Die neuen Medienkonzerne, oder: Das Medium ist die Botschaft

Von Ralf Keuper 

Alle Jahre wieder veröffentlicht mediadb.eu die Liste der größten Medienkonzerne der Welt[1]Die großen Schnellen werden schneller größer. Auf diesem Blog wurde in den Beiträgen Die neuen Medienkonzerne: Nvidia, Medienindustrie in Auflösung und Rangliste der 100 größten Medienkonzerne – Der Vergleichsmaßstab hinkt darauf hingewiesen, dass die Maßstäbe, die dabei angelegt werden, veraltet sind.

Zwar wird darin die wachsende Bedeutung der Technologie- und Datenkonzerne für die Medienbranche anerkannt; übergangen wird dabei jedoch die Tatsache, die Marshall McLuhan in die Worte fasste: “Das Medium ist die Botschaft”.

Die alten Medienkonzerne wie Bertelsmann sehen sich zunehmend an den Rand gedrängt. Da hilft auch der Staus als weltgrößter Buchverlag wenig. Selbst die Möglichkeiten der Weiter- und Wiederverwertung eigener Inhalte im eigenen Medienverbund, wie im Fall der Biografie von Barak Obama, ändern an den neuen Machtverhältnissen kaum etwas. Das eigene digitale Ökosystem ist schlicht zu klein. Gegen Google, facebook, Apple und Amazon wirkt der Medienverbund Bertelsmann immer zwergenhafter. Von Springer, Burda & Co. ganz zu schweigen.

Content, wie er von Bertelsmann, Springer & Co. produziert und verteilt wird, ist längst nicht mehr King. Die großen digitalen Plattformen und sozialen Netzwerke wurden zu lange als neutrale Datendrehscheiben betrachtet, welche die Medieninhalte nur durchleiten. Ein Trugschluss. Mit ihren Algorithmen und KI-Systemen üben die großen digitalen Plattformen einen großen Einfluss auf das Mediennutzungsverhalten der Menschen aus[2]Medienmärkte und KI. Soshana Zuboff geht noch einen Schritt weiter, indem sie den Datenkonzernen vorwirft, das Verhalten der Nutzer aus purem Geschäftsinteresse zu modifizieren bzw. zu manipulieren. Die App Stores von Apple und Google geben die Geschäftsbedingungen vor, an die sich auch die alten Medienkonzerne zu halten haben. Was im App Store und dem Smartphone nicht auftaucht, existiert für einen großen Nutzerkreis nicht mehr. Das Smartphone ist mittlerweile für viele die Botschaft[3]Die Macht der Medien: So steht es um unser digitales Leben.

Medien sind also keine neutralen Plattformen, sie verformen allein schon durch ihre Eigenlogik die Inhalte: Denn wie wird hier Aufmerksamkeit erzeugt? Und in welcher Konkurrenzsituation? Mit welchem Ziel? .. Wie wirkt sich der Charakter des herrschenden Massenmediums auf die Wirklichkeitswahrnehmung und damit auf die Wirklichkeit selbst aus?

Wichtiger noch: Wie wirkt sich das Zusammenspiel der klassischen Massenmedien mit den  Übertragungs-, Bezahl-, Identifikations- und Speichermedien, wie Cloud, AI-Chips, Digitale Währungen, Apple Pay, Apple Card, Libra/Diem, Digitale Identitäten, AR/VR und Quantenkommunikation, auf die Wirklichkeitswahrnehmung aus? In all den genannten Bereichen sind Google, Amazon, Apple, Microsoft, facebook & Co. in unterschiedlicher Ausprägung, aber identischer Stoßrichtung aktiv. Nvidia hat mit der Übernahme von ARM den Grundstein gelegt, um in den nächsten Jahren im Medien- und Gaming-Markt noch mehr als bisher mitzumischen[4]The Nvidia/Arm deal could create the dominant ecosystem for the next computer era.

Was bleibt dann überhaupt noch an Geschäft für die alten Medienkonzerne übrig, die im Bereich Technologie fast vollständig von ihren (neuen) Mitbewerbern und deren digitalen Plattformen und Ökosystemen abhängig sind? Welche Botschaften wollen und können sie noch überbringen?

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