Trade Republic und die Medien

Von Ralf Keuper

Etwas mehr als ein Jahr ist vergangen, seit sich die Wirecard-Story als Luftschloss entpuppte. Die hiesigen Medien haben dabei fast durchweg eine schlechte Figur abgegeben[1]Wirecard und die Medien.

Die Story war und ist wichtiger, als Zeit damit zu verschwenden, einen kritisch-distanzierten Blick auf die in regelmäßigen Abständen neu am Firmament auftauchenden Shooting-Stars der Fintech-Szene zu werfen. Nach jedem größeren “Skandal” wird die RESET-Taste betätigt und das Spiel, die Story beginnen von vorne. Mit der Zeit fällt es dann immer schwerer, Journalismus von PR zu unterscheiden.

Ein ähnliches kollektives Verhaltensmuster zeigt sich momentan an der Berichterstattung zu Trade Republic. In den verschiedenen Artikeln wird der Neobroker u.a. als Schrecken der Banken dargestellt, der die schwerfällige Branche aufmischt[2]Wie Fintechs die Bankenbranche aufmischen. Einige Kommentatoren brechen gar in spätpubertären Jubel aus, wenn es neue Wachstumszahlen zu vermelden gilt[3]3600% Wachstum!!! Wir haben die Trade-Republic-Zahlen.

Wenig bis gar keine Erwähnung finden in den Elogen das umstrittene Geschäftsmodell (Zahlungen für den Auftragsfluss – Payment for Order Flow) oder kritische Berichte, wie von der ohnehin eher als Spaßbremse wahrgenommenen Verbraucherzentrale[4]Neo-Broker: Kosten und Risiken des schnellen Wertpapier-Handels per App.

Insofern bleibt es bei dem Befund, den die Otto Brenner Stiftung im Jahr 2010 in der Studie Wirtschaftsjournalismus in der Krise stellte:

So wurde vom Wirtschafts- und Finanzjournalismus die Perspektive der Anleger und Anbieter sehr, die der Gesellschaft, Volkswirtschaft und Allgemeinheit kaum bearbeitet in den vergangenen Jahren. Das hat auch wesentliche strukturelle Ursachen. Dazu zählt unter anderem die Annahme, dass die Perspektive der Anbieter und Anleger sehr viel eher zu den gängigen Nachrichtenwerten (u.a. Personalisierung, Emotionalisierung, Dramatisierung, Polarisierung, Boulevarisierung) ‚passt‘ als andere Perspektiven.

Kurzum: Ausgeprägte Lernresistenz, oder positiv formuliert: Finanzjournalismus als verlässliche Kontraindikation[5]Wirtschaftspresse als verlässliche Kontraindikation 😉

Zuerst erschienen auf Bankstil

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