Die Aufhebung des Retrocomputing in der Medienarchäologie

Von Ralf Keuper
In einem Vortrag erläutert Wolfgang Ernst vom Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft der Humboldt-Universität Berlin die Grundzüge des Retrocomputing und dessen Beziehung zur Medienarchäologie. 

Computer sind zunächst einmal signalverarbeitende Medien. Retrocomputing ist keine techniknostalgische Mode, sondern eine Methode der Medienwissenschaft. Das Retrocomputing dient der Erforschung vergangener Gegenwarten durch praktischen Nachvollzug. In gewisser Weise geht es dabei darum, der Archaik des Computers nachzuforschen. 
Der Digitalcomputer als Zustandsmaschine befindet sich stets in der Gegenwart, so alt er auch produktionstechnisch sein mang. Ein Commodore 64 ist auch heute noch ein Medium, das konkret in der Gegenwart existiert. So kann man z.B. durch Installation von Browsern den C 64 quasi aus dem Stand in das Internetzeitalter katapultieren. So gesehen ist der Computer ein zeitloses Medium und verhält sich damit anders als die klassischen Medien. Der Computer lässt Ort und Zeit bedeutungslos werden – solange der Code decodiert werden kann . Chiparchitekturen gewinnen mit der Zeit die historische Tiefe von Häusern und Städten. 
Nach wir vor ist die maschinennahe Programmierung mittels Assembler aktuell. Es handelt sich demnach um ein fortwährendes Grundprinzip des Computers. 
Die Kerngedanken des Retrocomputing stichwortartig zusammengefasst: 
  • Erinnerungsarbeit als Archiv
  • Emporhebung als epsitomologische Verewigung
  • Suspension von der reinen Techniknostalgie
  • Medienarchäologische Methode – in aktuellen Computern ist das frühe Computing aufgehoben.
  • Retro ist kein Rückwarts sondern eine Grundlagenforschung. 
  • Reduktion auf das Wesentliche sucht die verloren gegangene Sichtbarkeit von Computertechnik wiederzuerlangen.
Bewertung: 
Etwas irritiert hat mich der fast schon obligatorische Rückgriff auf Hegel und dessen Geschichtsphilosophie am Beispiel des Prinzips der „Aufhebung“. Warum nicht Leibniz? Leibniz hat wie kaum ein anderer die Prinzipien des Retrocomputing in Theorie und Praxis vorgeführt, wie Werner Künzel und Peter Bexte in Allwissen und Absturz. Der Ursprung des Computers zeigen. Neben Leibniz müssten dann noch Raimundus Lullus und Athanasius Kircher als Praktiker und Theoretiker des Retrocomputing genannt werden. Ebenso in diese Reihe, neben anderen, gehören m.E. Konrad Zuse, John von Neumann, Alan Turing und Carver Mead. Hier muss m.E. die Perspektive erweitert und vertieft werden. 
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