsevier den Ton an.
Bei nüchterner Betrachtung führt kaum ein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass Bertelsmann den Anschluss an die Wachstumsmärkte bereits verloren hat, oder kurz davor ist. Anfang des Jahres schrieb die Wirtschaftswoche vom Niedergang des Medienriesen Bertelsmann. Dem Konzern drohe der Abstieg. Darauf ist zu sagen: Bertelsmann ist als Medienkonzern schon längst abgestiegen. Den Ton geben die neuen Medienkonzerne wie Apple, Amazon, Google, Tencent, Alibaba, Baidu & Co an, die in letzter Zeit verstärkt in das Mediengeschäft drängen

E-Commerce und Medien wachsen zusammen. Weder in dem einen, noch in dem anderen Sektor kann Bertelsmann international mithalten. 
Die Zugkraft von RTL lässt spürbar nach, das Streaming ersetzt das Fernsehen. Im Streaming führt kein Weg an YouTube, Netflix & Co. vorbei. Im klassischen Musik- und Filmgeschäft dominiert Apple mit iTunes. 

Selbst Thomas Rabe räumt in einem aktuellen Interview mit dem Spiegel, indirekt, die neue Machtverschiebung ein:

Die Fernsehnutzung bei Jugendlichen geht zwar zurück, aber nicht so stark, wie es oft dargestellt wird. Zudem ist RTL im Online-Videobereich weltweit die Nummer vier mit jährlich 36 Milliarden Abrufen. Vor uns liegen nur Google, Facebook und AOL. Wir haben also gute Chancen, dass RTL den 14-Jährigen bereits auf dem einen oder anderen Weg erreicht.

Woher die Zahlen kommen, lässt sich dem Beitrag nicht entnehmen. Jedoch kann ich mir nur sehr schwer vorstellen, dass Bertelsmann im Video-Bereich noch auf dem vierten Platz weltweit liegt. Es ist zweifelhaft, dass RTL im Online-Videobereich vor Tencent rangiert. Denn: Tencent besitzt drei der fünf weltweit größten sozialen Netzwerke. Zusammen zählen Tencents soziale Netzwerke mehr als 1 Mrd. Nutzer. Außerdem ist Tencent noch der weltweit größte Entwickler von Online-Spielen. Auch sonst ist der chinesische Internetkonzern nicht von Pappe, wie TechCrunch schreibt

Tencent, the fifth-largest internet company after Google, Amazon, Alibaba, and eBay, has the largest online-to-offline e-commerce platform. Tencent also owns popular messaging app WeChat (aka Wexin), with 468 million users, linking social tools and online payments with TenPay and WeChat Payment.

Auch das chinesische YouTube, Youku Tudou, zählt 500 Millionen Nutzer. Da will RTL mehr auf die Waage bringen? Und von Alibaba wollen wir erst gar nicht reden. Auch nicht von Line, Daum Kakao, Baidu und Softbank
Bertelsmanns Ausflüge ins Internet waren alles andere als von Erfolg gekrönt. Genannt seien nur Lycos und Pixelpark. Im Jahr 2001 gab Bertelsmann seinen Inkubator Bertelsmann Valley auf. Auch danach hatte das Unternehmen als Startup-Investor keine sonderlich glückliche Hand
Unterdessen entwickelt sich facebook zum Gatekeeper im Netz für die Medieninhalte. Künftig sollen die Medienhalte direkt auf facebook gepostet werden
In Gütersloh wird man sich mit dem Gedanken anfreunden müssen, nur noch in der zweiten Liga zu spielen. Allenfalls in Europa könnte sich das Unternehmen, in bestimmten Bereichen, gegen die internationale Konkurrenz behaupten. Axel Springer kann nicht der Maßstab sein, so beeindruckend die Erfolge im Digitalgeschäft auch sein mögen. Springer ist international gesehen nicht einmal ein riesenhafter Zwerg.
Bertelsmann fehlen die kreativen Köpfe und bunten Vögel, wie Monty Lüftner. Stattdessen regieren die Controller. In einem Geschäft, in dem es um Kreativität – auch um Visionen – geht, ist das ein echtes Handicap. Dieser Ansicht ist sicherlich nicht nur Jürgen Richter.

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