Die FAZ und “Des Kanzlers neue Kleider”

Von Ralf Keuper

Es gibt Beiträge, da weiß man nicht genau, ob sie ernst gemeint sind. Jedoch ist zu befürchten, dass der nicht genannte Autor von Das Auge wählt ernste Absichten verfolgt.

Die Erfolgsaussichten von Armin Laschet oder Markus Söder als Kanzlerkandidat sind demnach eng mit der Wahl der Kleider verbunden. Und hier liegt für den Autor Armin Laschet weit vor Markus Söder. Letzterer hat seine Chancen durch das Tragen einer Zipper-Strickjacke, sein Lieblingskleidungsstück, eigentlich schon so gut wie zunichtegemacht.

Kein Mann, der noch etwas vorhat, darf eine Strickjacke tragen. Warum also zieht Söder diese Liebestöter an, die, hätten sie einen Namen, alle „Paderborn“ heißen müssten? Fröstelt es ihn leicht?

Woher der Autor diese Weisheit bezieht, geht aus dem Beitrag nicht hervor. Bislang gibt es keine belastbaren Studien, die einen kausalen Zusammenhang mit der aphrodisierenden Wirkung des Tragens einer Zipper-Strickjacke und der Stadt Paderborn belegen. Selbst für eine Korrelation dürften sich kaum ausreichend Hinweise finden lassen. Man müsste schon die Esoterik bemühen, um hier eine Beziehung herzustellen. Eventuell hat der Autor an die morphischen Felder[1]Morphische Felder von Rupert Sheldrake gedacht.

Unterziehen wir die zusammen konstruierte These des FAZ-Autors dennoch einer Prüfung. Das bevorzugte Kleidungsstück von Helmut Kohl war die klassische Strickjacke. Legendär ist das Foto mit Michael Gorbatschow und Hans-Dietrich Genscher[2]Das Wunder vom Kaukasus: Wie Kohl Gorbatschow das Ja zur Einheit abrang. Weltpolitik mit Strickjacke und Pullover. Das Markenzeichen von Hans-Dietrich Genscher war der gelbe Pullover[3]Hans-Dietrich Genscher: Im gelben Pullover einte er Deutschland.

Der bislang wohl in modischer Hinsicht fortschrittlichste Kanzler, Gerhard Schröder, bekannt für seine Vorliebe für Brioni-Anzüge, musste bereits nach sieben Jahren das Kanzleramt wieder verlassen[4]Brioni-Anzug und Cohiba.

Bundeskanzlerin Merkel setzt mit Hosenanzügen wahrlich keine modischen Akzente, was ihrer Popularität jedoch keinen Abbruch getan hat.

Von der “These” des FAZ-Autors bleibt, wie bereits ein kurzer Faktenscheck zeigt, nichts übrig. Was wollte der Autor mit seinem Beitrag sagen? Eigentlich nichts. Hauptsache die Klickzahlen stimmen. Dieser Logik der Aufmerksamkeitsökonomie muss sich auch die wirtschaftlich nicht sonderlich erfolgreiche FAZ unterwerfen[5]FAZ: Relativ erfolglos, auch wenn man sich damit in die Nähe von Bunte, Gala und Freizeit Revue begibt.

Die Geschichte von des Kanzlers neue (oder alte) Kleider bleibt weiterhin ein Märchen.

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Mythos Suhrkamp – Die Republik, Ihre Debatten, Ihr Verlag

Mythos Suhrkamp. Die Republik, ihre Diskurse, ihr Verlag.

(2Teiler, jeweils 37 Min. in Koproduktion mit ZDF und 3sat.)

Teil 1: https://www.3sat.de/kultur/kulturdoku/190831-deutschedebatten-suhrkamp-102.html

Teil 2: https://www.3sat.de/kultur/kulturdoku/190831-deutschedebatten-suhrkamp2-100.html

 

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Der Stilwandel der Medien #23

Von Ralf Keuper

Nachfolgend eine Aufstellung von Beiträgen der letzten Zeit, die sich mit dem Stilwandel der Medien beschäftigen:

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Die Süddeutsche Zeitung und der Antisemitismus

Von Ralf Keuper 

Der Süddeutschen Zeitung gelingt es immer wieder, den Vorwurf auf sich zu ziehen, der Verbreitung antisemitischen Gedankenguts eine Bühne zu bieten.

Für Empörung sorgte u.a. ein Text über den Pianisten Igor Levit[1]So unterirdisch kann “Musikkritik” sein. Nach Protesten sah sich die Chefredaktion der SZ veranlasst, auf Distanz zu dem Beitrag Igor Levit ist müde, der am 16. Oktober 2020 im Feuilleton erschienen war, zu gehen (Vgl. dazu: Süddeutsche Zeitung entschuldigt sich bei Igor Levit). FAZ, Welt und die NZZ sahen in der Entschuldigung der SZ-Chefredaktion ein Einknicken vor dem Mob( Vgl. dazu: Wozu Entschuldigungen dienen). Der Verfasser des Beitrags, Helmut Mauró, zog sich mit seiner Buchbesprechung Alex Ross’ Buch „Die Welt nach Wagner“ Komponist und Hetzer erneut den Zorn einiger Kommentatoren zu, wie auf twitter.

Seit ihrer Gründung wird gegen die SZ der Vorwurf des Antisemitismus erhoben[2]1949: Antisemitismus in der »Süddeutschen Zeitung«. Einige Kommentatoren sehen ein Antisemitismus-Problem bei der SZ[3]Das Antisemitismus-Problem der Süddeutschen Zeitung. Einer der Gründer der SZ, Franz-Josef Schöningh, war tief in die Machenschaften des NS-Regimes verstrickt[4]Wege und Abwege. Franz Josef Schöningh, Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung. Eine Biografie. Herausgegeben von Maria-Theresia, Lorenz und Rupert von Seidlein & Die NS-Zeit: kein Thema. Forschungen belegen überdies, dass einige Vertreter der ersten SZ-Generation den nationalsozialistischen Völkermord propagandistisch begleitet haben[5]NS-Vergangenheit von SZ-Redakteuren.

2018 musste sich die SZ-Chefredaktion für eine Karikatur anlässlich des Eurovision Song Contest entschuldigen, die antisemitische Stereotype transportierte[6]Der kriegslüsterne und mächtige Jude. Bereits einige Jahre zuvor löste die Illustrierung einer Rezension zweier israelkritischer Bücher in der SZ Proteste aus.[7]Was für eine Sauerei. In einer weiteren Karikatur wurde Facebook-Chef Mark Zuckerberg in antisemitischer Weise dargestellt[8]Antisemitismus-Vorwurf nach “SZ”-Karikatur.

Als die sog. “Schwarzen Hefte” von Martin Heidegger dessen Antisemitismus und gedankliche Nähe zum Nationalsozialismus offen zutage förderten, erschienen im Feuilleton der SZ auffallend viele wohlwollende Beiträge. In einem Interview konnte Rüdiger Safranski unwidersprochen den Antisemitismus Heideggers als für die damalige Zeit verbreiteten kleinbürgerlichen “Konkurrenz-Antisemitismus” umdeuten.

Mittlerweile sind einige Kommentatoren der Ansicht, dass in Sachen SZ und Antisemitismus die Einzelfallvermutung nicht mehr zutrifft[9]Antisemitismus in der „SZ“: Die Einzelfallvermutung gilt nicht mehr.

Weitere Informationen:

Antisemitismus bei der Süddeutschen Zeitung? Die Pflege jüdischer Kultur ist keine Verkaufsstrategie

„Süddeutsche Zeitung“ fördert antisemitische Vorstellungen zutage

Auch im linksliberalen Milieu sitzt der Antisemitismus tief

Israel als gefräßiges Monster: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt?

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Das Wikipedia Versprechen | Doku | ARTE

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Die neuen Medienkonzerne, oder: Das Medium ist die Botschaft

Von Ralf Keuper 

Alle Jahre wieder veröffentlicht mediadb.eu die Liste der größten Medienkonzerne der Welt[1]Die großen Schnellen werden schneller größer. Auf diesem Blog wurde in den Beiträgen Die neuen Medienkonzerne: Nvidia, Medienindustrie in Auflösung und Rangliste der 100 größten Medienkonzerne – Der Vergleichsmaßstab hinkt darauf hingewiesen, dass die Maßstäbe, die dabei angelegt werden, veraltet sind.

Zwar wird darin die wachsende Bedeutung der Technologie- und Datenkonzerne für die Medienbranche anerkannt; übergangen wird dabei jedoch die Tatsache, die Marshall McLuhan in die Worte fasste: “Das Medium ist die Botschaft”.

Die alten Medienkonzerne wie Bertelsmann sehen sich zunehmend an den Rand gedrängt. Da hilft auch der Staus als weltgrößter Buchverlag wenig. Selbst die Möglichkeiten der Weiter- und Wiederverwertung eigener Inhalte im eigenen Medienverbund, wie im Fall der Biografie von Barak Obama, ändern an den neuen Machtverhältnissen kaum etwas. Das eigene digitale Ökosystem ist schlicht zu klein. Gegen Google, facebook, Apple und Amazon wirkt der Medienverbund Bertelsmann immer zwergenhafter. Von Springer, Burda & Co. ganz zu schweigen.

Content, wie er von Bertelsmann, Springer & Co. produziert und verteilt wird, ist längst nicht mehr King. Die großen digitalen Plattformen und sozialen Netzwerke wurden zu lange als neutrale Datendrehscheiben betrachtet, welche die Medieninhalte nur durchleiten. Ein Trugschluss. Mit ihren Algorithmen und KI-Systemen üben die großen digitalen Plattformen einen großen Einfluss auf das Mediennutzungsverhalten der Menschen aus[2]Medienmärkte und KI. Soshana Zuboff geht noch einen Schritt weiter, indem sie den Datenkonzernen vorwirft, das Verhalten der Nutzer aus purem Geschäftsinteresse zu modifizieren bzw. zu manipulieren. Die App Stores von Apple und Google geben die Geschäftsbedingungen vor, an die sich auch die alten Medienkonzerne zu halten haben. Was im App Store und dem Smartphone nicht auftaucht, existiert für einen großen Nutzerkreis nicht mehr. Das Smartphone ist mittlerweile für viele die Botschaft[3]Die Macht der Medien: So steht es um unser digitales Leben.

Medien sind also keine neutralen Plattformen, sie verformen allein schon durch ihre Eigenlogik die Inhalte: Denn wie wird hier Aufmerksamkeit erzeugt? Und in welcher Konkurrenzsituation? Mit welchem Ziel? .. Wie wirkt sich der Charakter des herrschenden Massenmediums auf die Wirklichkeitswahrnehmung und damit auf die Wirklichkeit selbst aus?

Wichtiger noch: Wie wirkt sich das Zusammenspiel der klassischen Massenmedien mit den  Übertragungs-, Bezahl-, Identifikations- und Speichermedien, wie Cloud, AI-Chips, Digitale Währungen, Apple Pay, Apple Card, Libra/Diem, Digitale Identitäten, AR/VR und Quantenkommunikation, auf die Wirklichkeitswahrnehmung aus? In all den genannten Bereichen sind Google, Amazon, Apple, Microsoft, facebook & Co. in unterschiedlicher Ausprägung, aber identischer Stoßrichtung aktiv. Nvidia hat mit der Übernahme von ARM den Grundstein gelegt, um in den nächsten Jahren im Medien- und Gaming-Markt noch mehr als bisher mitzumischen[4]The Nvidia/Arm deal could create the dominant ecosystem for the next computer era.

Was bleibt dann überhaupt noch an Geschäft für die alten Medienkonzerne übrig, die im Bereich Technologie fast vollständig von ihren (neuen) Mitbewerbern und deren digitalen Plattformen und Ökosystemen abhängig sind? Welche Botschaften wollen und können sie noch überbringen?

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Medienmärkte und KI

Von Ralf Keuper

Auf den Medienmärkten hat in den letzten zehn Jahren eine (Macht-)Verschiebung stattgefunden, die zu weiten Teilen auf Netzwerkeffekte und den Einsatz von KI-Methoden zurückgeführt werden kann. Profiteure dieser Entwicklung sind die großen US-amerikanischen Technologie- und Internetkonzerne, wie Google, facebook und Apple. Für die nächsten Jahre ist davon auszugehen, dass die großen Plattformen ihre ohnehin schon dominante Marktstellung weiter ausbauen werden. Ihr Vorsprung bei der Anwendung von KI-Verfahren, die mit den auf ihren Plattformen reichlich vorhandenen Daten gefüttert und trainiert werden, um daraus personalisierte Werbung zu generieren, ist für europäische Medienkonzerne nahezu uneinholbar. So der Tenor des Berichts Künstliche Intelligenz – Gesellschaftliche Verantwortung und wirtschaftliche, soziale und ökologische Potenziale, der sich u.a. mit den Auswirkungen auf den Medienmarkt beschäftigt.

Die alten Medienkonzerne haben erst relativ spät erkannt, welche Bedrohung für ihr Geschäftsmodell von den sog. Informations- und Medienintermediären ausgeht, die die Vorteile der Medienkonvergenz für sich zu nutzen bzw. maximieren wissen.

Man kann zunächst festhalten, dass aufgrund der Multikonvergenz sowohl im Endgerätemarkt als auch in der Mehrfachverwertung von Inhalten die Grenzen zunehmend erodieren, da vor allem große Plattformanbieter (Audio- und audiovisuelle Streaming-Anbieter) auch zunehmend in das Geschäft eigener Inhaltsproduktionen (insbesondere im Unterhaltungsmediensektor) einsteigen. … Die Geschäftsmodelle der Plattformanbieter mit durchgängigen Flatrates und, wie weiter unten beschrieben, zunehmendem Einsatz von KI bedeuten, dass die alten Geschäftsmodelle zunehmend rückläufig sind. Gewinner sind in den Medienmärkten diejenigen, die über digitale Plattformtechnologien Konsumentinnen und Konsumenten – auch mithilfe von KI – deutlich attraktivere skalierende Modelle anbieten können. Im Jahr 2018 haben die Nutzerzahlen von Streaming-Anbietern erstmals alle alternativen Distributionsformen mit knapp 12 Millionen Nutzerkonten (bei ggf. Mehrfachnutzung) überholt, und der Digitalumsatz machte 2018 schon knapp 60 Prozent des Gesamtumsatzes aus.

Der gezielte Einsatz von KI-Verfahren durch die Plattormbetreiber führt zu einer neuen Produktions- und Marktlogik.

Kombiniert mit der Tatsache, dass immer mehr Menschen ihre Hauptinformationen online im Freemium-Modell beziehen, wird schnell klar, dass die Auswirkungen der Digitalisierungen im Generellen und der Einsatz von KI-Systemen alternativer journalistischer Anbieter im Speziellen zu einer radikalen Veränderung der Märkte führen und weiter führen werden. Hier zeigt sich darüber hinaus, betrachtet man allein die Reichweite journalistischer Medien im Juni 2020, dass es nicht mehr nur die üblichen Tageszeitungsanbieter, sondern zunehmend andere Anbieter sind, die den Markt bestimmen. Entsprechend verschieben sich auch die Werbeeinnahmen. In nur zehn Jahren sind diese von einem Niveau von ca. 3,7 Milliarden Euro pro Jahr auf knapp 2,4 Milliarden Euro pro Jahr zurückgegangen, und auch die Umsätze sowohl der verkauften Auflagen als auch der Online-Angebote kompensieren diese Verluste nicht.

Noch im Jahr 2008 dominierten die alten Medienkonzerne wie Disney, Time Warner und Bertelsmann den internationalen Medienmarkt. Das hat sich in nur wenigen Jahren fundamental geändert:

Ein Blick auf die aktuellen globalen Top-50-Medienkonzerne zeigt deutlich, wie stark dabei heute schon die Medienintermediäre das Geschäft bestimmen. Weiterhin ist zu beobachten, wie groß inzwischen die Umsatzdimensionen der globalen Medienkonzerne im Zehnjahresvergleich sind. Lagen die Umsätze der damaligen „Spitzenreiter“ im Jahr 2008 mit Time Warner (ca. 34 Milliarden Euro Umsatz) und Disney (ca. 25 Milliarden Euro Umsatz) noch in Größendimensionen, die auch der national größte Medienkonzern, Bertelsmann (ca. 19 Milliarden Euro), erreichen konnte, sind die heutigen globalen Markführer mit AT&T (ca. 145 Milliarden Euro) und Alphabet (bzw. Google ca. 116 Milliarden Euro) signifikant größer, wohingegen Bertelsmann immer noch bei ca. 18 Milliarden Euro Jahresumsatz verharrt.

Anders als die US-amerikanischen und chinesischen Medienkonzerne haben es die europäischen nicht vermocht, die Chancen die Digitalisierung zu nutzen:

Offenkundig haben die US- und asiatischen, primär chinesischen Konzerne überproportional deutlich von der Digitalisierung bzw. der Transformation der Medienmärkte profitiert, wohingegen die europäischen Medienkonzerne ihre Umsätze kaum signifikant vergrößern konnten. Diese Entwicklungen sind nicht direkt auf den Einsatz von KI-Technologien übertragbar. Es zeigt sich aber, dass europäische oder auch nationale Konzerne die Digitalisierung im internationalen Geschäft nicht nutzen konnten

Die Autoren beschreiben am Beispiel der Streaming-Plattformen, wie stark KI-Verfahren die Geschäftsmodelle beeinflussen. So kann schnell festgestellt werden, welche Serien bei den Zuschauern auf großen Zuspruch stoßen und welche nicht. Daraufhin kann die Produktion eigener Filme wie auch der Bezug von Filmen Dritter entsprechend angepasst werden. Von hoher Relevanz bei den Auswahlkriterien sind die Metadaten, die Antwort darauf geben, welche Filme von welchen Altersgruppen an welchem Ort zu welcher Uhrzeit wie lange angeschaut wurden bzw. nach welchen Inhalten die Nutzer zuvor gesucht haben. Dadurch lassen sich Klassifikationssysteme und Bibliotheken anlegen, welche ein möglichst aussagekräftiges Abbild des Mediennutzungsverhaltens liefern. Ein wichtiger Investitionsposten sind Technologien und Verfahren zur Bild- und Datenkompression, wodurch auch große Mengen an Filmen ohne Unterbrechung bereitgestellt werden können.

Wenngleich Konzerne wie Google und facebook – technologisch betrachtet – verschiedene Strategien verfolgen, Google setzt vor allem die Macht seiner Suchmaschine, facebook dagegen auf die direkte Kommunikation der Nutzer auf ihren Plattformen untereinander – liegt ihr Fokus fast ausschließlich auf dem online-Werbermarkt. Ihm gelten all ihre Bestrebungen.

Aufgrund des höheren Wertes der Online-Werbung durch die zielgenaue Positionierung im Vergleich zur Streuwirkung der traditionellen Werbeformen zeigen sich signifikante Auswirkungen auf traditionelle Medienangebote, die bereits weiter oben thematisiert wurden.1837 Letzten Endes schaffen somit auch die Informationsintermediäre, insbesondere die Social-Media-Anbieter, Werberaum, der durch KI-Systeme eine zielgenaue Ansprache von Kundinnen und Kunden zulässt. Insgesamt schätzen die Expertinnen und Experten von Statista, dass der digitale Werbemarkt im Jahr 2020 ca. 365 Milliarden US-Dollar ausmacht, Tendenz steigend. … Insbesondere auf Medienplattformen sind die durch KI möglichen Personalisierungen des Angebotes durch Empfehlungssysteme und deren Einfluss auf mögliche Produktionsentscheidungen dabei von hoher Relevanz.

Ziel ist es also, Content zu liefern, der hohe Klickzahlen generiert und die Leserinnen und Leser dazu veranlasst, auf Werbung zu reagieren. Die journalistische Qualität ist dabei eher nebensächlich.

Die Autoren formulieren einige Handlungsempfehlungen. Ihrer Ansicht nach für die Beschränkung der Debatte auf Schlagworte wie Plattformökonomie am Thema bzw. am eigentlichen Problem vorbei:

Die ausschließliche Betrachtung von Algorithmen der Steuerung von Social-Media-Aktivitäten würde ebenso wenig ausreichen wie der ausschließliche Blick auf Negativphänomene des Missbrauchs von KI-Technologien in sozialen Medien. Dies ist für alle Stufen der Wertschöpfung von Medien relevant und verändert die Märkte von Grund auf. Die Politik ist gefordert, nun geeignete Maßnahmen zur Modernisierung zu entwickeln, sodass auch in Deutschland der Einsatz von KI-Systemen zur Prosperität der Medienmärkte beiträgt und sie nicht weiter schrumpfen.

Weitere Empfehlungen.

Will man die Medienvielfalt erhalten, bleibt aus dieser Perspektive als sinnvolles Instrument – neben der Anwendung des Kartellrechts – die Einführung einer Digitalsteuer auf die KI-basierten Dienste der Plattform- und Social-Media-Anbieter, die dadurch überproportional an den Werbemärkten teilhaben.

Weiterhin fordern die Autoren, dass KI-System im Medienbereich zu höherwertigen Medieninhalten beitragen sollten. Allerdings räumen Sie ein, dass diesem Wunsch die aktuellen Tatsachen entgegenstehen, die sich in der Gatekeeper-Funktion der Plattformen ausdrücken. Diese nämlich können mit ihren KI-Systemen, Browsern, Endgeräten und Betriebssystemen eine Vorentscheidung darüber treffen, was als Inhalt auf ihren Plattformen erscheint.

Es bleibt ein Dilemma:

Neue technische Vorgänge haben im Mediensektor große gesellschaftliche Relevanz und stellen für Politik und (Selbst-)Regulierung eine qualitativ neue Herausforderung dar, Werte wie Meinungsfreiheit und Vielfaltsicherung oder Normen und Standards wie Jugend- und Verbraucherschutz, Transparenz und das Diskriminierungsverbot effektiv durchzusetzen. Dabei besteht die Gefahr, sowohl mit einer zu strikten Medienregulierung innovationshemmend zu wirken, als auch die Instrumente der Medienpolitik nicht flexibel genug an die rasanten technologischen Entwicklungen anpassen zu können.

Einordnung

Die Autoren zeigen auf, wie sehr KI-Systeme schon heute das Mediennutzungsverhalten der Menschen beeinflussen und Marktlogik umkrempeln. Sichtbar wird diese Machtverschiebung allein schon dann, wenn man die Liste der größten Medienkonzerne von 2008 mit der von 2018 vergleicht. Ehemals große und mächtige Medienkonzerne wie Bertelsmann, in den 1990er Jahren zeitweise der größte Medienkonzern der Welt, sind nur noch Randakteure. Während Apple, facebook und Google einen Umsatz- und Gewinnsprung nach dem andern verkünden, feiert es man Bertelsmann mittlerweile als Erfolg, nur wenige Prozent Umsatz coronabedingt eingebüßt zu haben.

Obwohl es den Autoren gelingt, den aktuellen Zustand auf den internationalen Medienmärkten zutreffend zu beschreiben, bleiben einige blinde Flecken offensichtlich. Da wäre vor allem der Überwachungskapitalismus mit seiner ganz eigenen Logik. Ohne dass es hierzulande bisher für allzu große Aufmerksamkeit gesorgt hätte, konnten Google, facebook und andere in kürzester Zeit eine neue Art des Kapitalismus begründen, der darauf abzielt, das Verhalten der Marktakteure zu bestimmen, sodass die üblichen Investitionsrisiken und Streuverluste auf nahezu null reduziert werden können. Dabei geht es um weitaus mehr als nur um Medien – davon betroffen sind alle Interaktionen von Menschen, Maschinen und demnächst auch Tieren. Der Medienmarkt ist da nur ein Nebenkriegsschauplatz. Es geht um weitaus mehr (Banking, Mobilität, Gesundheit, Energie, Smart Home, Smart City).

Ebenso blenden die Autoren aus, wie sehr Google, facebook & Co. Innovationen verhindern, indem sie potenzielle Mitbewerber entweder ausschalten oder durch die Zahlung astronomischer Kaufpreise übernehmen. Auch sonst lohnt ein Blick auf die Geschäftspolitik von facebook und Co. wie in Facebook. Weltmacht am Abgrund von  Steven Levy. Weitere Kritik, wenngleich aus einer aus einer anderen Richtung, kommt von George Gilder in Das Leben nach Google.

Statt in die Zukunft wird hierzulande weiterhin konsequent in die Vergangenheit investiert. Aufhalten lässt sich die Entwicklung damit nicht[1]„Überbrückungshilfe“ für gedruckte Zeitungen? Diese Brücke führt ins Nirgendwo. KI, ganz gleich in welcher Ausprägung und mit welchen Absichten, wird an dem eigentlichen Problem, die Frage nach er Zukunft des Journalismus und der Medienindustrie, nichts ändern.

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Internet, Glasfaser und Neue Medien: Wie Deutschland den Anschluss verlor

Von Ralf Keuper

In den letzten 30 Jahren haben Deutschland und Europa mit zusehen müssen, wie große US-amerikanische und zuletzt auch chinesische Technologiekonzerne das Internet unter ihre Kontrolle brachten und eine neue Form der Ökonomie, die Plattformökonomie, begründet haben. Im gleichen Zeitraum haben sich deutsche Hersteller aus der Konsumelektronik zurückgezogen. Die Verbreitung mit Glasfaser ist in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern unterdurchschnittlich. Bei der Versorgung mit 4G bzw. LTE rangiert Deutschland noch hinter Albanien[1]Fast so gut wie Albanien. Für eine der führenden Wirtschaftsnationen der Welt ein bescheidenes Ergebnis.

Wie konnte es so weit kommen? Waren sich die handelnden Personen in Politik und Wirtschaft der Bedeutung der Informations- und Kommunikationstechnologie nicht bewusst?

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass man sich in der Politik zu Beginn der 1980er Jahre sehr wohl darüber im Klaren war, wie wichtig neue Kommunikationstechnologien und neue Medien für die Wirtschaft und Gesellschaft sein werden. Noch unter der Regierung Schmidt/Genscher wurden wichtige Weichenstellungen vorgenommen, wie mit dem Systemversuch zur Erprobung von Breitbandkommunikation – BIGFON.

Dieser Schwung muss zumindest bis zum Jahr 1985 angehalten haben. Der Bericht der Bundesregierung über die Lage der Medien in der Bundesrepublik Deutschland (1985) — Medienbericht ’85 kam zu Einschätzungen und Prognosen, die man heute als weitsichtig bezeichnen kann.

Beispiele:

Die deutsche Volkswirtschaft braucht für ihre weitere Entwicklung und ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit eine moderne leistungsfähige Kommunikationsinfrastruktur. Die Entwicklung im Bereich der Telekommunikation hat sich beschleunigt und befindet sich derzeit im Umbruch: Von der Analogtechnik zur Digitaltechnik, von den Einzelnetzen zum integrierten Netz, vom Kupferkabel- zum Glasfasernetz. …

Der steigende Einsatz der Informationstechnik in der Fertigung und bei Dienstleistungen sowie die steigende Zahl von informationstechnischen Produkten führen zu Produktivitätszunahmen und Nachfrageverschiebungen. Volkswirtschaften, die diesen Strukturwandel aktiv aufgreifen, setzen starke Wachstumsimpulse frei. Wer durch innovative Nutzung der Informationstechnik an Wachstumsmärkten teilnehmen kann, hat im internationalen Wettbewerb gute Chancen, neue Arbeitsplätze zu schaffen, wegfallende Arbeitsplätze durch neue zu ersetzen und bestehende Arbeitsplätze durch Modernisierung zukunftssicherer zu machen.

Bereits damals gingen die Autoren davon aus, dass es zu einer Medienkonvergenz und zu der Entstehung eines Breitbanduniversalnetzes kommen würde.

Mit der Einbeziehung der bisher noch getrennt von der Individualkommunikation verlaufenden Weiterentwicklung der Breitbandverteilerdienste kann technisch die letzte Integrationsstufe zu einem künftigen Breitbanduniversalnetz vollzogen werden. Dieser Schritt wird zusätzlich zur Forderung nach Preiswürdigkeit der Glasfasertechnologie maßgebend durch die Angebotsbreite und -vielfalt elektronischer Massenmedien und individueller Informationsabrufdienste bestimmt. …

Die neuen Textkommunikationsformen als elektronische Abruf(Zugriffs-) und Kommunikationsdienste erlauben es, elektronisch gespeicherte Informationen weltweit für jeden Interessenten zu dem von ihm gewählten Zeitpunkt nach individueller Auswahl sekundenschnell zugänglich zu machen. Diese zukunftsträchtige Entwicklung hat mit Bildschirmtext und Videotext als Prototypen dieser neuartigen Dienste ihren Anfang genommen. Weitere Textkommunikationsdienste können folgen, sobald Breitband-Kabelnetze, Satelliten sowie verbesserte Speicher- und Übertragungstechniken die Voraussetzungen geschaffen haben.

Über die Schlüsselrolle der Glasfasernetze:

Erst der wirtschaftliche Glasfasereinsatz von Teilnehmer zu Teilnehmer wird die Voraussetzung für eine geeignete Infrastruktur breitbandiger Individualkommunikationsdienste (z. B. Bildfernsprechen) schaffen. Die Deutsche Bundespost ist im Rahmen ihrer dienstleistungsorientierten Aufgabenstellung bereit, das wirtschaftliche Risiko des Netzaufbaus mitzutragen. Sie unterstützt hiermit auch die Bestrebungen der Fernmelde- und Geräteindustrie, technologisch am Weltmarkt konkurrenzfähige Telekommunikationssysteme und Komponenten zu entwickeln.

Technische Innovationen sollten durch offene Standards und Schnittstellen gefördert werden:

Die Bundesregierung hat in ihrem „Regierungsbericht Informationstechnik”in fünf Bereichen ein auf fünf Jahre angelegtes ressortübergreifendes Maßnahmenbündel zur Förderung von Innovationen definiert. Eine zentrale Aufgabe in diesem Maßnahmenbündel ist die Belebung des Wettbewerbs im Inland durch freien Handel, durch Standardisierung und Offenlegung von Systemschnittstellen, durch innovationsfördernde Beschaffungsmaßnahmen des Staates sowie durch Bereitstellung von Risikokapital und Förderung von Unternehmensgründungen.

Noch einmal zur Medienkonvergenz bzw. zu den Medien der Kooperation. Man sah die Entstehung großer, weltweit agierender Technologiekonzerne voraus:

Die Internationalisierung des Angebots auf dem inländischen Tonträgermarkt wird auch künftig eher wachsen — vornehmlich wohl zugunsten weltweit operierender Großunternehmen. Der sich andeutende Trend zu multifunktionalen Lösungen für kommunikationstechnische Aufgaben spricht auf weite Sicht dafür, daß die Grenzen, die einer engeren Verflechtung mit audiovisuellen Medien bei der Nutzung von Geräten und Programmen noch entgegenstehen, spürbar an Durchlässigkeit gewinnen dürften.

Warum die Strategie in den darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten nicht konsequent weiterverfolgt wurde, ist unklar. Ein Grund dürfte die Wiedervereinigung gewesen sein, welche einen Großteil der Ressourcen gebunden hat. Die Prioritäten der Bundesregierung waren andere. Es bleibt abzuwarten, ob Politik und Wirtschaft aus ihren Fehlern gelernt haben Sollten sich die Versäumnisse im Firmenkundengeschäft (B2B) wiederholen, sieht es eher schlecht für die europäische Wirtschaft aus. GAIA-X kann nur der Anfang sein.

Zuerst erschienen auf Econlittera

References

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Der Stilwandel der Medien #22

Von Ralf Keuper

Nachfolgend eine Aufstellung von Beiträgen der letzten Zeit, die sich mit dem Stilwandel der Medien beschäftigen:

Vor 50 Jahren: Xerox eröffnet das Forschungszentrum PARC

Essay von Habermas: Es bleibt die Literatur

Interview zu Technikängsten. Ein kritischer Blick kann zu mehr Sorgfalt führen

Wa(h)re Fakten. Wissensproduktion globaler Nachrichtenagenturen 1835-1939

BVMI-Chef Drücke zu Musikmarkt: „Digitales mehr denn je Lebensversicherung“

Warum die Handschrift auch im Zeitalter der Digitalisierung unverzichtbar ist

Wie die Welt in den Computer kam. Zur Entstehung digitaler Wirklichkeit

Der Bilder-Atlas von Aby Warburg

Medienpioniere: Was Trump und Luther verbindet

Würfel, Mäuse und Computer 

Mit der DVD verschwinden Filmschätze

DFG bewilligt neues Projekt zur Analyse visueller Framingprozesse in multimodalen Medienumgebungen

Karl Klammer: Der erste proaktive Office-Assistent

Working with Paper. Gendered Practices in the History of Knowledge

Face-to-Interface. Eine Kultur- und Technikgeschichte der Videotelefonie

Take the Edge Off With Video Games

Das Material mit Zukunft: Papier ist mehr als die Summe seiner Fasern

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The Social Dilemma | Official Trailer | Netflix

Weitere Informationen:

The Social Dilemma: Wie Google & Co. uns verkaufen

Sind wir dieser Technologie wirklich gewachsen?

“Das Dilemma mit den sozialen Medien”: Kritik aus der Echokammer

Das Dilemma mit der starken These

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