Arthur Miller über die Zukunft der Bücher und des Lesens

Von Ralf Keuper

Auszug aus einem Interview mit dem Dramatiker Arthur Miller

Frage: Wird es im einundzwanzigsten Jahrhundert noch Bücher geben und Menschen, die Bücher lesen?

Arthur Miller: Ja, es wird Bücher geben, aber was für Bücher? Ich zweifle allmählich an meinem eigenen Optimismus. Lassen Sie es mich so sagen: Wenn man ein Bild betrachtet, sei es im Fernsehen oder im Kino oder übrigens auch auf diese Sachen im Internet starrt, dann berührt das einen Teil des Gehirns, der sich völlig von dem Teil des Gehirns unterscheidet, den wir beim Lesen benutzen, besonders bei anspruchsvoller Lektüre. Mit dem Ergebnis, dass wir uns in eine Art Passivität zurückziehen, während wir im Theater und bei Büchern eine Menge Energie aufbringen müssen. Im Theater beispielsweise muss man entscheiden, wer gerade spricht. In Filmen werden alle anderen Personen ausgeblendet, außer der, die gerade spricht. Meine These unsere Zivilisation betreffend, lautet, dass alle Erfindungen auf dem Gebiet der Kommunikation ein Ziel haben: es uns leichter zu machen. So dass man wahrscheinlich nicht einmal die Augen richtig aufzumachen braucht. Man muss einfach nur dabei sein und dafür bezahlen. Also, wenn Sie mich fragen, wird es in Zukunft noch Bücher geben? Die Frage muss lauten: Wird es in Zukunft Energie geben? Das ist die eigentliche Frage.

Quelle: Gelegentlich Licht ins Dunkel tragen. Der amerikanische Dramatiker Arthur Miller im Gespräch mit Christopher Bigsby, in: Frankfurter Rundschau 24. Januar 1998

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