Eine Rezension von Honoré de Balzacs „Verlorene Illusionen“

Von Dr. Matthias Wühle 

Dr. Matthias Wühle

Neben Maupassants „Bel-Ami“ gelten Balzacs „Verlorene Illusionen“ als die beiden zentralen literarischen Denkmäler des Journalismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts, also jener Zeit der Restauration zwischen Waterloo und Julirevolution, die von den letzten Bourbonenkönigen Ludwig XVIII. und Karl X. geprägt war. Gleichzeitig erlebt Frankreich wie auch der Rest West- und Mitteleuropas in jener Zeit die Anfänge der industriellen Revolution, die einerseits das Ende des Hochadels einleitet und andererseits dem Bürgertum ungeahnte – vollkommen neue – Möglichkeiten verschafft. Kern dieser industriellen Entwicklung ist das Bestreben, Güter schneller und billiger – und damit mehr herstellen zu können, der Beginn der Massenproduktion ist damit eingeleitet. Und damit auch die der Zeitungen als wichtigstes Massenprodukt des Bürgertums schlechthin. Die Rahmenhandlung des Romans bildet nicht zuletzt der Erfinder David Sechard, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Herstellungskosten für Papier durch Verwendung alternativer Materialien erheblich zu senken. Zum damaligen Zeitpunkt herrschte noch die Verarbeitung von Lumpen vor, was die behördlichen „blauen Briefe“ berüchtigt gemacht hat.

Der andere Protagonist ist dessen Freund Lucien Chardon, der sich ungerechtfertigterweise mit dem Adelstitel seiner Mutter de Rubempré schmückt – übrigens genau, wie es (de) Balzac selbst gemacht hat. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts stellen Adelsprädikate noch wichtige Grundpfeiler des gesellschaftlichen Aufstiegs dar. Ein weiterer wichtiger Grundpfeiler ist das Geld: Der mittellose Lucien stellt in Paris sehr schnell fest, dass er nicht als schöngeistiger Schriftsteller (über-) leben kann, sondern seine Schreibkünste Anderen andienen muss. Was läge also näher als der Journalismus? Genau davor warnen ihn jedoch seine Schriftstellerfreunde, bei denen der Journalismus keinen guten Leumund zu haben scheint. Warum das so ist, erfährt Lucien – und mit ihm der Leser – bald darauf ziemlich schmerzlich.  

Lucien verlegt sich schnell auf Theaterrezensionen, also Kultur und Feuilleton, aus heutiger Sicht ein eher harmloser Teil der Zeitung. Schnell ist jedoch klar, wie vielfältig und unergründlich die Einnahmenquellen der Zeitungen sind: Sie verdienen nicht nur an Abonnements, sondern auch an den Theatern, Autoren und Schauspielern. Sie üben mediale Macht aus und können Romane und Theaterstücke nach Belieben in den Olymp oder in den Abgrund schreiben. Eine ähnliche Rolle spielen übrigens auch die Claqueure: Gedungene Krawallmacher, die im Theater je nach Bezahlung mit Applaus oder Buh-Rufen Tatsachen (er-) schaffen. Sie sind die Influencer und Social-Media-Bubbles des 19. Jahrhunderts. Die Theaterleute müssen sich neben diesen Claqueuren auch die Redakteure „warm halten“, was so lange funktioniert, bis die Zeitungen von der Konkurrenz überboten werden. Fronten können also ständig wechseln, ein System an unbegrenzten News und Fake-News, in dem Intrigen aller Art fröhliche Urständ feiern können. Hier beginnt die Luciens Laufbahn also schon eine erste Schieflage zu entwickeln. 

Diese wird weiter verstärkt, da die Zeitungen damals schon – wie heute auch – politischen Lagern zuzuordnen sind, in der Regel nach Laune und Orientierung des Herausgebers (sowie seiner zahlenden Abonnenten). Die Zeitungslandschaft ist gespalten zwischen Liberalen und Royalisten. Lucien, dem eine Intrige vorgaukelt, er könne sich als Royalist vom König sein Adelsprädikat bestätigen lassen, wechselt nun vom liberalen ins royalistische Lager – und wird in beiden Lagern zur unglaubwürdigen Hassfigur. Luciens Einnahmen brechen ein, er bekommt keine Aufträge mehr und ist gesellschaftlich und finanziell ruiniert. 

Was kann man aus der Lektüre der „Verlorenen Illusionen“ für die Gegenwart mitnehmen? Medien sind mächtig, aber nur solange sie nicht korrumpierbar sind. Wer sich allzu leicht kaufen lässt und dem schnellen Geld hinterherrennt, verliert im selben Maße die Macht, die er ausübt. Nicht zuletzt gelten hochseriöse Zeitungen wie die FAZ oder „Die Zeit“ als Bollwerk gegenüber jeglichen kommerziellen Platzierungsversuchen – und werden gerade deswegen gern gelesen und oft zitiert. Wichtig ist dabei vor allem die Trennung zwischen Anzeigengeschäft und Redaktion.

Auch das Ideal einer „neutralen Zeitung“ erweist sich bereits in dieser journalistischen Gründerzeit als Illusion, eben als „Verlorene Illusion“. Zeitungen agieren nicht zweckfrei und hintergrundlos. Sie waren damals schon – und sind es noch heute – kommerzielle Unternehmungen, die eine bestimmte Klientel bedienen und deren Sprache sprechen. Aus diesem Umfeld werden sie schließlich auch finanziert. Solange diese Beziehung stabil ist, ist gegen eine kompromisslose Medienmacht nichts einzuwenden.                             

Von McLuhan