Medienmärkte und KI

Von Ralf Keuper

Auf den Medienmärkten hat in den letzten zehn Jahren eine (Macht-)Verschiebung stattgefunden, die zu weiten Teilen auf Netzwerkeffekte und den Einsatz von KI-Methoden zurückgeführt werden kann. Profiteure dieser Entwicklung sind die großen US-amerikanischen Technologie- und Internetkonzerne, wie Google, facebook und Apple. Für die nächsten Jahre ist davon auszugehen, dass die großen Plattformen ihre ohnehin schon dominante Marktstellung weiter ausbauen werden. Ihr Vorsprung bei der Anwendung von KI-Verfahren, die mit den auf ihren Plattformen reichlich vorhandenen Daten gefüttert und trainiert werden, um daraus personalisierte Werbung zu generieren, ist für europäische Medienkonzerne nahezu uneinholbar. So der Tenor des Berichts Künstliche Intelligenz – Gesellschaftliche Verantwortung und wirtschaftliche, soziale und ökologische Potenziale, der sich u.a. mit den Auswirkungen auf den Medienmarkt beschäftigt.

Die alten Medienkonzerne haben erst relativ spät erkannt, welche Bedrohung für ihr Geschäftsmodell von den sog. Informations- und Medienintermediären ausgeht, die die Vorteile der Medienkonvergenz für sich zu nutzen bzw. maximieren wissen.

Man kann zunächst festhalten, dass aufgrund der Multikonvergenz sowohl im Endgerätemarkt als auch in der Mehrfachverwertung von Inhalten die Grenzen zunehmend erodieren, da vor allem große Plattformanbieter (Audio- und audiovisuelle Streaming-Anbieter) auch zunehmend in das Geschäft eigener Inhaltsproduktionen (insbesondere im Unterhaltungsmediensektor) einsteigen. … Die Geschäftsmodelle der Plattformanbieter mit durchgängigen Flatrates und, wie weiter unten beschrieben, zunehmendem Einsatz von KI bedeuten, dass die alten Geschäftsmodelle zunehmend rückläufig sind. Gewinner sind in den Medienmärkten diejenigen, die über digitale Plattformtechnologien Konsumentinnen und Konsumenten – auch mithilfe von KI – deutlich attraktivere skalierende Modelle anbieten können. Im Jahr 2018 haben die Nutzerzahlen von Streaming-Anbietern erstmals alle alternativen Distributionsformen mit knapp 12 Millionen Nutzerkonten (bei ggf. Mehrfachnutzung) überholt, und der Digitalumsatz machte 2018 schon knapp 60 Prozent des Gesamtumsatzes aus.

Der gezielte Einsatz von KI-Verfahren durch die Plattormbetreiber führt zu einer neuen Produktions- und Marktlogik.

Kombiniert mit der Tatsache, dass immer mehr Menschen ihre Hauptinformationen online im Freemium-Modell beziehen, wird schnell klar, dass die Auswirkungen der Digitalisierungen im Generellen und der Einsatz von KI-Systemen alternativer journalistischer Anbieter im Speziellen zu einer radikalen Veränderung der Märkte führen und weiter führen werden. Hier zeigt sich darüber hinaus, betrachtet man allein die Reichweite journalistischer Medien im Juni 2020, dass es nicht mehr nur die üblichen Tageszeitungsanbieter, sondern zunehmend andere Anbieter sind, die den Markt bestimmen. Entsprechend verschieben sich auch die Werbeeinnahmen. In nur zehn Jahren sind diese von einem Niveau von ca. 3,7 Milliarden Euro pro Jahr auf knapp 2,4 Milliarden Euro pro Jahr zurückgegangen, und auch die Umsätze sowohl der verkauften Auflagen als auch der Online-Angebote kompensieren diese Verluste nicht.

Noch im Jahr 2008 dominierten die alten Medienkonzerne wie Disney, Time Warner und Bertelsmann den internationalen Medienmarkt. Das hat sich in nur wenigen Jahren fundamental geändert:

Ein Blick auf die aktuellen globalen Top-50-Medienkonzerne zeigt deutlich, wie stark dabei heute schon die Medienintermediäre das Geschäft bestimmen. Weiterhin ist zu beobachten, wie groß inzwischen die Umsatzdimensionen der globalen Medienkonzerne im Zehnjahresvergleich sind. Lagen die Umsätze der damaligen „Spitzenreiter“ im Jahr 2008 mit Time Warner (ca. 34 Milliarden Euro Umsatz) und Disney (ca. 25 Milliarden Euro Umsatz) noch in Größendimensionen, die auch der national größte Medienkonzern, Bertelsmann (ca. 19 Milliarden Euro), erreichen konnte, sind die heutigen globalen Markführer mit AT&T (ca. 145 Milliarden Euro) und Alphabet (bzw. Google ca. 116 Milliarden Euro) signifikant größer, wohingegen Bertelsmann immer noch bei ca. 18 Milliarden Euro Jahresumsatz verharrt.

Anders als die US-amerikanischen und chinesischen Medienkonzerne haben es die europäischen nicht vermocht, die Chancen die Digitalisierung zu nutzen:

Offenkundig haben die US- und asiatischen, primär chinesischen Konzerne überproportional deutlich von der Digitalisierung bzw. der Transformation der Medienmärkte profitiert, wohingegen die europäischen Medienkonzerne ihre Umsätze kaum signifikant vergrößern konnten. Diese Entwicklungen sind nicht direkt auf den Einsatz von KI-Technologien übertragbar. Es zeigt sich aber, dass europäische oder auch nationale Konzerne die Digitalisierung im internationalen Geschäft nicht nutzen konnten

Die Autoren beschreiben am Beispiel der Streaming-Plattformen, wie stark KI-Verfahren die Geschäftsmodelle beeinflussen. So kann schnell festgestellt werden, welche Serien bei den Zuschauern auf großen Zuspruch stoßen und welche nicht. Daraufhin kann die Produktion eigener Filme wie auch der Bezug von Filmen Dritter entsprechend angepasst werden. Von hoher Relevanz bei den Auswahlkriterien sind die Metadaten, die Antwort darauf geben, welche Filme von welchen Altersgruppen an welchem Ort zu welcher Uhrzeit wie lange angeschaut wurden bzw. nach welchen Inhalten die Nutzer zuvor gesucht haben. Dadurch lassen sich Klassifikationssysteme und Bibliotheken anlegen, welche ein möglichst aussagekräftiges Abbild des Mediennutzungsverhaltens liefern. Ein wichtiger Investitionsposten sind Technologien und Verfahren zur Bild- und Datenkompression, wodurch auch große Mengen an Filmen ohne Unterbrechung bereitgestellt werden können.

Wenngleich Konzerne wie Google und facebook – technologisch betrachtet – verschiedene Strategien verfolgen, Google setzt vor allem die Macht seiner Suchmaschine, facebook dagegen auf die direkte Kommunikation der Nutzer auf ihren Plattformen untereinander – liegt ihr Fokus fast ausschließlich auf dem online-Werbermarkt. Ihm gelten all ihre Bestrebungen.

Aufgrund des höheren Wertes der Online-Werbung durch die zielgenaue Positionierung im Vergleich zur Streuwirkung der traditionellen Werbeformen zeigen sich signifikante Auswirkungen auf traditionelle Medienangebote, die bereits weiter oben thematisiert wurden.1837 Letzten Endes schaffen somit auch die Informationsintermediäre, insbesondere die Social-Media-Anbieter, Werberaum, der durch KI-Systeme eine zielgenaue Ansprache von Kundinnen und Kunden zulässt. Insgesamt schätzen die Expertinnen und Experten von Statista, dass der digitale Werbemarkt im Jahr 2020 ca. 365 Milliarden US-Dollar ausmacht, Tendenz steigend. … Insbesondere auf Medienplattformen sind die durch KI möglichen Personalisierungen des Angebotes durch Empfehlungssysteme und deren Einfluss auf mögliche Produktionsentscheidungen dabei von hoher Relevanz.

Ziel ist es also, Content zu liefern, der hohe Klickzahlen generiert und die Leserinnen und Leser dazu veranlasst, auf Werbung zu reagieren. Die journalistische Qualität ist dabei eher nebensächlich.

Die Autoren formulieren einige Handlungsempfehlungen. Ihrer Ansicht nach für die Beschränkung der Debatte auf Schlagworte wie Plattformökonomie am Thema bzw. am eigentlichen Problem vorbei:

Die ausschließliche Betrachtung von Algorithmen der Steuerung von Social-Media-Aktivitäten würde ebenso wenig ausreichen wie der ausschließliche Blick auf Negativphänomene des Missbrauchs von KI-Technologien in sozialen Medien. Dies ist für alle Stufen der Wertschöpfung von Medien relevant und verändert die Märkte von Grund auf. Die Politik ist gefordert, nun geeignete Maßnahmen zur Modernisierung zu entwickeln, sodass auch in Deutschland der Einsatz von KI-Systemen zur Prosperität der Medienmärkte beiträgt und sie nicht weiter schrumpfen.

Weitere Empfehlungen.

Will man die Medienvielfalt erhalten, bleibt aus dieser Perspektive als sinnvolles Instrument – neben der Anwendung des Kartellrechts – die Einführung einer Digitalsteuer auf die KI-basierten Dienste der Plattform- und Social-Media-Anbieter, die dadurch überproportional an den Werbemärkten teilhaben.

Weiterhin fordern die Autoren, dass KI-System im Medienbereich zu höherwertigen Medieninhalten beitragen sollten. Allerdings räumen Sie ein, dass diesem Wunsch die aktuellen Tatsachen entgegenstehen, die sich in der Gatekeeper-Funktion der Plattformen ausdrücken. Diese nämlich können mit ihren KI-Systemen, Browsern, Endgeräten und Betriebssystemen eine Vorentscheidung darüber treffen, was als Inhalt auf ihren Plattformen erscheint.

Es bleibt ein Dilemma:

Neue technische Vorgänge haben im Mediensektor große gesellschaftliche Relevanz und stellen für Politik und (Selbst-)Regulierung eine qualitativ neue Herausforderung dar, Werte wie Meinungsfreiheit und Vielfaltsicherung oder Normen und Standards wie Jugend- und Verbraucherschutz, Transparenz und das Diskriminierungsverbot effektiv durchzusetzen. Dabei besteht die Gefahr, sowohl mit einer zu strikten Medienregulierung innovationshemmend zu wirken, als auch die Instrumente der Medienpolitik nicht flexibel genug an die rasanten technologischen Entwicklungen anpassen zu können.

Einordnung

Die Autoren zeigen auf, wie sehr KI-Systeme schon heute das Mediennutzungsverhalten der Menschen beeinflussen und Marktlogik umkrempeln. Sichtbar wird diese Machtverschiebung allein schon dann, wenn man die Liste der größten Medienkonzerne von 2008 mit der von 2018 vergleicht. Ehemals große und mächtige Medienkonzerne wie Bertelsmann, in den 1990er Jahren zeitweise der größte Medienkonzern der Welt, sind nur noch Randakteure. Während Apple, facebook und Google einen Umsatz- und Gewinnsprung nach dem andern verkünden, feiert es man Bertelsmann mittlerweile als Erfolg, nur wenige Prozent Umsatz coronabedingt eingebüßt zu haben.

Obwohl es den Autoren gelingt, den aktuellen Zustand auf den internationalen Medienmärkten zutreffend zu beschreiben, bleiben einige blinde Flecken offensichtlich. Da wäre vor allem der Überwachungskapitalismus mit seiner ganz eigenen Logik. Ohne dass es hierzulande bisher für allzu große Aufmerksamkeit gesorgt hätte, konnten Google, facebook und andere in kürzester Zeit eine neue Art des Kapitalismus begründen, der darauf abzielt, das Verhalten der Marktakteure zu bestimmen, sodass die üblichen Investitionsrisiken und Streuverluste auf nahezu null reduziert werden können. Dabei geht es um weitaus mehr als nur um Medien – davon betroffen sind alle Interaktionen von Menschen, Maschinen und demnächst auch Tieren. Der Medienmarkt ist da nur ein Nebenkriegsschauplatz. Es geht um weitaus mehr (Banking, Mobilität, Gesundheit, Energie, Smart Home, Smart City).

Ebenso blenden die Autoren aus, wie sehr Google, facebook & Co. Innovationen verhindern, indem sie potenzielle Mitbewerber entweder ausschalten oder durch die Zahlung astronomischer Kaufpreise übernehmen. Auch sonst lohnt ein Blick auf die Geschäftspolitik von facebook und Co. wie in Facebook. Weltmacht am Abgrund von  Steven Levy. Weitere Kritik, wenngleich aus einer aus einer anderen Richtung, kommt von George Gilder in Das Leben nach Google.

Statt in die Zukunft wird hierzulande weiterhin konsequent in die Vergangenheit investiert. Aufhalten lässt sich die Entwicklung damit nicht[1]„Überbrückungshilfe“ für gedruckte Zeitungen? Diese Brücke führt ins Nirgendwo. KI, ganz gleich in welcher Ausprägung und mit welchen Absichten, wird an dem eigentlichen Problem, die Frage nach er Zukunft des Journalismus und der Medienindustrie, nichts ändern.

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Internet, Glasfaser und Neue Medien: Wie Deutschland den Anschluss verlor

Von Ralf Keuper

In den letzten 30 Jahren haben Deutschland und Europa mit zusehen müssen, wie große US-amerikanische und zuletzt auch chinesische Technologiekonzerne das Internet unter ihre Kontrolle brachten und eine neue Form der Ökonomie, die Plattformökonomie, begründet haben. Im gleichen Zeitraum haben sich deutsche Hersteller aus der Konsumelektronik zurückgezogen. Die Verbreitung mit Glasfaser ist in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern unterdurchschnittlich. Bei der Versorgung mit 4G bzw. LTE rangiert Deutschland noch hinter Albanien[1]Fast so gut wie Albanien. Für eine der führenden Wirtschaftsnationen der Welt ein bescheidenes Ergebnis.

Wie konnte es so weit kommen? Waren sich die handelnden Personen in Politik und Wirtschaft der Bedeutung der Informations- und Kommunikationstechnologie nicht bewusst?

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass man sich in der Politik zu Beginn der 1980er Jahre sehr wohl darüber im Klaren war, wie wichtig neue Kommunikationstechnologien und neue Medien für die Wirtschaft und Gesellschaft sein werden. Noch unter der Regierung Schmidt/Genscher wurden wichtige Weichenstellungen vorgenommen, wie mit dem Systemversuch zur Erprobung von Breitbandkommunikation – BIGFON.

Dieser Schwung muss zumindest bis zum Jahr 1985 angehalten haben. Der Bericht der Bundesregierung über die Lage der Medien in der Bundesrepublik Deutschland (1985) — Medienbericht ’85 kam zu Einschätzungen und Prognosen, die man heute als weitsichtig bezeichnen kann.

Beispiele:

Die deutsche Volkswirtschaft braucht für ihre weitere Entwicklung und ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit eine moderne leistungsfähige Kommunikationsinfrastruktur. Die Entwicklung im Bereich der Telekommunikation hat sich beschleunigt und befindet sich derzeit im Umbruch: Von der Analogtechnik zur Digitaltechnik, von den Einzelnetzen zum integrierten Netz, vom Kupferkabel- zum Glasfasernetz. …

Der steigende Einsatz der Informationstechnik in der Fertigung und bei Dienstleistungen sowie die steigende Zahl von informationstechnischen Produkten führen zu Produktivitätszunahmen und Nachfrageverschiebungen. Volkswirtschaften, die diesen Strukturwandel aktiv aufgreifen, setzen starke Wachstumsimpulse frei. Wer durch innovative Nutzung der Informationstechnik an Wachstumsmärkten teilnehmen kann, hat im internationalen Wettbewerb gute Chancen, neue Arbeitsplätze zu schaffen, wegfallende Arbeitsplätze durch neue zu ersetzen und bestehende Arbeitsplätze durch Modernisierung zukunftssicherer zu machen.

Bereits damals gingen die Autoren davon aus, dass es zu einer Medienkonvergenz und zu der Entstehung eines Breitbanduniversalnetzes kommen würde.

Mit der Einbeziehung der bisher noch getrennt von der Individualkommunikation verlaufenden Weiterentwicklung der Breitbandverteilerdienste kann technisch die letzte Integrationsstufe zu einem künftigen Breitbanduniversalnetz vollzogen werden. Dieser Schritt wird zusätzlich zur Forderung nach Preiswürdigkeit der Glasfasertechnologie maßgebend durch die Angebotsbreite und -vielfalt elektronischer Massenmedien und individueller Informationsabrufdienste bestimmt. …

Die neuen Textkommunikationsformen als elektronische Abruf(Zugriffs-) und Kommunikationsdienste erlauben es, elektronisch gespeicherte Informationen weltweit für jeden Interessenten zu dem von ihm gewählten Zeitpunkt nach individueller Auswahl sekundenschnell zugänglich zu machen. Diese zukunftsträchtige Entwicklung hat mit Bildschirmtext und Videotext als Prototypen dieser neuartigen Dienste ihren Anfang genommen. Weitere Textkommunikationsdienste können folgen, sobald Breitband-Kabelnetze, Satelliten sowie verbesserte Speicher- und Übertragungstechniken die Voraussetzungen geschaffen haben.

Über die Schlüsselrolle der Glasfasernetze:

Erst der wirtschaftliche Glasfasereinsatz von Teilnehmer zu Teilnehmer wird die Voraussetzung für eine geeignete Infrastruktur breitbandiger Individualkommunikationsdienste (z. B. Bildfernsprechen) schaffen. Die Deutsche Bundespost ist im Rahmen ihrer dienstleistungsorientierten Aufgabenstellung bereit, das wirtschaftliche Risiko des Netzaufbaus mitzutragen. Sie unterstützt hiermit auch die Bestrebungen der Fernmelde- und Geräteindustrie, technologisch am Weltmarkt konkurrenzfähige Telekommunikationssysteme und Komponenten zu entwickeln.

Technische Innovationen sollten durch offene Standards und Schnittstellen gefördert werden:

Die Bundesregierung hat in ihrem „Regierungsbericht Informationstechnik”in fünf Bereichen ein auf fünf Jahre angelegtes ressortübergreifendes Maßnahmenbündel zur Förderung von Innovationen definiert. Eine zentrale Aufgabe in diesem Maßnahmenbündel ist die Belebung des Wettbewerbs im Inland durch freien Handel, durch Standardisierung und Offenlegung von Systemschnittstellen, durch innovationsfördernde Beschaffungsmaßnahmen des Staates sowie durch Bereitstellung von Risikokapital und Förderung von Unternehmensgründungen.

Noch einmal zur Medienkonvergenz bzw. zu den Medien der Kooperation. Man sah die Entstehung großer, weltweit agierender Technologiekonzerne voraus:

Die Internationalisierung des Angebots auf dem inländischen Tonträgermarkt wird auch künftig eher wachsen — vornehmlich wohl zugunsten weltweit operierender Großunternehmen. Der sich andeutende Trend zu multifunktionalen Lösungen für kommunikationstechnische Aufgaben spricht auf weite Sicht dafür, daß die Grenzen, die einer engeren Verflechtung mit audiovisuellen Medien bei der Nutzung von Geräten und Programmen noch entgegenstehen, spürbar an Durchlässigkeit gewinnen dürften.

Warum die Strategie in den darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten nicht konsequent weiterverfolgt wurde, ist unklar. Ein Grund dürfte die Wiedervereinigung gewesen sein, welche einen Großteil der Ressourcen gebunden hat. Die Prioritäten der Bundesregierung waren andere. Es bleibt abzuwarten, ob Politik und Wirtschaft aus ihren Fehlern gelernt haben Sollten sich die Versäumnisse im Firmenkundengeschäft (B2B) wiederholen, sieht es eher schlecht für die europäische Wirtschaft aus. GAIA-X kann nur der Anfang sein.

Zuerst erschienen auf Econlittera

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Der Stilwandel der Medien #22

Von Ralf Keuper

Nachfolgend eine Aufstellung von Beiträgen der letzten Zeit, die sich mit dem Stilwandel der Medien beschäftigen:

Vor 50 Jahren: Xerox eröffnet das Forschungszentrum PARC

Essay von Habermas: Es bleibt die Literatur

Interview zu Technikängsten. Ein kritischer Blick kann zu mehr Sorgfalt führen

Wa(h)re Fakten. Wissensproduktion globaler Nachrichtenagenturen 1835-1939

BVMI-Chef Drücke zu Musikmarkt: „Digitales mehr denn je Lebensversicherung“

Warum die Handschrift auch im Zeitalter der Digitalisierung unverzichtbar ist

Wie die Welt in den Computer kam. Zur Entstehung digitaler Wirklichkeit

Der Bilder-Atlas von Aby Warburg

Medienpioniere: Was Trump und Luther verbindet

Würfel, Mäuse und Computer 

Mit der DVD verschwinden Filmschätze

DFG bewilligt neues Projekt zur Analyse visueller Framingprozesse in multimodalen Medienumgebungen

Karl Klammer: Der erste proaktive Office-Assistent

Working with Paper. Gendered Practices in the History of Knowledge

Face-to-Interface. Eine Kultur- und Technikgeschichte der Videotelefonie

Take the Edge Off With Video Games

Das Material mit Zukunft: Papier ist mehr als die Summe seiner Fasern

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The Social Dilemma | Official Trailer | Netflix

Weitere Informationen:

The Social Dilemma: Wie Google & Co. uns verkaufen

Sind wir dieser Technologie wirklich gewachsen?

“Das Dilemma mit den sozialen Medien”: Kritik aus der Echokammer

Das Dilemma mit der starken These

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Deutscher Wirtschaftsjournalismus – mehr schlecht, als recht

Von Ralf Keuper

Der deutsche Wirtschaftsjournalismus, das zeigt der Fall Wirecard einmal mehr, ist ein zahmer Tiger – oder eher noch ein zahmes Kätzchen. Erst, wenn der “Skandal” nicht mehr zu übersehen ist, u.a. deshalb, da ausländische Medien die nötige investigative Arbeit geleistet haben, setzen sich die Journalisten in Bewegung; dann allerdings mit einem beachtlichen Eifer; die Beiträge überschlagen sich und man fragt sich: Warum nicht eher?

Gute Frage.

Sind strukturelle Ursachen dafür verantwortlich ? In Kritischer Wirtschaftsjournalismus Analysen und Argumente, Tipps und Tricks werden jedenfalls einige aufgeführt – wie die zehn Thesen zum kritischen Wirtschaftsjournalismus.

Daraus:

Wirtschaftsjournalismus wird in den Verlagen und Sendern nicht als Oase des kritischen Journalismus verstanden. Wirtschaftsjournalismus ist in der Tendenz unkritischer und affirmativer als die Berichterstattung in anderen Ressorts. In den Politik- und Kulturressorts gibt es eine höhere Pluralität von Meinungen, Analysen und Haltungen der Autoren. …

Der Wirtschaftsjournalismus, der bis in die späten 1990er Jahre als trocken und leserfern kritisiert wurde, ist so kaum noch existent. Er wurde abgelöst von einer Wirtschaftsberichterstattung, die als Verbraucher-, Service- oder Nutzwertjournalismus charakterisiert werden kann. Dieser neue Typ der Wirtschaftsberichterstattung ist der analytischen, hintergründigen Wirtschaftsberichterstattung quantitativ weit überlegen. Der Nutzwert- und Servicejournalismus wurde so zum erwartbaren Mainstream – auch für Unternehmen.

Mit den Jahren ging die kritische Distanz zu den Unternehmen und Managern verloren. Folgen davon sind ein Personenkult und Geschichten im Homestory-Gala-Bunte-Format. Eine weitere Ursache könnte das Fehlen großer Verlegerpersönlichkeiten wie Gerd Bucerius sein, die genügend Rückgrat hatten, dem Druck großer Anzeigenkunden zu widerstehen:

Von Bucerius, Gründer der Wochenzeitung Die Zeit und ehemaliger Eigentümer des Stern (sowie Hauptaktionär von Bertelsmann, RK), wird erzählt, dass ihm einmal von einem großen deutschen Unternehmen die Stornierung von Anzeigen mitgeteilt wurde, weil dieses in der Berichterstattung des Stern schlecht weggekommen sei. Daraufhin soll Bucerius einen wütenden Brief zurück geschrieben und dem Unternehmen mitgeteilt haben, dass es ab sofort im Stern Werbeverbot habe und deshalb nie wieder versuchen solle, Anzeigenplatz zu buchen.

Ein Typus, der heute fehlt:

Verleger, die mit ihrem Verlag mehr wollen als nur Geld verdienen, gibt es nicht mehr. Was es gibt, sind Verleger, die mit dem Verkauf von Werbung über Medieninhalte Geld verdienen wollen, wobei ihnen die Medieninhalte egal sind, so lange die Rendite stimmt.

Das erklärt aber noch nicht, warum Verlage wie die FT oder der Guardian über das nötige Stehvermögen (zumindest hin und wieder) verfügen.

Offensichtlich wurden die Defizite des Wirtschaftsjournalismus während der Finanzkrise 2007/2008, wie sie in der Studie Wirtschaftsjournalismus in der Krise. Zum massenmedialen Umgang mit Finanzmarktpolitik dargestellt wurden[1]Vgl. dazu: Journalistische Qualität in der Wirtschaftskrise.

Daraus:

Der tagesaktuelle deutsche Wirtschaftsjournalismus ist ein gläubiger Diener des Mainstreams, kein kritischer Träger der Aufklärung. Im Bereich der Wirtschaft, den die Gesellschaft selbst für ihren wichtigsten hält, leistet sie sich einen tagesaktuellen Journalismus, der wenig Information bietet und viel Desorientierung verursacht. Der tagesaktuelle deutsche Wirtschaftsjournalismus hat als Beobachter, Berichterstatter und Kommentator des Finanzmarktes und der Finanzmarktpolitik bis zum offenen Ausbruch der globalen Finanzmarktkrise schlecht gearbeitet; Pfusch am Bau nennt man das im Handwerk. Die besten Tageszeitungen dieser Republik sind erst mit dem Krach der Krise publizistisch und journalistisch “erwacht”. DPA und ARD-Aktuell machten auch dann in ihrer handwerklich schlechten Alltagsroutine einfach weiter wie zuvor.

Der Befund trifft auch auf den aktuellen Fall Wirecard zu. Erst als die FT – trotz massiver Drohungen und eines großen wirtschaftlichen Risikos – nicht locker ließ und die Verdachtsmomente zunahmen, erwachten die deutschen Medien aus ihrem Dämmerzustand.

In den Wirtschaftsredaktionen ist die Anfälligkeit für vermeintliche Erfolgsgeschichten, für einsame Helden, die von einer Vision geleitet den Bruch mit überkommenen Traditionen vollziehen, ausgesprochen hoch. Beispielhaft dafür war die “Transformation” des Hoechst-Konzerns in Aventis. Das ehemalige Vorstandsmitglied Karl-Gerhard Seifert berichtet in seinem Buch Goodbye Hoechst von einem Treffen im privaten Kreis mit dem damaligen Herausgeber der FAZ, Jürgen Jeske:

Wir sprachen sehr lange über verschiedene Episoden und unvermeidlich über Dormann und Hilger sowie deren Verhältnis zum Journalismus. Ich warf Jürgen Jeske vor, dass auch die FAZ bei Weitem keinen genügend kritischen Abstand zu den Entwicklungen bei Hoechst gehabt, sondern im Gegenteil die Vision und Strategie des Vorstandsvorsitzenden tatkräftig unterstützt hätte. Noch im September 2002 nannte die FAZ Dormanns Werk “einen der größten und erfolgreichsten Transformationsprozesse in der deutschen Unternemensgeschichte”.

Ein anderes Beispiel ist Thomas Middelhoff. Dieser wollte Bertelsmann ebenfalls in ein neues Zeitalter führen. Die Mehrzahl der Wirtschaftsjournalisten unterstützten die Vision Middelhoffs, der plante den konservativen Medienkonzern aus der ostwestfälischen Provinz in einen Global Player des Internetzeitalters zu transformieren. Ein Börsengang mit späterer Übernahme war nicht mehr ausgeschlossen. Reinhard Mohn gelang es noch gerade rechtzeitig, die Notbremse zu ziehen. Dies konnte er deshalb, da ihm das Unternehmen gehörte. Bei Hoechst war niemand, der sein Veto wie Mohn hätte einlegen können. Kritischer waren die Wirtschaftsjournalisten dagegen in den 1990er Jahren, als Edzard Reuter seine Vision des “Integrierten Technologiekonzerns” umsetzen wollte und damit krachend scheiterte.

Bei Wirecard und z.T. bei dem jetzigen “wertvollsten Fintech” Deutschlands, N26, verfielen die Wirtschaftsredaktionen einem ähnlichen Deutungsmuster wie zuvor bei Dormann/Hoechst. Alles, was irgendwie mit Digitalisierung zu tun hat und einigermaßen frisch und anders daher kommt, genießt einen in dieser Ausprägung kaum zu rechtfertigenden Vertrauensvorsprung. Ex-Vorstandschef Markus Braun, zeitweiliger Milliardär, wurde als jemand portraitiert, der ständig an neuen Technologien arbeitet. Ein Mann mit Visionen, “Ein stiller Eroberer“, seiner Zeit z.T. weit voraus[2]Wirecard-Skandal: Hat der deutsche Wirtschaftsjournalismus versagt?. Insbesondere die Medien mit Schwerpunkt Gründerszene/Startups glänzen für gewöhnlich mit undistanzierter Hofberichterstattung, wofür Wirecard nur ein Beispiel ist. Aber auch die FAZ hat fleißig an der Erzählung des Hochtechnologie-Unternehmens aus Deutschland mitgewirkt. Den journalistischen Tiefpunkt markiert der Beitrag Die cleveren Jungs von Wirecard.

Nicht minder bemerkenswert ist das Desinteresse der Medienkritik in Deutschland am Fall Wirecard und der Rolle der Wirtschaftsjournalisten. Ganz anders dagegen, wenn Juilan Reichelt mal wieder seine Weltsicht in einem oder mehreren Tweets verbreitet. Dann ist kein Halten mehr.

Insofern ist man gut beraten, sich bei seiner Meinungsbildung nicht nur auf die deutschen Medien zu verlassen, sondern häufiger einen Blick in die englischsprachigen zu werfen. Daran wird sich sobald auch nichts ändern.

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Der Fall Wirecard und das lange Schweigen der deutschen Medien

Von Ralf Keuper

Der Fall Wirecard wirft nicht nur ein schlechtes Licht auf die hiesige Bankenaufsicht, sondern stellt auch den Medien hierzulande ein wenig schmeichelhaftes Zeugnis aus.

Ein Urteil:

German media, which missed the warning signs of the 2008 financial crisis, again did not sufficiently question the Wirecard business model[1]Wirecard: How signs of serious trouble were ignored.

Womöglich spielt der Autor dabei auf die Studie Wirtschaftsjournalismus in der Krise. Zum massenmedialen Umgang mit Finanzmarktpolitik an, die im Jahr 2010 von der Otto Brenner Stiftung veröffentlicht wurde.

Ein Resümee daraus:

Die untersuchten tagesaktuellen Massenmedien haben über Jahre hinweg die Entwicklung der Finanzmärkte und die Finanzmarktpolitik sowie das umfangreiche kompetente und prominente kritische Wissen darüber ignoriert. Obwohl ihnen bewusst war, dass die Krise spätestens mit den EZB-Interventionen im August 2007 gegeben war, berichteten sie zwar darüber, verblieben jedoch weitgehend in ihren Routinen. Sie wurden damit ihrer Rolle als Frühwarnsystem der Gesellschaft nicht gerecht. Erst mit dem “offiziellen”, faktisch von Politik und Wirtschaftseliten ausgerufenen Beginn der Krise im September 2008 setzte auch in den Massenmedien eine der Situation angemessenere Berichterstattung ein[2]Zusammenfassung der Studie.

Zu einer Zeit, als die Kritik an dem Geschäftsmodell und der Bilanzierungspolitik von Wirecard in den englischsprachigen Medien schon längst verbreitet war[3]Wie ein Blogger bereits 2008 den Skandal bei Wirecard aufzeigte, verfassten die Medien in Deutschland schmeichelhafte Portraits im Homestory-Format[4]Beispielhaft dafür sind Ein stiller Eroberer von Nils Wischmeyer und einige Beiträge von Ursula Schwarzer im manager magazin, wie Aus dem Nichts zum Milliardär. Ende 2018 kürte das Handelsblatt Wirecard zum Aufsteiger des Jahres[5]Wirecard-Chef Markus Braun – Ein Hauch von Silicon Valley. Nur wenige Monate später, im Januar 2019, trübte ein Beitrag der Financial Times, in welchem der Autor auf mögliche Scheingeschäfte in Singapur hinwies[6]Wirecard and the missing €1.9bn: my story (German subtitles), die allgemeine Feierlaune. Statt der Kritik nachzugehen, verfiel man in den Redaktionen, wie schon zu Beginn der Finanzkrise, in Routine. Ohne die Hartnäckigkeit der FT und hier namentlich der des Journalisten David McCrum, wäre es wohl kaum zu einer Sonderprüfung durch KPMG gekommen. Die Deutsche Bankenaufsicht BaFin dagegen erstattete gegen David McCrum eine Anzeige wegen des Verdachts auf Marktmanipulation[7]Eine Besonderheit in Deutschland ist es, den Überbringer einer schlechten Nachricht “zu erschießen” und die Reihen fest geschlossen zu halten: Wirecard and Germany Both Shot the … Continue reading. Für die Prüfung der Hinweise eines Whistleblowers brauchte die BaFin mehr als ein Jahr[8]Whistleblower schickte der Bafin schon Anfang 2019 Material zu Wirecard. Ihre Rolle sah die BaFin vor allem darin, den deutschen Finanzmarkt vor den Umtrieben angelsächsischer Spekulanten und Hedge-Fonds zu schützen.

Der ehemalige Handelsblatt-Chefredakteur, Bernd Ziesemer, erkennt in dem Verhalten der BaFin ein vertrautes Muster:

In BaFin’s early days, there was a practice whereby selected information was given to chosen journalists when the institution sought to present itself as heroic fighter against evil financiers or foreigners intriguing against Germany’s financial great and good. The ghost of this practice lingers in BaFin corridors and too many local journalists still take as truth what they hear there[9]Why was Frankfurt so blind for so long about Wirecard?.

Für die Financial Times ist die Wirecard-Pleite ein später, aber großer Triumpf, für die hiesigen Medien dagegen einmal mehr ein Beleg für die doch recht eingeschränkte Sicht und den ausgeprägten Herdentrieb der Zunft[10]Besonders stark war der Herdentrieb bei den verschiedenen Online-Portalen mit den Schwerpunkten Startups und Fintech ausgeprägt, wie bei t3n, Gründerszene, Financeforward und Payment and Banking.

Damit bestätigt sich einmal mehr, dass, wer an einen objektiven Informationsstand interessiert ist und gerne frühzeitig auf Fehlentwicklungen in Deutschland hingewiesen werden will, einen Blick in renommierte englischsprachige Medien werfen sollte.

References

Wirecard: How signs of serious trouble were ignored
Zusammenfassung der Studie
Wie ein Blogger bereits 2008 den Skandal bei Wirecard aufzeigte
Beispielhaft dafür sind Ein stiller Eroberer von Nils Wischmeyer und einige Beiträge von Ursula Schwarzer im manager magazin, wie Aus dem Nichts zum Milliardär
Wirecard-Chef Markus Braun – Ein Hauch von Silicon Valley
Wirecard and the missing €1.9bn: my story (German subtitles)
Eine Besonderheit in Deutschland ist es, den Überbringer einer schlechten Nachricht “zu erschießen” und die Reihen fest geschlossen zu halten: Wirecard and Germany Both Shot the Messenger & Wirecard affair shows up German tendency to close ranks
Whistleblower schickte der Bafin schon Anfang 2019 Material zu Wirecard
Why was Frankfurt so blind for so long about Wirecard?
Besonders stark war der Herdentrieb bei den verschiedenen Online-Portalen mit den Schwerpunkten Startups und Fintech ausgeprägt, wie bei t3n, Gründerszene, Financeforward und Payment and Banking
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Wirecard and the missing €1.9bn: my story | FT

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ZDF Stichprobe – Videosysteme 1980 – VHS BETAMAX oder VIDEO 2000

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Am Anfang war das Web | Im Lauf der Zeit | ARTE

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Das harte Los der Experten im Medienzeitalter

Von Ralf Keuper

Der Rat von Experten wird in Krisensituationen besonders gerne von Politikern und Medien gesucht; aus unterschiedlichen Motiven. Die Politik will ihre Entscheidungen durch die Hinzuziehung von Experten mit wissenschaftlichem Anspruch versehen, wohingegen die Medien mehr an der Sensation interessiert sind. Die Medien bzw. Teile davon schreiben den Experten gerne Fähigkeiten und eine Machtfülle zu, die mit der Realität nur wenig zu tun haben. Damit können sie Reaktionen hervorrufen, die für den Experten bedrohliche Ausmaße annehmen. Aktuelles Beispiel ist der Virologe Christian Drosten, der, nachdem er eine E-Mail erhielt, in welcher der Verfasser ihn für den Freitod des hessischen Finanzministers Thomas Schäfer verantwortlich machte, erwägt, die Medien künftig zu meiden[1]Virologe Christian Drosten erwägt Rückzug aus Medien nach scharfer Kritik an Corona-Berichterstattung. Das wiederum beflügelt die Medienbranche, die einmal mehr ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen kann; der Beschäftigung mit sich selbst – in der Soziologie auch als selbstreferentiell bezeichnet. In gewisser Weise wiederholt sich hier das bekannte Muster, wonach die Medien den Helden zunächst küren, ihn dann auf die nötige Fallhöhe schreiben, um ihn anschließend in die Tiefe rauschen zu lassen.

Es ist jedoch noch eine andere Interpretation möglich, wie sie Caspar Hirschi in Skandalexperten – Expertenskandale. Zur Geschichte eines Gegenwartsproblems beschreibt. Hirschi sieht bei Expertenskandalen verschiedene Handlungslogiken miteinander kollidieren. Die Handlungslogik wird von den jeweiligen Betrachtungshorizonten der beteiligten Gruppen (Wissenschaftler, Politiker, Journalisten) bestimmt. Die Politiker wollen demonstrieren, dass sie das Heft das Handelns in Händen halten, die Wissenschaftler sind bedacht, ihre Unabhängigkeit und Kompetenz unter Beweis zu stellen und dadurch Einfluss auszuüben, währenddessen die Medien auf der Suche nach der nächsten großen Story sind.

Hirschi schreibt über dieses Spannungsverhältnis, das leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen ist:

Es ist für Machtträger schon lange verlockend, sich bei heiklen Entscheiden hinter Experten zu verstecken, während diese immer wieder versuchten, von der Berater- in die Entscheidungsrolle zu schlüpfen. Solange beide Seiten gewisse Grenzen nicht überschritten, bestand ein labiles Gleichgewicht zwischen politischen Fremdlegitimierungs- und wissenschaftlichen Selbstermächtigungswünschen. Damit war es jedoch vorbei, als politische Entscheidungsprozesse im Zeichen der »Wissensgesellschaft« eine neue Choreographie erhielten. Auf der Ebene der Inszenierung hat die Expertenrolle eine markante Aufwertung erfahren. »Wissensbasiertes« Handeln meint im politischen Jargon »expertengestütztes« Handeln. Zugleich haben die Experten als Exponenten der Wissensgesellschaft an medialer Präsenz gewonnen.

Mit der medialen Präsenz kommen einige Wissenschaftler, vor allem aus der Soziologie und Ökonomie (Nassehi, Bude, Sinn etc.) gut zurecht. Sie suchen sie sogar, oder lassen sich gerne finden. Anders verhält es sich da schon bei Wissenschaftlern, die ihr Berufsleben zu weiten Teilen in Labors und wissenschaftlichen Kongressen zugebracht haben. Mit einem Mal stehen sie im Rampenlicht der medialen Öffentlichkeit. Allzu häufig verleitet das zu der Annahme, die Experten hätten mit ihrer medialen Präsenz an Einfluss gewonnen:

Das dürfte sich als Trugschluss erweisen. Experten sind weniger denn je Herren der Verfahren, in denen sie mitwirken. Man könnte sogar sagen: Anstatt nur einer arbeiten sie nun zwei Instanzen zu, der Politik und den Medien. Dadurch geraten sie leichter zwischen Hammer und Amboss und werden anfälliger für Manipulationen. Wenn ihre Empfehlungen publiziert oder sogar live gesendet werden, müssen sie ihre Worte auf die Goldwaage legen, und vieles von dem, was sie zuvor in formellen Verfahren zum Ausdruck bringen konnten, dürfen sie nicht mehr kundtun. Regierungspolitiker haben umgekehrt noch mehr Anlass als zuvor, ihren Experten vorgängig zu vermitteln, welche Empfehlungen erwünscht sind und welche nicht.

In einer akuten Krise, wie der aktuellen Corona-Epidemie, sind Vertreter der Naturwissenschaften, noch dazu wenn sie aus Orchideenfächern kommen, besonders gefährdet, Opfer dieses Dilemmas zu werden. Ein Soziologe kann sich im Grunde, wie Heinz Bude oder Armin Nassehi, zu jeder Krise äußern – nur: wenn kümmert es? Bei Virologen, die zu Vorgängen befragt werden, die in ihre fachliche Zuständigkeit fallen und unzählige Menschenleben direkt betreffen, ist das anders. Hier hört und sieht man genauer hin – mit allen Vor- und Nachteilen für den Experten.

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