Vom Überschusssinn der Medien

Von Ralf Keuper

Die Frage, welche Konsequenzen sich aus der fortschreitenden Digitalisierung zahlreicher Arbeits- und Lebensbereiche für die Gesellschaft ergeben, beschäftigt naturgemäss die Sozialwissenschaften. Aber erst jetzt traut sich mit Dirk Baecker in Ausgangspunkte einer Theorie der Digitalisierung einer der führenden Vertreter der Systemtheorie so richtig an das Thema. Selbstverständlich kommt er bei der Formulierung seiner Hauptthese nicht ohne Reverenz an seinen Lehrer Niklas Luhmann aus.

Probleme der Digitalisierung entstehen daraus, dass elektronische Medien der Gesellschaft an der Schnittstelle von Mensch und Maschine einen Überschusssinn bereitstellen, auf dessen Bearbeitung bisherige Formen der Gesellschaft strukturell und kulturell nicht vorbereitet sind.

Daran schließt Baecker erläuternd an:

Jedes in der Evolution der Gesellschaft neu auftretende Verbreitungsmedium der Gesellschaft attrahiert neue Möglichkeiten der Kommunikation, das heißt des Erreichens und Verstehens neuer Kreise von Adressaten, und bedroht damit die bisherige Struktur und Kultur, die bisherigen Institutionen, Konventionen und Routinen, die auf die Modalitäten der älteren Verbreitungsmedien eingestellt sind

Zum Überschusssinn äußert sich Baecker einige Seiten später ausführlicher:

„Überschusssinn“ bedeutet jeweils, dass ein Medium der Kommunikation mehr Möglichkeiten der Kommunikation bereitstellt, als je aktuell wahrgenommen werden können. Jede neue Medienepoche muss sich auf diesen Überschusssinn erst einstellen. Und „Einstellen“ heißt nicht, dass der Überschusssinn verschwindet; sondern es heißt, dass Formen bereitstehen, eben eine Struktur und eine Kultur der Gesellschaft, in denen er aufgegriffen und reduziert werden kann, ohne ihn als solchen zum Verschwinden zu bringen. Im Gegenteil. Jede neue Struktur und Kultur einer neuen Medienepoche misst sich eben daran, dass sie den Überschusssinn aushält, den das Medium trägt, indem sie mit diesem Überschusssinn konstruktiv, das heißt ebenso routiniert wie innovativ, umgehen. Das gilt für Verbreitungsmedien der Kommunikation wie die Schrift, den Buchdruck, die Massenmedien und die elektronischen Medien ebenso wie für sogenannte Erfolgsmedien der Kommunikation wie das Geld, die Macht, die Wahrheit, das Recht, die Kunst oder die Liebe. Die Folgen der Monetarisierung, der Demokratisierung, der Methodologisierung, der Justifizierung, der Ästhetisierung und der Passionierung sind nicht in dem Moment bewältigt, in dem diesen Prozessen Einhalt geboten werden kann, sondern in dem Moment, in dem sie im Medium ihrer Eingrenzung entfaltet werden können.

Vom Überschussinn der (Online-) Medien spricht auch Martin Gantner in Massenmedium und Massenmedien, der sich dabei ebenfalls auf Luhmann sowie auf Baecker bezieht.

Bevor man dem Totalanspruch der Systemtheorie nachgibt, ist es nicht von Schaden, die Gedanken Ernst Cassirers auf sich wirken zu lassen:

Wir können niemals das Sinnliche als solches, als bloßen „Rohstoff“ der Empfindung aus dem Ganzen der Sinnverbände überhaupt herauslösen: – wohl aber können wir aufzeigen, wie es sich verschieden gestaltet und wie es Verschiedenes „besagt“ und meint, je nach der charakteristischen Sinn-Perspektive, je nach dem „Blickpunkt“, unter den es rückt. Die Philosophie darf sich nicht damit begnügen, je einen dieser Blickpunkte, mag er auch noch so umfassend erscheinen, zu fixieren, sondern sie muss, in einer Synopsis höherer Stufe, sie alle zu umspannen und sie in ihrem konstitutiven Prinzip zu verstehen suchen: denn erst die Totalität dieser Prinzipien macht die objektive Ganzheit des Geistes aus (in: Symbol, Technik, Sprache)

Sicher – auch Luhmann und Baecker versuchen eine Synopsis höherer Stufe. Allerdings hat die Systemtheorie die Eigenschaft, alles unter den gemeinsamen Nenner der Kommunikation zu bringen und Unterschiede dadurch einzuebnen. Im Vergleich dazu lässt der Symbolbegriff mehr Abweichungen, mehr Diversität zu, obschon auch hier die Tendenz zur Vereinheitlichung, Subsummierung besteht.

Alvin Toffler brachte den Symbolbegriff in seinem Buch Machtbeben in eine populäre Fassung, indem er von der Supersymbolwirtschaft sprach:

Dieses neue Wertschöpfungssystem ist voll und ganz auf die sofortige Verarbeitung von Daten, Ideen, Symbolen und Symbolismen angewiesen. Eine Supersymbolwirtschaft im wahrsten Sinne des Wortes.

Ist die Supersymbolwirtschaft die Antwort auf den Überschusssinn der Medien?

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