Die FAZ und “Des Kanzlers neue Kleider”

Von Ralf Keuper

Es gibt Beiträge, da weiß man nicht genau, ob sie ernst gemeint sind. Jedoch ist zu befürchten, dass der nicht genannte Autor von Das Auge wählt ernste Absichten verfolgt.

Die Erfolgsaussichten von Armin Laschet oder Markus Söder als Kanzlerkandidat sind demnach eng mit der Wahl der Kleider verbunden. Und hier liegt für den Autor Armin Laschet weit vor Markus Söder. Letzterer hat seine Chancen durch das Tragen einer Zipper-Strickjacke, sein Lieblingskleidungsstück, eigentlich schon so gut wie zunichtegemacht.

Kein Mann, der noch etwas vorhat, darf eine Strickjacke tragen. Warum also zieht Söder diese Liebestöter an, die, hätten sie einen Namen, alle „Paderborn“ heißen müssten? Fröstelt es ihn leicht?

Woher der Autor diese Weisheit bezieht, geht aus dem Beitrag nicht hervor. Bislang gibt es keine belastbaren Studien, die einen kausalen Zusammenhang mit der aphrodisierenden Wirkung des Tragens einer Zipper-Strickjacke und der Stadt Paderborn belegen. Selbst für eine Korrelation dürften sich kaum ausreichend Hinweise finden lassen. Man müsste schon die Esoterik bemühen, um hier eine Beziehung herzustellen. Eventuell hat der Autor an die morphischen Felder[1]Morphische Felder von Rupert Sheldrake gedacht.

Unterziehen wir die zusammen konstruierte These des FAZ-Autors dennoch einer Prüfung. Das bevorzugte Kleidungsstück von Helmut Kohl war die klassische Strickjacke. Legendär ist das Foto mit Michael Gorbatschow und Hans-Dietrich Genscher[2]Das Wunder vom Kaukasus: Wie Kohl Gorbatschow das Ja zur Einheit abrang. Weltpolitik mit Strickjacke und Pullover. Das Markenzeichen von Hans-Dietrich Genscher war der gelbe Pullover[3]Hans-Dietrich Genscher: Im gelben Pullover einte er Deutschland.

Der bislang wohl in modischer Hinsicht fortschrittlichste Kanzler, Gerhard Schröder, bekannt für seine Vorliebe für Brioni-Anzüge, musste bereits nach sieben Jahren das Kanzleramt wieder verlassen[4]Brioni-Anzug und Cohiba.

Bundeskanzlerin Merkel setzt mit Hosenanzügen wahrlich keine modischen Akzente, was ihrer Popularität jedoch keinen Abbruch getan hat.

Von der “These” des FAZ-Autors bleibt, wie bereits ein kurzer Faktenscheck zeigt, nichts übrig. Was wollte der Autor mit seinem Beitrag sagen? Eigentlich nichts. Hauptsache die Klickzahlen stimmen. Dieser Logik der Aufmerksamkeitsökonomie muss sich auch die wirtschaftlich nicht sonderlich erfolgreiche FAZ unterwerfen[5]FAZ: Relativ erfolglos, auch wenn man sich damit in die Nähe von Bunte, Gala und Freizeit Revue begibt.

Die Geschichte von des Kanzlers neue (oder alte) Kleider bleibt weiterhin ein Märchen.

Dieser Beitrag wurde unter Journalismus veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.