Die Profanisierung der Kulturgüter durch Reproduktion und Information

“Das Allgemeine”, mit dem sich das Publikum kritisch beschäftigt, blieb dem Interpretationsmonopol der kirchlichen und staatlichen Autoritäten nicht nur von der Kanzel herab, vielmehr in Philosophie, Literatur und Kunst auch dann noch vorbehalten, als die Entwicklung des Kapitalismus für bestimmte soziale Kategorien bereits ein an Information und immer mehr Informationen rational orientiertes Verhalten verlangte. In dem Maße aber, in dem die philosophischen und die literarischen Werke, Kunstwerke überhaupt, für den Markt hergestellt und durch ihn vermittelt werden, ähneln sich diese Kulturgüter jener Art Informationen an: als Waren werden sie im Prinzip allgemein zugänglich. Sie bleiben nicht länger Bestandteile der Repräsentation kirchlicher wie höfischer Öffentlichkeit; genau das ist mit dem Verlust ihrer Aura, mit der Profanisierung ihres einst sakramentalen Charakters gemeint. Die Privatleute, denen das Werk als Ware zugänglich wird, profanieren es, indem sie autonom, auf dem Wege der rationalen Verständigung untereinander, seinen Sinn suchen, bereden und damit aussprechen müssen, was eben in der Unausgesprochenheit solange autoritative Kraft hatte entfalten können. “Kunst” und “Kultur” verdanken, wie Raymond Williams nachweist, überhaupt erst dem 18. Jahrhundert ihre moderne Bedeutung einer von der Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens abgelösten Sphäre.

Quelle: Der Strukturwandel der Öffentlichkeit, Autor: Jürgen Habermas

 

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