Projekt „Herrschaftswissen 2.0“ im Journalismus

Von Ralf Keuper
Bereits gestern hatte ich mich mit dem neuen Angebot der Zeitung Der Tagesspiegel auseinandergesetzt. Das Format/Produkt namens Tagesspiegel Causa richtet sich an die „Meinungselite“, deren zahlenmäßiger Schwerpunkt in Berlin verortet wird. Der Tagesspiegel nimmt für sich in Anspruch, 49% der Angehörigen der Meinungselite in Berlin zu erreichen.
Was läge also näher, als den Leser am Entstehungsprozess des Herrschaftswissens teilhaben zu lassen? Das könnte man als einen Versuch der Demokratisierung interpretieren. Informelle Vorgänge und Abstimmungsprozesse würden im Idealfall transparent. 
Ist das wirklich so?
Dass die wirklich wichtigen Entscheidungen nicht in aller Öffentlichkeit getroffen oder gar bis in letzte Detail vor dem Publikum diskutiert werden, dürfte ziemlich unstrittig sein. Das hat sich auch im Zeitalter des Internet – im Prinzip – nicht geändert, wenngleich die Einflussmöglichkeiten an manchen Stellen, wie im Fall von Online-Petitionen oder Wikileaks, gestiegen sind. 
Ein Journalismus, der sich als Moderator, Kommunikator der Herrschenden, der gesellschaftlichen Elite versteht, hat seine Aufgabe verfehlt, sofern er für sich in Anspruch nimmt, den Dingen auf den Grund gehen zu wollen. Hierfür ist jedoch kritische Distanz unabdingbar. 
Als Bestandteil der „Macht- oder Meinungselite“, ganz gleich, wo diese geografisch und personell angesiedelt sein mag, kann er diese Funktion nicht erfüllen. Das ist allenfalls PR – dafür aber wenigstens offene. 
Da wundert es dann wirklich nicht mehr, wenn die Elite, wie die großen DAX-Konzerne, sich gegen diese neue Nähe zu wehren beginnt, da sie ihr unangenehm, peinlich und wohl auch zu plump ist. 
Die Medien arbeiten weiter am eigenen Bedeutungsverlust und treiben parallel dazu unverdrossen und mit großem Eifer die Projekte „Herrschaftswissen 2.0“ oder „Refeudalisierung 2.0“ voran, wie sie zuvor schon in diversen Büchern und Artikeln angesprochen wurden:
Der Journalismus schafft sich ab – wenn das keine Aufklärung ist 😉
Wohlan denn.
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