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“Das Dilemma mit den sozialen Medien”: Kritik aus der Echokammer

Das Dilemma mit der starken These

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Deutscher Wirtschaftsjournalismus – mehr schlecht, als recht

Von Ralf Keuper

Der deutsche Wirtschaftsjournalismus, das zeigt der Fall Wirecard einmal mehr, ist ein zahmer Tiger – oder eher noch ein zahmes Kätzchen. Erst, wenn der “Skandal” nicht mehr zu übersehen ist, u.a. deshalb, da ausländische Medien die nötige investigative Arbeit geleistet haben, setzen sich die Journalisten in Bewegung; dann allerdings mit einem beachtlichen Eifer; die Beiträge überschlagen sich und man fragt sich: Warum nicht eher?

Gute Frage.

Sind strukturelle Ursachen dafür verantwortlich ? In Kritischer Wirtschaftsjournalismus Analysen und Argumente, Tipps und Tricks werden jedenfalls einige aufgeführt – wie die zehn Thesen zum kritischen Wirtschaftsjournalismus.

Daraus:

Wirtschaftsjournalismus wird in den Verlagen und Sendern nicht als Oase des kritischen Journalismus verstanden. Wirtschaftsjournalismus ist in der Tendenz unkritischer und affirmativer als die Berichterstattung in anderen Ressorts. In den Politik- und Kulturressorts gibt es eine höhere Pluralität von Meinungen, Analysen und Haltungen der Autoren. …

Der Wirtschaftsjournalismus, der bis in die späten 1990er Jahre als trocken und leserfern kritisiert wurde, ist so kaum noch existent. Er wurde abgelöst von einer Wirtschaftsberichterstattung, die als Verbraucher-, Service- oder Nutzwertjournalismus charakterisiert werden kann. Dieser neue Typ der Wirtschaftsberichterstattung ist der analytischen, hintergründigen Wirtschaftsberichterstattung quantitativ weit überlegen. Der Nutzwert- und Servicejournalismus wurde so zum erwartbaren Mainstream – auch für Unternehmen.

Mit den Jahren ging die kritische Distanz zu den Unternehmen und Managern verloren. Folgen davon sind ein Personenkult und Geschichten im Homestory-Gala-Bunte-Format. Eine weitere Ursache könnte das Fehlen großer Verlegerpersönlichkeiten wie Gerd Bucerius sein, die genügend Rückgrat hatten, dem Druck großer Anzeigenkunden zu widerstehen:

Von Bucerius, Gründer der Wochenzeitung Die Zeit und ehemaliger Eigentümer des Stern (sowie Hauptaktionär von Bertelsmann, RK), wird erzählt, dass ihm einmal von einem großen deutschen Unternehmen die Stornierung von Anzeigen mitgeteilt wurde, weil dieses in der Berichterstattung des Stern schlecht weggekommen sei. Daraufhin soll Bucerius einen wütenden Brief zurück geschrieben und dem Unternehmen mitgeteilt haben, dass es ab sofort im Stern Werbeverbot habe und deshalb nie wieder versuchen solle, Anzeigenplatz zu buchen.

Ein Typus, der heute fehlt:

Verleger, die mit ihrem Verlag mehr wollen als nur Geld verdienen, gibt es nicht mehr. Was es gibt, sind Verleger, die mit dem Verkauf von Werbung über Medieninhalte Geld verdienen wollen, wobei ihnen die Medieninhalte egal sind, so lange die Rendite stimmt.

Das erklärt aber noch nicht, warum Verlage wie die FT oder der Guardian über das nötige Stehvermögen (zumindest hin und wieder) verfügen.

Offensichtlich wurden die Defizite des Wirtschaftsjournalismus während der Finanzkrise 2007/2008, wie sie in der Studie Wirtschaftsjournalismus in der Krise. Zum massenmedialen Umgang mit Finanzmarktpolitik dargestellt wurden1)Vgl. dazu: Journalistische Qualität in der Wirtschaftskrise.

Daraus:

Der tagesaktuelle deutsche Wirtschaftsjournalismus ist ein gläubiger Diener des Mainstreams, kein kritischer Träger der Aufklärung. Im Bereich der Wirtschaft, den die Gesellschaft selbst für ihren wichtigsten hält, leistet sie sich einen tagesaktuellen Journalismus, der wenig Information bietet und viel Desorientierung verursacht. Der tagesaktuelle deutsche Wirtschaftsjournalismus hat als Beobachter, Berichterstatter und Kommentator des Finanzmarktes und der Finanzmarktpolitik bis zum offenen Ausbruch der globalen Finanzmarktkrise schlecht gearbeitet; Pfusch am Bau nennt man das im Handwerk. Die besten Tageszeitungen dieser Republik sind erst mit dem Krach der Krise publizistisch und journalistisch “erwacht”. DPA und ARD-Aktuell machten auch dann in ihrer handwerklich schlechten Alltagsroutine einfach weiter wie zuvor.

Der Befund trifft auch auf den aktuellen Fall Wirecard zu. Erst als die FT – trotz massiver Drohungen und eines großen wirtschaftlichen Risikos – nicht locker ließ und die Verdachtsmomente zunahmen, erwachten die deutschen Medien aus ihrem Dämmerzustand.

In den Wirtschaftsredaktionen ist die Anfälligkeit für vermeintliche Erfolgsgeschichten, für einsame Helden, die von einer Vision geleitet den Bruch mit überkommenen Traditionen vollziehen, ausgesprochen hoch. Beispielhaft dafür war die “Transformation” des Hoechst-Konzerns in Aventis. Das ehemalige Vorstandsmitglied Karl-Gerhard Seifert berichtet in seinem Buch Goodbye Hoechst von einem Treffen im privaten Kreis mit dem damaligen Herausgeber der FAZ, Jürgen Jeske:

Wir sprachen sehr lange über verschiedene Episoden und unvermeidlich über Dormann und Hilger sowie deren Verhältnis zum Journalismus. Ich warf Jürgen Jeske vor, dass auch die FAZ bei Weitem keinen genügend kritischen Abstand zu den Entwicklungen bei Hoechst gehabt, sondern im Gegenteil die Vision und Strategie des Vorstandsvorsitzenden tatkräftig unterstützt hätte. Noch im September 2002 nannte die FAZ Dormanns Werk “einen der größten und erfolgreichsten Transformationsprozesse in der deutschen Unternemensgeschichte”.

Ein anderes Beispiel ist Thomas Middelhoff. Dieser wollte Bertelsmann ebenfalls in ein neues Zeitalter führen. Die Mehrzahl der Wirtschaftsjournalisten unterstützten die Vision Middelhoffs, der plante den konservativen Medienkonzern aus der ostwestfälischen Provinz in einen Global Player des Internetzeitalters zu transformieren. Ein Börsengang mit späterer Übernahme war nicht mehr ausgeschlossen. Reinhard Mohn gelang es noch gerade rechtzeitig, die Notbremse zu ziehen. Dies konnte er deshalb, da ihm das Unternehmen gehörte. Bei Hoechst war niemand, der sein Veto wie Mohn hätte einlegen können. Kritischer waren die Wirtschaftsjournalisten dagegen in den 1990er Jahren, als Edzard Reuter seine Vision des “Integrierten Technologiekonzerns” umsetzen wollte und damit krachend scheiterte.

Bei Wirecard und z.T. bei dem jetzigen “wertvollsten Fintech” Deutschlands, N26, verfielen die Wirtschaftsredaktionen einem ähnlichen Deutungsmuster wie zuvor bei Dormann/Hoechst. Alles, was irgendwie mit Digitalisierung zu tun hat und einigermaßen frisch und anders daher kommt, genießt einen in dieser Ausprägung kaum zu rechtfertigenden Vertrauensvorsprung. Ex-Vorstandschef Markus Braun, zeitweiliger Milliardär, wurde als jemand portraitiert, der ständig an neuen Technologien arbeitet. Ein Mann mit Visionen, “Ein stiller Eroberer“, seiner Zeit z.T. weit voraus2)Wirecard-Skandal: Hat der deutsche Wirtschaftsjournalismus versagt?. Insbesondere die Medien mit Schwerpunkt Gründerszene/Startups glänzen für gewöhnlich mit undistanzierter Hofberichterstattung, wofür Wirecard nur ein Beispiel ist. Aber auch die FAZ hat fleißig an der Erzählung des Hochtechnologie-Unternehmens aus Deutschland mitgewirkt. Den journalistischen Tiefpunkt markiert der Beitrag Die cleveren Jungs von Wirecard.

Nicht minder bemerkenswert ist das Desinteresse der Medienkritik in Deutschland am Fall Wirecard und der Rolle der Wirtschaftsjournalisten. Ganz anders dagegen, wenn Juilan Reichelt mal wieder seine Weltsicht in einem oder mehreren Tweets verbreitet. Dann ist kein Halten mehr.

Insofern ist man gut beraten, sich bei seiner Meinungsbildung nicht nur auf die deutschen Medien zu verlassen, sondern häufiger einen Blick in die englischsprachigen zu werfen. Daran wird sich sobald auch nichts ändern.

References   [ + ]

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Der Fall Wirecard und das lange Schweigen der deutschen Medien

Von Ralf Keuper

Der Fall Wirecard wirft nicht nur ein schlechtes Licht auf die hiesige Bankenaufsicht, sondern stellt auch den Medien hierzulande ein wenig schmeichelhaftes Zeugnis aus.

Ein Urteil:

German media, which missed the warning signs of the 2008 financial crisis, again did not sufficiently question the Wirecard business model1)Wirecard: How signs of serious trouble were ignored.

Womöglich spielt der Autor dabei auf die Studie Wirtschaftsjournalismus in der Krise. Zum massenmedialen Umgang mit Finanzmarktpolitik an, die im Jahr 2010 von der Otto Brenner Stiftung veröffentlicht wurde.

Ein Resümee daraus:

Die untersuchten tagesaktuellen Massenmedien haben über Jahre hinweg die Entwicklung der Finanzmärkte und die Finanzmarktpolitik sowie das umfangreiche kompetente und prominente kritische Wissen darüber ignoriert. Obwohl ihnen bewusst war, dass die Krise spätestens mit den EZB-Interventionen im August 2007 gegeben war, berichteten sie zwar darüber, verblieben jedoch weitgehend in ihren Routinen. Sie wurden damit ihrer Rolle als Frühwarnsystem der Gesellschaft nicht gerecht. Erst mit dem “offiziellen”, faktisch von Politik und Wirtschaftseliten ausgerufenen Beginn der Krise im September 2008 setzte auch in den Massenmedien eine der Situation angemessenere Berichterstattung ein2)Zusammenfassung der Studie.

Zu einer Zeit, als die Kritik an dem Geschäftsmodell und der Bilanzierungspolitik von Wirecard in den englischsprachigen Medien schon längst verbreitet war3)Wie ein Blogger bereits 2008 den Skandal bei Wirecard aufzeigte, verfassten die Medien in Deutschland schmeichelhafte Portraits im Homestory-Format4)Beispielhaft dafür sind Ein stiller Eroberer von Nils Wischmeyer und einige Beiträge von Ursula Schwarzer im manager magazin, wie Aus dem Nichts zum Milliardär. Ende 2018 kürte das Handelsblatt Wirecard zum Aufsteiger des Jahres5)Wirecard-Chef Markus Braun – Ein Hauch von Silicon Valley. Nur wenige Monate später, im Januar 2019, trübte ein Beitrag der Financial Times, in welchem der Autor auf mögliche Scheingeschäfte in Singapur hinwies6)Wirecard and the missing €1.9bn: my story (German subtitles), die allgemeine Feierlaune. Statt der Kritik nachzugehen, verfiel man in den Redaktionen, wie schon zu Beginn der Finanzkrise, in Routine. Ohne die Hartnäckigkeit der FT und hier namentlich der des Journalisten David McCrum, wäre es wohl kaum zu einer Sonderprüfung durch KPMG gekommen. Die Deutsche Bankenaufsicht BaFin dagegen erstattete gegen David McCrum eine Anzeige wegen des Verdachts auf Marktmanipulation7)Eine Besonderheit in Deutschland ist es, den Überbringer einer schlechten Nachricht “zu erschießen” und die Reihen fest geschlossen zu halten: Wirecard and Germany Both Shot the Messenger & Wirecard affair shows up German tendency to close ranks . Für die Prüfung der Hinweise eines Whistleblowers brauchte die BaFin mehr als ein Jahr8)Whistleblower schickte der Bafin schon Anfang 2019 Material zu Wirecard. Ihre Rolle sah die BaFin vor allem darin, den deutschen Finanzmarkt vor den Umtrieben angelsächsischer Spekulanten und Hedge-Fonds zu schützen.

Der ehemalige Handelsblatt-Chefredakteur, Bernd Ziesemer, erkennt in dem Verhalten der BaFin ein vertrautes Muster:

In BaFin’s early days, there was a practice whereby selected information was given to chosen journalists when the institution sought to present itself as heroic fighter against evil financiers or foreigners intriguing against Germany’s financial great and good. The ghost of this practice lingers in BaFin corridors and too many local journalists still take as truth what they hear there9)Why was Frankfurt so blind for so long about Wirecard?.

Für die Financial Times ist die Wirecard-Pleite ein später, aber großer Triumpf, für die hiesigen Medien dagegen einmal mehr ein Beleg für die doch recht eingeschränkte Sicht und den ausgeprägten Herdentrieb der Zunft10)Besonders stark war der Herdentrieb bei den verschiedenen Online-Portalen mit den Schwerpunkten Startups und Fintech ausgeprägt, wie bei t3n, Gründerszene, Financeforward und Payment and Banking.

Damit bestätigt sich einmal mehr, dass, wer an einen objektiven Informationsstand interessiert ist und gerne frühzeitig auf Fehlentwicklungen in Deutschland hingewiesen werden will, einen Blick in renommierte englischsprachige Medien werfen sollte.

References   [ + ]

1. Wirecard: How signs of serious trouble were ignored
2. Zusammenfassung der Studie
3. Wie ein Blogger bereits 2008 den Skandal bei Wirecard aufzeigte
4. Beispielhaft dafür sind Ein stiller Eroberer von Nils Wischmeyer und einige Beiträge von Ursula Schwarzer im manager magazin, wie Aus dem Nichts zum Milliardär
5. Wirecard-Chef Markus Braun – Ein Hauch von Silicon Valley
6. Wirecard and the missing €1.9bn: my story (German subtitles)
7. Eine Besonderheit in Deutschland ist es, den Überbringer einer schlechten Nachricht “zu erschießen” und die Reihen fest geschlossen zu halten: Wirecard and Germany Both Shot the Messenger & Wirecard affair shows up German tendency to close ranks
8. Whistleblower schickte der Bafin schon Anfang 2019 Material zu Wirecard
9. Why was Frankfurt so blind for so long about Wirecard?
10. Besonders stark war der Herdentrieb bei den verschiedenen Online-Portalen mit den Schwerpunkten Startups und Fintech ausgeprägt, wie bei t3n, Gründerszene, Financeforward und Payment and Banking
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Wirecard and the missing €1.9bn: my story | FT

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ZDF Stichprobe – Videosysteme 1980 – VHS BETAMAX oder VIDEO 2000

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Am Anfang war das Web | Im Lauf der Zeit | ARTE

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Das harte Los der Experten im Medienzeitalter

Von Ralf Keuper

Der Rat von Experten wird in Krisensituationen besonders gerne von Politikern und Medien gesucht; aus unterschiedlichen Motiven. Die Politik will ihre Entscheidungen durch die Hinzuziehung von Experten mit wissenschaftlichem Anspruch versehen, wohingegen die Medien mehr an der Sensation interessiert sind. Die Medien bzw. Teile davon schreiben den Experten gerne Fähigkeiten und eine Machtfülle zu, die mit der Realität nur wenig zu tun haben. Damit können sie Reaktionen hervorrufen, die für den Experten bedrohliche Ausmaße annehmen. Aktuelles Beispiel ist der Virologe Christian Drosten, der, nachdem er eine E-Mail erhielt, in welcher der Verfasser ihn für den Freitod des hessischen Finanzministers Thomas Schäfer verantwortlich machte, erwägt, die Medien künftig zu meiden1)Virologe Christian Drosten erwägt Rückzug aus Medien nach scharfer Kritik an Corona-Berichterstattung. Das wiederum beflügelt die Medienbranche, die einmal mehr ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen kann; der Beschäftigung mit sich selbst – in der Soziologie auch als selbstreferentiell bezeichnet. In gewisser Weise wiederholt sich hier das bekannte Muster, wonach die Medien den Helden zunächst küren, ihn dann auf die nötige Fallhöhe schreiben, um ihn anschließend in die Tiefe rauschen zu lassen.

Es ist jedoch noch eine andere Interpretation möglich, wie sie Caspar Hirschi in Skandalexperten – Expertenskandale. Zur Geschichte eines Gegenwartsproblems beschreibt. Hirschi sieht bei Expertenskandalen verschiedene Handlungslogiken miteinander kollidieren. Die Handlungslogik wird von den jeweiligen Betrachtungshorizonten der beteiligten Gruppen (Wissenschaftler, Politiker, Journalisten) bestimmt. Die Politiker wollen demonstrieren, dass sie das Heft das Handelns in Händen halten, die Wissenschaftler sind bedacht, ihre Unabhängigkeit und Kompetenz unter Beweis zu stellen und dadurch Einfluss auszuüben, währenddessen die Medien auf der Suche nach der nächsten großen Story sind.

Hirschi schreibt über dieses Spannungsverhältnis, das leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen ist:

Es ist für Machtträger schon lange verlockend, sich bei heiklen Entscheiden hinter Experten zu verstecken, während diese immer wieder versuchten, von der Berater- in die Entscheidungsrolle zu schlüpfen. Solange beide Seiten gewisse Grenzen nicht überschritten, bestand ein labiles Gleichgewicht zwischen politischen Fremdlegitimierungs- und wissenschaftlichen Selbstermächtigungswünschen. Damit war es jedoch vorbei, als politische Entscheidungsprozesse im Zeichen der »Wissensgesellschaft« eine neue Choreographie erhielten. Auf der Ebene der Inszenierung hat die Expertenrolle eine markante Aufwertung erfahren. »Wissensbasiertes« Handeln meint im politischen Jargon »expertengestütztes« Handeln. Zugleich haben die Experten als Exponenten der Wissensgesellschaft an medialer Präsenz gewonnen.

Mit der medialen Präsenz kommen einige Wissenschaftler, vor allem aus der Soziologie und Ökonomie (Nassehi, Bude, Sinn etc.) gut zurecht. Sie suchen sie sogar, oder lassen sich gerne finden. Anders verhält es sich da schon bei Wissenschaftlern, die ihr Berufsleben zu weiten Teilen in Labors und wissenschaftlichen Kongressen zugebracht haben. Mit einem Mal stehen sie im Rampenlicht der medialen Öffentlichkeit. Allzu häufig verleitet das zu der Annahme, die Experten hätten mit ihrer medialen Präsenz an Einfluss gewonnen:

Das dürfte sich als Trugschluss erweisen. Experten sind weniger denn je Herren der Verfahren, in denen sie mitwirken. Man könnte sogar sagen: Anstatt nur einer arbeiten sie nun zwei Instanzen zu, der Politik und den Medien. Dadurch geraten sie leichter zwischen Hammer und Amboss und werden anfälliger für Manipulationen. Wenn ihre Empfehlungen publiziert oder sogar live gesendet werden, müssen sie ihre Worte auf die Goldwaage legen, und vieles von dem, was sie zuvor in formellen Verfahren zum Ausdruck bringen konnten, dürfen sie nicht mehr kundtun. Regierungspolitiker haben umgekehrt noch mehr Anlass als zuvor, ihren Experten vorgängig zu vermitteln, welche Empfehlungen erwünscht sind und welche nicht.

In einer akuten Krise, wie der aktuellen Corona-Epidemie, sind Vertreter der Naturwissenschaften, noch dazu wenn sie aus Orchideenfächern kommen, besonders gefährdet, Opfer dieses Dilemmas zu werden. Ein Soziologe kann sich im Grunde, wie Heinz Bude oder Armin Nassehi, zu jeder Krise äußern – nur: wenn kümmert es? Bei Virologen, die zu Vorgängen befragt werden, die in ihre fachliche Zuständigkeit fallen und unzählige Menschenleben direkt betreffen, ist das anders. Hier hört und sieht man genauer hin – mit allen Vor- und Nachteilen für den Experten.

References   [ + ]

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Medien und Corona #1

Von Ralf Keuper

Anbei eine Aufstellung von Beiträgen, die sich mit den Auswirkungen von Corona auf die Medienbranche beschäftigen: 

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Frank Rausch: Die neue Typografie

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Lineares Fernsehen verwendet veralteten Schaltplan

Von Ralf Keuper

Die zunehmende Verbreitung von Streaming-Diensten  sorgt unter Vertretern der klassischen Medien verständlicherweise für Unbehagen. Streaming-Plattformen seien Energiefresser und überdies ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr unsere Alltagsgewohnheiten von neoliberalen Prinzipien, wie dem Individualismus, durchdrungen werden (Vgl. dazu: Streaming: Der letzte Triumph des Neoliberalismus?). Was ist an Individualismus schlecht? Sollen wir uns wirklich die Zeiten zurückwünschen, als Sendungen wie der Blaue Bock noch Grundpfeiler des “zwangsunionierten Familienlebens” waren? Drohen die Menschen, wenn sie nicht mehr von einigen wenigen öffentlich-rechtlichen Sendern mit Sendungen zu festen Zeiten versorgt werden, sich der Kontrolle zu entziehen? Werden sie gar aufmüpfig und unberechenbar? Bedürfen sie der ständigen Erziehung bzw. der Betreuung? Sie sollen weiterhin stumm vor dem Fernseher sitzen, die Füße still halten, brav die Beiträge zahlen und gefälligst dankbar sein.

Eher ist es wohl so, dass die klassischen Medien einen, wie Vilém Flusser sagen würde, veralteten Schaltplan anwenden. Ihr Modus ist nach wie vor die Verbündelung:

Die Massenmedien senden Bündel von Informationen an Empfänger, die darauf nicht direkt antworten können und damit in gewisser Weise als unmündig betrachtet werden. Die Vernetzung dagegen erschafft kleine Inseln der Kommunikation. Hier verläuft die Kommunikation anders – direkt vom Sender zum Empfänger und zurück. Im besten Fall ein Dialog also.

Die Vernetzung funktioniert dagegen nach anderen Prinzipien:

Die informatische Revolution strukturiert die informatische Lage um, genauer: Sie baut den öffentlichen Raum ab. Die Informationen drängen jetzt in den Privatraum, um dort empfangen zu werden. Geschäfte, Banken, Schulen, Kinos und alle übrigen öffentlichen Orte werden von den neuen Technologien ausgeschaltet. Die Sender der Informationen müssen dank dieser Technologien nicht mehr publizieren, sondern sie können durch verzweigte Kanäle ihre Informationen an die einzelnen Empfänger verteilen lassen. Wo bisher der öffentliche Raum, der Stadtplatz, das Forum offenstand, werden in naher Zukunft strahlenförmig und netzförmig strukturierte Kanäle liegen. Die Menschen werden an den Ausgängen dieser Kanäle sitzen, um Informationen zu empfangen und zu senden (in: Medienkultur)

Die öffentlich-rechtlichen Sender sind vollauf kompatibel mit den neoliberalen Prinzipien; man schaue nur auf wie Werbeeinnahmen und die Quotenfixierung. Insofern ist der Gegensatz non-lineares Fernsehen – lineares Fernsehen konstruiert. Die Qualität der meisten Sendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ist nun wirklich nicht dazu angetan, bei den Zuschauern Trennungsängste hervorzurufen. Sicher – das lineare Fernsehen hat durchaus seine Vorzüge, und die Sendungen von arte und vieler Dritter Programme sind qualitativ hochwertig. Sie sollten nicht verschwinden. Diese Aussage trifft auf Formate wie Traumschiff, die Helene Fischer-Show, Comedy-Shows oder Talk Shows in weit geringerem Maße zu. Das können die privaten Sender genauso gut oder schlecht.

Es geht hier weniger um Neoliberalismus oder Energiefragen, sondern eher um Fragen der Besitzstandswahrung. Die Medienwandel wird dafür sorgen, dass alle Bestrebungen in dieser Richtung vergeblich sind.

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