Alfons Paquet: Schriftsteller, Journalist und Dichter, Reisender und Europäer

Von Ralf Keuper

Es gibt nur wenige Beispiele von Journalisten, die gleichzeitig große Literaten waren, wie Siegfried Kracauer, Egon Erwin Kisch und Alfred Polgar. In unserer Zeit fällt der Befund negativ aus. Heute dominiert das Storytelling als Frucht einer eindimensionalen Ausbildung an den Journalistenschulen. Einen Meister der Reportage, wie Hans Ulrich Kempski, sucht man vergebens. Er würde heute in den Redaktionen kaum noch zum Zuge kommen.

Ein weiterer Fall eines Journalisten, der in der Lage war, weit über seinen Tellerrand hinauszuschauen, war Alfons Paquet, der heute weitgehend vergessen ist. Hermann Hesse soll überrascht gewesen sein, als er erfuhr, dass Alfons Paquet nicht nur Dichter, sondern auch Journalist war. Auch sonst war Hesse ein großer Bewunderer Paquets:

„[…] Paquet aber ist genial und übertrifft meine besten Sachen, was ich selbst willig einräume. Ich schätze ihn sehr hoch.“

Erst kürzlich veröffentlichte Oliver M. Piecha seine Biografie Der Weltdeutsche. Eine Biographie Alfons Paquets, die Joachim Seng in Held namenlos, ein deutscher Visionär bespricht.

Zum Schluss seiner Rezension schreibt Seng:

Man kann nur hoffen, dass dieser Schriftsteller, Europäer, Weltreisende und Chronist der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach dieser Publikation nicht länger ein „Held ohne Namen“ bleibt. Bereits 1906 hatte Hermann Hesse die Frage gestellt, ob Paquet „nicht vielleicht Züge des Menschen der Zukunft“ trage. Die Vision der Vereinigten Staaten von Europa und einer europäischen Friedensordnung (Der Rhein als Schicksal, 1920; Antwort des Rheines, 1928) entwickelte Paquet bereits in den 1920er-Jahren und war damit seiner Zeit voraus. Sein von den Erfahrungen im Rheinland ausgehender, viele Grenzen überwindender Traum von Europa wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Wirklichkeit und droht heute wieder, am Kleinmut und Nationaldenken der Regierenden zu scheitern. Vielleicht ist jetzt die richtige Zeit, sich an den Weltdeutschen Alfons Paquet zu erinnern und seine Texte zu lesen. Piechas Biografie wäre ein guter erster Schritt.

Persönlich bin ich erst vor wenigen Monaten, per Zufall, auf Paquet aufmerksam geworden. Für wenig Geld erstand ich antiquarisch die Gesammelten Werke in drei Bänden. Besonders der Dritte Band – Reisen – zeigt einen scharfsinnigen Beobachter, der die bildhafte Sprache beherrscht, wie sonst nur wenige andere (Reise-)Schriftsteller, beispielsweise Patrick Leigh Fermor.

Paquet bereiste u.a. die USA, China, Japan, Russland, Griechenland und Palästina.

Hier ein Ausschnitt aus “Und dann kamen die Autos”.

Die Seele des Autos freilich, das ist die Hand am Steuerrad, der Fuß am Gashebel. Die Menschen, innen wie auf den Doppelsitzen eng nebeneinander, sind auswechselbar. Der Rausch ist für alle derselbe. Alte Verzauberungen, Moralgesetze der Väter sind aufgehoben. Hier herrscht nur die Verzauberung des Raumes, das listige Wettrennen mit der Zeit. Der Mensch teilt seinen Willen mit dem Willen eines Lebewesens, das er mit einem Druck des Hebels entfesselt, er merkt nicht, wie dienstbar er geworden ist. Die Frommen eines früheren Zeitalters gaben dem Gott den zehnten Teil vom Ertrag ihrer Arbeit, hier wird mehr gefordert. Mit dem Kaufpreis ist es nicht getan. Von dem Gelde derer, die es für anderes nötiger hätten, nähren sich die Werkstätten, die laufenden Bänder, die immer neue Autos gebären und auf die Straße entlassen. Steuern werden gezahlt, um die Straßen in Ordnung zu halten und jene scharfen Wächter zu entlohnen, die auf trillernden, heulenden Motorrädern hinter verirrten Autos herjagen wie Wolfshunde hinter Schafen. Und wehe, wenn der kleine Schlitz der Westentasche nicht unerschöpflich ist. Woher sonst soll das Öl bezahlt werden und das Benzin und die Hilfe des Schraubenschlüssels? Die Flaggen der Tankstellen wehen festlich, von weitem grüßen die phantastischen Aufbauten dieser Füllstationen: Drachen, Flugzeuge, Windmühlen mit sich drehenden Rädern, Ritterburgen aus Segeltuch. In den Regalen dieser weit zur Straße geöffneten Hallen, die Mechanikerwerkstatt, Automatenrestaurant und Bedürfnisanstalt in einem sind, steht eine Bibliothek neuer Gummireifen, gegoren und gepreßt aus dem Saft der tropischen Wälder. Jede dieser Karawansereien, in denen die Einkehr nur Sekunden dauert, will sich durch ein Spielzeug, ein Kartenblatt in das Gedächtnis der Kundschaft einprägen. Die freigiebig verteilten Faltprospekte zeigen Amerika mit allen seinen Staaten, durchzogen vom Aderwerk der Autostraßen, und es fehlen nicht die Angaben über die Straßengesetzgebung, über Höchstgeschwindigkeiten, Autofallen und Strafen. Nachts leuchten die Füllstationen mit ihren venezianischen, bunten Lichterschnüren. Hellblau glänzen die Ölschränke, gelb und rot die gläsernen Säulen mit dem perlenden, gurgelnd abfließenden Benzin. Alle stehen aufgereiht wie die Soldaten. Wenn die Pumpe sich bewegt und der Schlauch seine Spitze ausstreckt und der Mann im blauen Overall den Wassereimer in den ausgetrockneten, aufdampfenden Kühler ausleert, wen gäbe es dann, der nicht an der Freude dieses Getränktwerdens teilnähme? Kameradschaftlich löscht der Fahrende seinen Durst aus der kleinen Glaskeule, mit der er sich Limonade in den Mund gießt. Schon im Weiterfahren schlingt er die heißen “Frankfurters” in einem aufgeschnittenen Brötchen hinunter. 

Weitere Informationen:

Alfons Paquet. Schriftsteller, Journalist und Dichter, Reisender und Europäer, rheinischer Visionär

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