Die alten Medien und ihre Abhängigkeit von der Trackingindustrie

Von Ralf Keuper

Bei der Diskussion um die “Zweckentfremdung” von ca. 50 Millionen facebook-Nutzerprofilen durch Cambridge Analytica geht allzu oft die Tatsache unter, dass die Medien, die facebook und anderen sozialen Medien vorwerfen, demokratische (Meinungsbildungs-)Prozesse zu manipulieren, selber Teil des Problems sind. Auf diesen Umstand hat u.a. Doc Searls in Facebook’s Cambridge Analytica problems are nothing compared to what’s coming for all of online publishing hingewiesen. Darin beschreibt er die Abhängigkeit der online-Angebote der alten Medien, wie der New York Times, von der Werbe- bzw. Trackingindustrie.

These pubs don’t just open the kimonos of their readers. They bring readers’ bare digital necks to vampires ravenous for the blood of personal data, all for the purpose of aiming “interest-based” advertising at those same readers, wherever those readers eyeballs may appear—or reappear in the case of “retargeted” advertising.

With no control by readers (beyond tracking protection which relatively few know how to use, and for which there is no one approach, standard or experience), and damn little care or control by the publishers who bare those readers’ necks, who knows what the hell actually happens to the data?

In Help Us Cure Online Publishing of Its Addiction to Personal Data präzisiert Searls seine Vorstellungen eines Journalismus, der seine Leser nicht ausspäht. Eng damit verbunden ist das Thema Fake News:

Real advertising supports journalism and other worthy purposes, while adtech supports “content production”—no matter what that “content” might be. By rewarding content production of all kinds, adtech gives fake news a business model. After all, fake news is “content” too, and it’s a lot easier to produce than the real thing. That’s why real journalism is drowning under a flood of it. Kill adtech and you kill the economic motivation for most fake news. (Political motivations remain, but are made far more obvious.)

Die Abhängigkeit der alten Medien von facebook thematisierte, wenngleich mit anderem inhaltlichen Schwerpunkt, der Beitrag Facebook: Warum machen die Medien mit?.

Das (einseitige) Abhängigkeitsverhältnis zwischen alten und neuen Medien wird in Facebook, die alten Medien und die ökonomischen Konkurrenzverhältnisse thematisiert. Neben facebook ist Google der andere große Player im Markt für online-Werbung, was in der Diskussion ebenfalls untergeht. Anders als facebook betreibt Google über seinen “Innovationsfonds” jedoch so etwas wie “Landschaftspflege”, worauf Wolfgang Michal hinweist.

Seit Jahren prozessieren verschiedene Verlage gegen Anbieter sog. Ad-Blocker. Erst vor wenigen Tagen scheiterten die Verlage vor dem OLG Hamburg mit dem Versuch, ein Vertriebsverbot gegen den Werbeblocker AdPlus durchzusetzen (Vgl. dazu: OLG Hamburg: Adblock Plus ist zulässig). Parallel dazu laufen einige namhafte Verlage hierzulande Sturm gegen die ePrivacy-Richtlinie (Vgl. dazu: E-Privacy-Verordnung: Verlage wollen Leser beim Tracking entmündigen). Die Verlage befürchten massive Einbrüche ihres Werbegeschäftes, sollte die ePrivacy-Richtlinie wie geplant umgesetzt werden (Vgl. dazu: Verlage befürchten massive Auswirkungen durch E-Privacy-Verordnung).

Insofern sind die alten Medien, wie Verlage (FAZ, G+J, Springer), Teil des Problems und Profiteure einer Industrie, die mit den Themen Datenschutz und Privatheit nicht immer auf vertrautem Fuß steht. Solange die alten Medien sich nicht aus dieser Abhängigkeit befreien und ihre Geschäftsmodelle auf eine neue Basis stellen, wird sich an den Problemen, die sie kritisieren, kaum etwas ändern. Dass es auch anders gehen könnte, zeigen die zahlreichen Initiativen, welche auf die Blockchain-Technologie setzen (Vgl. dazu: Content Blockchain Projekt).

Bei Burda bzw. deren Startup Bot Labs ist man gar der Ansicht, dass die Blockchain Facebook und Google komplett ersetzen wird. In einem Interview sagt der Chef des Startups, Ingo Rübe:

Wir müssen das Internet wieder demokratisieren und den Nutzern wieder die Hoheit über ihre Daten geben. Dazu müssen wir den Nutzern Alternativen in Form von hochwertigen Diensten bieten, die ohne zentrale Datensilos auskommen. Hierfür bietet die Blockchain Technologie alle notwendigen Chancen. Nun sind Industrie, Investoren und Startups gefragt, die neuen Möglichkeiten zu begreifen und zu nutzen, um die nächste und bessere Generation des Internet zu bauen.

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