Internet, Glasfaser und Neue Medien: Wie Deutschland den Anschluss verlor

Von Ralf Keuper

In den letzten 30 Jahren haben Deutschland und Europa mit zusehen müssen, wie große US-amerikanische und zuletzt auch chinesische Technologiekonzerne das Internet unter ihre Kontrolle brachten und eine neue Form der Ökonomie, die Plattformökonomie, begründet haben. Im gleichen Zeitraum haben sich deutsche Hersteller aus der Konsumelektronik zurückgezogen. Die Verbreitung mit Glasfaser ist in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern unterdurchschnittlich. Bei der Versorgung mit 4G bzw. LTE rangiert Deutschland noch hinter Albanien[1]Fast so gut wie Albanien. Für eine der führenden Wirtschaftsnationen der Welt ein bescheidenes Ergebnis.

Wie konnte es so weit kommen? Waren sich die handelnden Personen in Politik und Wirtschaft der Bedeutung der Informations- und Kommunikationstechnologie nicht bewusst?

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass man sich in der Politik zu Beginn der 1980er Jahre sehr wohl darüber im Klaren war, wie wichtig neue Kommunikationstechnologien und neue Medien für die Wirtschaft und Gesellschaft sein werden. Noch unter der Regierung Schmidt/Genscher wurden wichtige Weichenstellungen vorgenommen, wie mit dem Systemversuch zur Erprobung von Breitbandkommunikation – BIGFON.

Dieser Schwung muss zumindest bis zum Jahr 1985 angehalten haben. Der Bericht der Bundesregierung über die Lage der Medien in der Bundesrepublik Deutschland (1985) — Medienbericht ’85 kam zu Einschätzungen und Prognosen, die man heute als weitsichtig bezeichnen kann.

Beispiele:

Die deutsche Volkswirtschaft braucht für ihre weitere Entwicklung und ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit eine moderne leistungsfähige Kommunikationsinfrastruktur. Die Entwicklung im Bereich der Telekommunikation hat sich beschleunigt und befindet sich derzeit im Umbruch: Von der Analogtechnik zur Digitaltechnik, von den Einzelnetzen zum integrierten Netz, vom Kupferkabel- zum Glasfasernetz. …

Der steigende Einsatz der Informationstechnik in der Fertigung und bei Dienstleistungen sowie die steigende Zahl von informationstechnischen Produkten führen zu Produktivitätszunahmen und Nachfrageverschiebungen. Volkswirtschaften, die diesen Strukturwandel aktiv aufgreifen, setzen starke Wachstumsimpulse frei. Wer durch innovative Nutzung der Informationstechnik an Wachstumsmärkten teilnehmen kann, hat im internationalen Wettbewerb gute Chancen, neue Arbeitsplätze zu schaffen, wegfallende Arbeitsplätze durch neue zu ersetzen und bestehende Arbeitsplätze durch Modernisierung zukunftssicherer zu machen.

Bereits damals gingen die Autoren davon aus, dass es zu einer Medienkonvergenz und zu der Entstehung eines Breitbanduniversalnetzes kommen würde.

Mit der Einbeziehung der bisher noch getrennt von der Individualkommunikation verlaufenden Weiterentwicklung der Breitbandverteilerdienste kann technisch die letzte Integrationsstufe zu einem künftigen Breitbanduniversalnetz vollzogen werden. Dieser Schritt wird zusätzlich zur Forderung nach Preiswürdigkeit der Glasfasertechnologie maßgebend durch die Angebotsbreite und -vielfalt elektronischer Massenmedien und individueller Informationsabrufdienste bestimmt. …

Die neuen Textkommunikationsformen als elektronische Abruf(Zugriffs-) und Kommunikationsdienste erlauben es, elektronisch gespeicherte Informationen weltweit für jeden Interessenten zu dem von ihm gewählten Zeitpunkt nach individueller Auswahl sekundenschnell zugänglich zu machen. Diese zukunftsträchtige Entwicklung hat mit Bildschirmtext und Videotext als Prototypen dieser neuartigen Dienste ihren Anfang genommen. Weitere Textkommunikationsdienste können folgen, sobald Breitband-Kabelnetze, Satelliten sowie verbesserte Speicher- und Übertragungstechniken die Voraussetzungen geschaffen haben.

Über die Schlüsselrolle der Glasfasernetze:

Erst der wirtschaftliche Glasfasereinsatz von Teilnehmer zu Teilnehmer wird die Voraussetzung für eine geeignete Infrastruktur breitbandiger Individualkommunikationsdienste (z. B. Bildfernsprechen) schaffen. Die Deutsche Bundespost ist im Rahmen ihrer dienstleistungsorientierten Aufgabenstellung bereit, das wirtschaftliche Risiko des Netzaufbaus mitzutragen. Sie unterstützt hiermit auch die Bestrebungen der Fernmelde- und Geräteindustrie, technologisch am Weltmarkt konkurrenzfähige Telekommunikationssysteme und Komponenten zu entwickeln.

Technische Innovationen sollten durch offene Standards und Schnittstellen gefördert werden:

Die Bundesregierung hat in ihrem „Regierungsbericht Informationstechnik”in fünf Bereichen ein auf fünf Jahre angelegtes ressortübergreifendes Maßnahmenbündel zur Förderung von Innovationen definiert. Eine zentrale Aufgabe in diesem Maßnahmenbündel ist die Belebung des Wettbewerbs im Inland durch freien Handel, durch Standardisierung und Offenlegung von Systemschnittstellen, durch innovationsfördernde Beschaffungsmaßnahmen des Staates sowie durch Bereitstellung von Risikokapital und Förderung von Unternehmensgründungen.

Noch einmal zur Medienkonvergenz bzw. zu den Medien der Kooperation. Man sah die Entstehung großer, weltweit agierender Technologiekonzerne voraus:

Die Internationalisierung des Angebots auf dem inländischen Tonträgermarkt wird auch künftig eher wachsen — vornehmlich wohl zugunsten weltweit operierender Großunternehmen. Der sich andeutende Trend zu multifunktionalen Lösungen für kommunikationstechnische Aufgaben spricht auf weite Sicht dafür, daß die Grenzen, die einer engeren Verflechtung mit audiovisuellen Medien bei der Nutzung von Geräten und Programmen noch entgegenstehen, spürbar an Durchlässigkeit gewinnen dürften.

Warum die Strategie in den darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten nicht konsequent weiterverfolgt wurde, ist unklar. Ein Grund dürfte die Wiedervereinigung gewesen sein, welche einen Großteil der Ressourcen gebunden hat. Die Prioritäten der Bundesregierung waren andere. Es bleibt abzuwarten, ob Politik und Wirtschaft aus ihren Fehlern gelernt haben Sollten sich die Versäumnisse im Firmenkundengeschäft (B2B) wiederholen, sieht es eher schlecht für die europäische Wirtschaft aus. GAIA-X kann nur der Anfang sein.

Zuerst erschienen auf Econlittera

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