Google Maps: Werbeverzeichnisse, garniert mit Straßennamen

Von Ralf Keuper

Auch die besten Karten sind nur Repräsentationen/Abbilder der realen Verhältnisse, d.h. sie sind zwangsläufig selektiv und bedürfen der Interpretation. Karten sind machtvolle Instrumente, mit deren Hilfe Wahrnehmungen und Meinungen manipuliert werden können.

Karl Schlögel bemerkt:

Nicht alle kartografischen Darstellungen sind wahr, und schon gar nicht alle sind gleich geeignet, jenes zur Anschauung zu bringen, worauf es im eigentlichen Sinne ankommt. .. Karten sind nicht neutral, sondern in einem fundamentalen Sinne >parteilich<, selektiv. Und es kann auch hier nur darauf ankommen, die Bedingungen explizit zu machen. .. Solange dies so ist, müssen wir mit vielen Karten von ein und derselben Sache und ein und derselben Welt leben, und es wird dann sowohl eine Frage des Standpunktes, des jeweiligen Interesses, vielleicht auch des individuellen Temperaments oder Geschmacks sein, wie man sich am Ende entscheidet. (in: Im Raume lesen wir die Zeit)

Auch digitale Karten sind hier keine Ausnahme; im Gegenteil: Sie eigenen sich, schon allein ihrer medialen Verbreitung wegen, besonders gut dazu, das Verhalten der Nutzer in die gewünschten Bahnen zu lenken. Darauf weist Adrian Lobe in in Manipulationen bei Google Maps Fahr doch auf einen Kaffee bei Starbucks vorbei hin:

Mit der Digitalisierung hat sich das geändert: Karten werden nicht mehr allein zu kartographischen, sondern auch zu kommerziellen Zwecken kreiert. Die „areas of interest“, die Google algorithmisch anhand der Konzentration von Bars und Restaurants auf seinen Karten ausweist, markieren eher Googles Geschäftsinteressen als die der Besucher. Google zeichnet eine eigene Version der urbanen Landschaft. Wer in diesen digitalen Karten nicht verzeichnet ist, existiert faktisch nicht. „Diese Repräsentationen“, schreibt der Internetkritiker Nicholas Carr auf seinem Blog „Rough Type“, „vermitteln nicht nur ihre Wirklichkeit; sie schaffen ihre eigene Wirklichkeit.“ Doch dieses Abbild der Wirklichkeit ist nicht nur verzerrt und lückenhaft, sondern wird auch gezielt mit falschen Informationen infiltriert.

Die „Macht der (digitalen) Karten“ sollte also nicht unterschätzt werden. Insofern kommt auf die Kritische Kartografie noch einige Arbeit zu.

Georg Grasze schreibt in Kritische Kartografie über die Defizite der gängigen Lehrbücher zur Kartografie:

Die gesellschaftlichen und diskursiven Rahmenbedingungen der Herstellung von Karten werden ebenso wenig thematisiert wie die sozialen Effekte der Kartographie. Andererseits ist auffällig, dass auch in einigen neueren Lehr- und Handbüchern der Kultur- und Sozialgeographie, welche auf die Gemachtheit von Geographien abheben, keine Auseinandersetzung mit dieser „Säule“ geographischen Wissens erfolgt (Gebhardt et al. 2003, Gebhardt et al. 2007, Weichha2008). Fast scheint es, als würden Karten allein dem Feld der angewandten Kartographie und der GIS-Studien überlassen und als meide die neuere Kultur- und Sozialgeographie die Auseinandersetzung mit diesem Medium.

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