Was passiert im Gehirn, wenn wir lesen? Aus einem Interview mit Wolf Singer

Es wird durch die elektronischen Medien oft vorgegeben, wann ich was zu verarbeiten habe. Vor allem dann, wenn die Inhalte so programmiert sind, dass das, was ich sehe, sich ständig bewegt oder fließt. Das ist in hohem Maße unnatürlich. Normalerweise bin ich es, der sich aussucht, in welchem Rhythmus ich etwas anschaue oder lese. Die neuen Medien wollen aber Attraktivität erzeugen, es werden Bewegungsreize eingebaut, in den Videosequenzen gibt es viele schnelle Schnitte. Das führt nachweislich zur Verringerung der Aufmerksamkeitsspanne. Menschen, die stark auf diese Weise sozialisiert worden sind, bekommen durchaus Schwierigkeiten, einen Satz von Thomas Mann zu lesen. Sie sind verloren, wenn sie warten müssen, dass irgendwann am Ende eines langen Satzes die Auflösung kommt. Komplexe, verschachtelte Zusammenhänge sind für sie dann schwer aufzulösen. …

Zwischenmenschliche Diskurse lassen sich nicht einfach abbilden. Vielschichtige Zusammenhänge müssen beschrieben werden. Das gelingt aber nur, wenn man gelernt hat, mit dem symbolischen System der Sprache komplexe Sachverhalte in einen linearen Fluss zu übersetzen, und zwar so, dass er verstanden werden kann. Das ist eine Kunst. Wenn diese Kunst nicht mehr gefordert wird, weil man glaubt, alles mit digitalen Möglichkeiten einfach abbilden zu können, im Extremfall mit Virtual Reality, dann geht diese Fähigkeit verloren.

Quelle: Diese selbstgemachte Welt im Kopf, die behalten wir. Ein Gespräch mit dem Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer, FAZ vom 13.10.18

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