Der Stilwandel der Medien #20

Von Ralf Keuper

Nachfolgend eine Aufstellung von Beiträgen der letzten Zeit, die sich mit dem Stilwandel der Medien beschäftigen:

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Roberto Simanowski: Warum wir Facebook und co. lieben – und hassen

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Die alten Medien und ihre Abhängigkeit von der Trackingindustrie

Von Ralf Keuper

Bei der Diskussion um die “Zweckentfremdung” von ca. 50 Millionen facebook-Nutzerprofilen durch Cambridge Analytica geht allzu oft die Tatsache unter, dass die Medien, die facebook und anderen sozialen Medien vorwerfen, demokratische (Meinungsbildungs-)Prozesse zu manipulieren, selber Teil des Problems sind. Auf diesen Umstand hat u.a. Doc Searls in Facebook’s Cambridge Analytica problems are nothing compared to what’s coming for all of online publishing hingewiesen. Darin beschreibt er die Abhängigkeit der online-Angebote der alten Medien, wie der New York Times, von der Werbe- bzw. Trackingindustrie.

These pubs don’t just open the kimonos of their readers. They bring readers’ bare digital necks to vampires ravenous for the blood of personal data, all for the purpose of aiming “interest-based” advertising at those same readers, wherever those readers eyeballs may appear—or reappear in the case of “retargeted” advertising.

With no control by readers (beyond tracking protection which relatively few know how to use, and for which there is no one approach, standard or experience), and damn little care or control by the publishers who bare those readers’ necks, who knows what the hell actually happens to the data?

In Help Us Cure Online Publishing of Its Addiction to Personal Data präzisiert Searls seine Vorstellungen eines Journalismus, der seine Leser nicht ausspäht. Eng damit verbunden ist das Thema Fake News:

Real advertising supports journalism and other worthy purposes, while adtech supports “content production”—no matter what that “content” might be. By rewarding content production of all kinds, adtech gives fake news a business model. After all, fake news is “content” too, and it’s a lot easier to produce than the real thing. That’s why real journalism is drowning under a flood of it. Kill adtech and you kill the economic motivation for most fake news. (Political motivations remain, but are made far more obvious.)

Die Abhängigkeit der alten Medien von facebook thematisierte, wenngleich mit anderem inhaltlichen Schwerpunkt, der Beitrag Facebook: Warum machen die Medien mit?.

Das (einseitige) Abhängigkeitsverhältnis zwischen alten und neuen Medien wird in Facebook, die alten Medien und die ökonomischen Konkurrenzverhältnisse thematisiert. Neben facebook ist Google der andere große Player im Markt für online-Werbung, was in der Diskussion ebenfalls untergeht. Anders als facebook betreibt Google über seinen “Innovationsfonds” jedoch so etwas wie “Landschaftspflege”, worauf Wolfgang Michal hinweist.

Seit Jahren prozessieren verschiedene Verlage gegen Anbieter sog. Ad-Blocker. Erst vor wenigen Tagen scheiterten die Verlage vor dem OLG Hamburg mit dem Versuch, ein Vertriebsverbot gegen den Werbeblocker AdPlus durchzusetzen (Vgl. dazu: OLG Hamburg: Adblock Plus ist zulässig). Parallel dazu laufen einige namhafte Verlage hierzulande Sturm gegen die ePrivacy-Richtlinie (Vgl. dazu: E-Privacy-Verordnung: Verlage wollen Leser beim Tracking entmündigen). Die Verlage befürchten massive Einbrüche ihres Werbegeschäftes, sollte die ePrivacy-Richtlinie wie geplant umgesetzt werden (Vgl. dazu: Verlage befürchten massive Auswirkungen durch E-Privacy-Verordnung).

Insofern sind die alten Medien, wie Verlage (FAZ, G+J, Springer), Teil des Problems und Profiteure einer Industrie, die mit den Themen Datenschutz und Privatheit nicht immer auf vertrautem Fuß steht. Solange die alten Medien sich nicht aus dieser Abhängigkeit befreien und ihre Geschäftsmodelle auf eine neue Basis stellen, wird sich an den Problemen, die sie kritisieren, kaum etwas ändern. Dass es auch anders gehen könnte, zeigen die zahlreichen Initiativen, welche auf die Blockchain-Technologie setzen (Vgl. dazu: Content Blockchain Projekt).

Bei Burda bzw. deren Startup Bot Labs ist man gar der Ansicht, dass die Blockchain Facebook und Google komplett ersetzen wird. In einem Interview sagt der Chef des Startups, Ingo Rübe:

Wir müssen das Internet wieder demokratisieren und den Nutzern wieder die Hoheit über ihre Daten geben. Dazu müssen wir den Nutzern Alternativen in Form von hochwertigen Diensten bieten, die ohne zentrale Datensilos auskommen. Hierfür bietet die Blockchain Technologie alle notwendigen Chancen. Nun sind Industrie, Investoren und Startups gefragt, die neuen Möglichkeiten zu begreifen und zu nutzen, um die nächste und bessere Generation des Internet zu bauen.

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Etwa gleichzeitig mit der Entstehung von Börsen institutionalisieren Post und Presse Dauerkontakte und Dauerkommunikation (Jürgen Habermas)

Etwa gleichzeitig mit der Entstehung von Börsen institutionalisieren Post und Presse Dauerkontakte und Dauerkommunikation. Allerdings genügt den Kaufleuten ein berufsständisch sekretiertes, den städtischen und höfischen Kanzleien ein verwaltungsinternes Informationssystem. An Publizität der Information ist beiden nicht gelegen. Ihren Interessen entsprechen vielmehr die “geschriebenen Zeitungen”, die von Nachrichtenhändlern gewerbsmäßig organisierten Privatkorrespondenzen. Der neue Kommunikationsbereich fügt sich, mit seinen Institutionen des Nachrichtenverkehrs, den bestehenden Formen der Kommunikation ohne weiteres ein, solange das entscheidende Moment, Publizität, fehlt. Wie, nach einer Bestimmung Sombarts, erst von “Post” die Rede sein kann, wenn die regelmäßige Gelegenheit zum Brieftransport dem Publikum allgemein zugänglich wird, so gibt es auch eine Presse im strengen Sinne erst, seitdem die regelmäßige Berichterstattung öffentlich, wiederum: das Publikum allgemein zugänglich wird. Das aber geschieht erst Ende des 17. Jahrhunderts. Bis dahin ist der alte Kommunikationsbereich der repräsentativen Öffentlichkeit durch den neuen einer publizistisch bestimmten Öffentlichkeit nicht grundsätzlich bedroht. Die gewerbsmäßig vertriebenen Nachrichten werden noch nicht publiziert; die unregelmäßig publizierten Neuigkeiten sind noch nicht zu Nachrichten versachlicht.

Quelle: Strukturwandel der Öffentlichkeit

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An der Photographie interessiert mich ihre Reinheit (Wim Wenders)

Aus einem Interview mit LFI (Leica Fotografie International) vom November/Dezember 2014:

LFI: Worin liegen für Sie die Vorzüge des analogen Photographierens im Gegensatz zum digitalen?

Wenders: Im digitalen Photographieren kann man seinen Blick und das Bild ständig überprüfen. Beim analogen Photographieren ahnt man sein Bild und weiss instinktiv, ob man es hat oder nicht. Diese innere Arbeit ist digital so nicht mehr möglich. Das Photographieren wird zu einer anderen Sache: wenn ich beim Akt des Photographierens schon sehe, was aufgenommen wird, verliere ich den Dialog mit dem erhofften Bild. Ich sehe schon ein Produkt, wo es noch gar keines geben dürfte. An diesem Stückchen Hoffnung und Ahnung, die man in den Film investiert, den man einlegt, daran liegt mir alles. Beim Filmen ist das etwas anderes. Da genieße ich die Kontrolle, die die mir die digitale Welt erlaubt. Das öffnet mir ganz andere Möglichkeiten, die ich als Photograph gar nicht will. Im Gegenteil: Die analoge Photographie kann auf diese Weise für mich etwas ganz Eigenständiges bleiben.

LFI: Welche neuen visuellen Strömungen in der Photographie finden Sie spannend?

Wenders: Je mehr “zeitgenössische Photographie” ich sehe, um so mehr gefällt mir an der Photographie, etwas zu zeigen “wie es ist”. Im digitalen Zeitalter hat sich die Photographie zu einer anderen Form von Malerei entwickelt, in der das photographierte Sujet eher “Material” wird, aus dem dann ein Bild geschaffen wird. Das ist von ihren Möglichkeiten fast unwiderstehlich so. Man kann ja heutzutage auf jedes Atom eines Bildes zugreifen und es verändern! Und dabei entsteht eben etwas Neues, das Hauptziel zeitgenössischer Photographie. Aber das mache ich im Kino ohnehin schon die ganze Zeit. An der Photographie interessiert mich ihre Reinheit, dieser fast sakrale Akt, mit dem sie sich einer Wirklichkeit verpflichtet.

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Die Lesegesellschaften

Zur Verbreitung von allgemeinen Kenntnissen in einem nicht mehr allein wissenschaftlich-literarischen orientierten Publikum gründeten sich von der Mitte des Jahrhunderts an Lesegesellschaften auf der Basis des gemeinsamen Erwerbs von Büchern. Es entwickelten sich verschiedene Formen des Lesens und der Diskussion, die bis zur Errichtung von literarischen Kaffeehäusern führen konnten. Die Lesegesellschaft war besonders verbreitet in Deutschland, aber auch in Frankreich als museé oder cabinet de lecture bekannt. In der Lesegesellschaft, die mit der Zeit in jeder größeren deutschen Ortschaft – auch in Dörfern – anzutreffen war, verfolgte man im Sinne der Aufklärung den gemeinsamen Zweck der Bildung einer größeren Öffentlichkeit.

Quelle: Ulrich im Hof. Das Europa der Aufklärung

Weitere Informationen:

Lesezirkel: Zwischen analog und digital

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Geschichte der Telekommunikation

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Philatelie als bildhistorische Hilfswissenschaft

Das Sammeln von Briefmarken war ein Hobby, das Generationen von Jugendlichen und Erwachsenen mit Geographie, politischer Geschichte und grafische Techniken in Berührung brachte. Nicht selten wurden aus Sammlern Experten, die Gestaltung, Motive und Verbreitung von Briefmarken erforscht und beschrieben haben, wovon eine Fülle philatelistischer Zeitschriften, Kataloge und Bücher zeugt. Nie wieder wurde ein solcher Umfang von Wissen über ein Medium von globaler Bedeutung ausschließlich von Laien zusammengetragen.

Intellektuelle Vorbehalte haben allerdings dazu geführt, dass die Philatelie keine wissenschaftliche Hilfsdisziplin geworden ist, die an Universitäten gelehrt wird, wie Numismatik, Heraldik oder Papyrologie. Wie bei einer anderen Medienerfindung des frühen neunzehnten Jahrhunderts, der Fotografie, fehlte der Briefmarke die antike Tradition. Übersehen wurde deshalb auch ihr Einfluss auf die Herausbildung der modernen Ästhetik und Kulturwissenschaft. Bekannt sind nur die philatelistischen Ideen von Walter Benjamin und Aby Warburg.

Quell: Die Brüder Herzfeld interessierten sich 1933 auch wieder für Briefmarken, FAZ vom 24.01.2018

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Gutenberg Genie und Geschäftsmann

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Der Ruf der Straße in der Fotografie (Joel Meyerowitz)

Ich denke, all dieses Zeug auf der Straße ist ein Geschenk. Aber du bekommst es nur, wenn du jeden Tag rausgehst. Du musst dort sein, um es zu sehen, du musst den Inhalt der Straße lesen. Ich denke, sie ist reich an potenzieller Bedeutung, und mit dem Licht, das sich minütlich ändert, ändert sich auch die Bedeutung dessen, was du liest. Ich versuche immer, gleichzeitig ein Foto von etwas Nahem und Fernem zu machen. Das macht die Straße so außergewöhnlich für mich: All diese Inhalte stürzen den ganzen Tag auf mich ein und ich versuche zu erkennen, was ich mit all den Informationen machen kann, wie ich einen Rahmen um sie herum setze, der aus dem eigentlich gewöhnlichen Leben etwas Erstaunliches macht.

Quelle: Stadtpoet Joel Meyerowitz, Pionier der New Color Photography: Die große Retrospektive, in: LFI Oktober 2014

 

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