In Europa sieht man als Zeitpunkt der Erfindung des Buchdrucks die Erfindung der Typografie an

In Europa sieht man als Zeitpunkt der Erfindung des Buchdrucks die Erfindung der Typografie an, also des Satzes mit beweglichen Lettern. Der Holzschnitt bzw. Blockdruck gilt als eine vergleichsweise unbedeutende Vorstufe. Im Fernen Osten hingegen hält man die Erfindung des Blockdrucks für die entscheidende Zäsur in der Geschichte des Buchdrucks. Die beweglichen Lettern werden als eine eher unwichtige spätere Ergänzung angesehen. Solche Unterschiede der Beurteilung basieren auf Unterschieden im Charakter der Schriftkultur, aus deren Perspektive eine Bewertung erfolgt. Die Schrift europäischer Sprachen hat das Alphabet mit seinen zwei bis drei Dutzend Buchstaben als Lautzeichen zur Grundlage. In diesem Kontext ist die Erfindung der Typografie der entscheidende Schritt. Die ideografischen Schriften des Fernen Ostens hingegen basieren – anders als die alphabetischen – auf einer Vielzahl von Symbolen, im Falle der chinesischen etwa vierzigtausend. Vor der Setzverfahren des 20. Jahrhunderts konnte für sie der Druck mit beweglichen Lettern weder technisch praktisch noch wirtschaftlich rentabel sein.

Quelle: Michael Mitterauer. Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderweges

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Leni Riefenstahl – Der Preis des Ruhms

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FAZ: Relativ erfolglos

Von Ralf Keuper

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) hat schon mal bessere Zeiten erlebt. Die Auflagenentwicklung verläuft seit Jahren konstant – nach unten. Mittlerweile kommt die FAZ nur noch auf 240.000 verkaufte Exemplare (Vgl. dazu: IVW‐Auflagenvergleich IV. Quartal 2017). Meinungsmacht – gleich welcher Art –  lässt sich damit kaum noch erreichen.

In der Vergangenheit griff die FAZ, um die wirtschaftliche Situation in den Griff zu bekommen, zu den Methoden, die auch die Wirtschaftsredaktion ins Straucheln geratenen Unternehmen häufig empfiehlt: Einsparung von Personal.

Im Jahr 2014 kam es zu einem drastischen Personalabbau (Vgl. dazu: FAZ streicht bis zu 200 Stellen) & „FAZ“ will 200 Stellen streichen. Mangel an klugen Köpfen). Die von der Verlagsleitung eingeschaltete Unternehmensberatung Roland Berger hatte deutlich drastischerer Maßnahmen empfohlen, die aber nicht umgesetzt wurden.

Bereits im Jahr 2002 sah die Verlagsleitung sich gezwungen, über Kosteneinsparungen nachzudenken (Vgl. dazu: Die FAZ speckt ab). Für das  Geschäftsjahr 2016 konnte die FAZIT-Stiftung, als Eigentümerin der FAZ, einen “Gewinnsprung” aufgrund eines Sondereffektes vermelden (Vgl. dazu: Wegen „Sondereffekt“ bei Pensionen: FAZ-Eigentümer Fazit-Stiftung meldet Gewinnsprung im Jahr 2016). Für das Jahr 2017 rechnet die Stiftung dagegen mit einem deutlich geringeren Gewinn im unteren einstelligen Millionen-Bereich.

Im Oktober vergangenen Jahres wurde bekannt, dass die FAZIT-Stiftung auf der Suche nach neuen Partnern für die Frankfurter Rundschau und die FNP sei (Vgl. dazu: Unruhe bei der FAZIT-Stiftung: FAZ-Eigentümerin sucht Partner für Frankfurter Rundschau und FNP). Etwa zur selben Zeit wurden Pläne bekannt, wonach die FAZ ihren Immobilienbesitz veräußern wolle ( Vgl. dazu: FAZ-Gruppe stellt Immobilienbesitz auf den Prüfstand: Verlag und Redaktion sollen umziehen).

Vor ca. vier Wochen meldete die FAZ den Verkauf der Frankfurter Rundschau und Frankfurter Neuen Presse an die Ippen-Gruppe.

Die “Selbstanalyse” der  Wirtschaftsredaktion der FAZ, die in anderen Fällen schnell das Problem definiert, Maßnahmen nahelegt und dabei den Marktkräften ihr vollstes Vertrauen ausspricht, wirkt ungewohnt ratlos, wie in In eigener Sache.  Mehr als das “Prinzip Hoffnung” fällt den Autoren nicht ein: Qualitätsjournalismus hat weiterhin Zukunft – hoffentlich:

Ist das alles Wunschdenken? Ja, es ist Wunschdenken. So wünschen wir – die Autoren dieses Artikels – uns die neue Zeitungswelt.

Ansonsten teilt man bei der FAZ in verschiedene Richtungen aus: Einmal in Richtung facebook, Google & Co. und zum anderen gegen den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wettbewerb und Marktwirtschaft scheinen nur dann als Rezept geeignet, sofern sie nicht den eigenen Status bedrohen.

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Literalität: Die revolutionärste unter den durch das Alphabet bedingten Neuerungen

Die revolutionärste unter den durch das Alphabet bedingten Neuerungen ist jedoch eine, die auf den ersten Blick als eminenter Nachteil erscheint: Die Literalität erzwingt das Auseinandertreten von Wissendem und Gewusstem. Für den Menschen, der lesen und schreiben kann, existiert die Realität draußen, außerhalb seiner, eine Armlänge von ihm entfernt von ihm. Ihrer wieder habhaft zu werden kann er ironischerweise nur mit Hilfe derselben Sache, die den Abstand überhaupt erst hervorgebracht hat: mit Hilfe der Sprache – durch Beschreiben von Analysieren, Definieren und Kategorisieren. In jenem toten Raum zwischen Subjekt und Objekt, Leser und Text kommen wie durch ein Wunder die kritische Analyse und das Selbstbewusstsein zur Welt. Genährt und gekräftigt durch den Umstand, dass Sätze viele Male gelesen – von einem Menschen in Zurückgezogenheit stumm auf ihren Gehalt hin durchforscht – werden können, bildet sich nach und nach jene Aktivität heran, die wir als reflexives, kritisches Denken bezeichnen.

Quelle: Barry Sanders: Der Verlust der Sprachkultur

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Digitale Empörungsdemokratie: Die erregte Gesellschaft im 21. Jahrhundert

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Brauchen wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch?

Von Ralf Keuper

Die Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat in den letzten Jahren an Schärfe zugenommen. Immer mehr Beitragszahler fragen sich, warum sie die “Demokratieabgabe”, wie die GEZ-Gebühren vor einiger Zeit von einem prominenten ARD-Vertreter genannt wurden, noch zahlen sollen. Ist das Programm von ARD und ZDF tatsächlich so unentbehrlich, dass die Hörer und Zuschauer – so gänzlich ohne Betreuung – den Populisten auf den Leim gehen? Ist das Angebot so ausgewogen und qualitativ so hochwertig, dass wir es vermissen würden, sollte es einmal nicht mehr zur Verfügung stehen?

Aus den Reihen der Ordoliberalen kommt seit einiger Zeit die Forderung, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk den Erfordernissen der Digitalisierung anzupassen, wie in dem Beitrag Öffentlich-rechtlicher Rundfunk im Zeitalter der Digitalisierung.

Dort heisst es in der Zusammenfassung:

Im Zeitalter der Digitalisierung und der Konvergenz der Medien muss und wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk sein Erscheinungsbild ändern. Obwohl der technische Fortschritt in der Medienbranche einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk aus ökonomischer Perspektive überflüssig macht, muss man pragmatisch fragen, wie man den politisch gewollten Eingriff des Staates in die Medienbranche so organisieren kann, dass die damit verbundenen Effizienzverluste und Wettbewerbsverzerrungen so gering wie möglich ausfallen. Dieser Beitrag unterbreitet einen Vorschlag zu einer effizienteren Organisation staatlicher Eingriffe in die Medienbranche.

Einige fordern die Privatisierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (Vgl. dazu: Studie: Rundfunkgebühr abschaffen, Öffentlich-Rechtliche privatisieren). Die Reform des ÖR-Rundfunks sei unmöglich.

Weniger revolutionär Gesinnte halten eine grundlegende Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für unumgänglich, wie in Wie viel öffentlich-rechtlichen Rundfunk braucht die informierte Gesellschaft?.

Zu sehr würden die ÖR-Sendeanstalten der Marktlogik huldigen, für die Quote das Maß der Dinge ist, und die dazu führt, dass Sport einen überproportional großen Anteil an der Berichterstattung hat. Ebenfalls in der Kritik stehen die hohen Kosten für die Unterhaltung des Verwaltungsapparats des ÖR-Rundfunks. Die Ausgaben für das Personal lassen nur noch wenig Raum für das eigene Programm (Gefräßige Anstalten).

Für Unmut sorgt hin und wieder auch die z.T. schwer durchschaubare Verflechtung der Sender mit den diversen Produktionsfirmen (Vgl. dazu: Alle Befürchtungen bestätigt). Auch sonst ist einiges im Argen: Im vergangenen Jahr wurde der ehemalige Unterhaltungschef des MDR wegen Betrug, Untreue und Bestechlichkeit angeklagt.

Filmschaffende bemängeln beim ARD und ZDF ein einseitiges Programm, bei dem Dokumentarfilme allzu häufig auf der Strecke bleiben (Vgl. dazu: Öffentlich-Rechtliche: “Ein tendenziell zu einseitiges Programm”).

Einige wiederum beklagen die Verstrickung von Politik und den öffentlich-rechtlichen Medien (Vgl. dazu: So fern und doch so nahRundfunkräte in den öffentlich-rechtlichen Sendern. Politik und Parteien bleiben am Drücker).

Angesichts des Input-Output-Verhältnisses sehen viele bei den Rundfunkbeiträgen Senkungspotenzial (Vgl. dazu: Das teure Versagen von ARD und ZDF). 

Bereits im Jahr 1998 wurde Kritik an den Abwerbungen sog. Stars wie Johannes B. Kerner laut, wie in „Der Markt regiert“. Im Jahr 2014 stellte sich heraus, dass die von Kerner moderierte Show “Deutschlands Beste” manipuliert war (Vgl. dazu: ZDF-Schwindel bei Kerner war noch dreister).

Keinen guten Eindruck beim Zuschauer und Beitragszahler hinterließen ARD und ZDF zuletzt in der Causa Dieter Wedel (Vgl. dazu: Nötigungsvorwürfe gegen Dieter Wedel. Regisseur Gnadenlos). 

Andere wiederum fragen sich, ob es bei ZDF und ARD nicht genügend Talente gibt, die in der Lage sind, eine Maybritt Illner oder Sandra Maischberger mit ihren durchaus überschaubaren journalistischen Fähigkeiten zu ersetzen.

Insofern wäre man geneigt, den Kritikern zuzustimmen und für eine Abschaffung des ÖR-Rundfunks zu plädieren.

Es gibt aber auch andere Meinungen, die ebenfalls gute Argumente enthalten, wie in Die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im digitalen Zeitalter.

Dort heisst es zum Schluss:

Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wie der “Handelsblatt”-Journalist Hans-Peter Siebenhaar sagen, der Auftrag zur medialen Grundversorgung sei im digitalen Zeitalter “schlichtweg überflüssig” geworden[36]. Angesichts der Informationsfülle im Netz litten die gebührenfinanzierten Sender unter einem Bedeutungsverlust. Es mag Anhaltspunkte für diese These geben, etwa das hohe Durchschnittsalter der Zuschauer von ARD und ZDF, das bei rund 60 Jahren liegt. Doch auch wenn die öffentlich-rechtlichen Sender mitunter schwerfällig wirken – sie haben es bisher durchaus verstanden, die neuen Möglichkeiten digitaler Medienkanäle sinnvoll zu nutzen. Die Kritik von Privatsendern und Verlagen wäre nicht so deutlich, wenn ARD und ZDF nicht auch vieles richtig gemacht hätten.

Aufschlussreich auch die zehn Thesen zur Zukunft der öffentlich-rechtlichen Medien.

Daraus:

These 4

Der Erfolg des öffentlich-rechtlichen Angebots ist dann gegeben, wenn es seine Funktion im Hinblick auf den öffentlichen Diskurs tatsächlich erfüllt und bei dem Publikum eine breitere Faktenbasis und breiteres Bewusstsein für die Vielfalt an Sichtweisen, Einstellungen und Meinungen schaffen kann. Im Hinblick darauf ist die Quote nicht aussagekräftig genug. Denn die öffentlich-rechtlichen Angebote müssen sich eben auch und vor allem an Minderheiten richten. Daher bedarf es qualitativ ausgerichteter Testverfahren von Sendungen, öffentlicher Befragungen und Auswertungen von Publikumsäußerungen, journalistischer Medienkritik und fortwährender wissenschaftlichen Begleitung.

These 5

Im Interesse der Allgemeinheit muss es starke Plattformen geben, die dem Publikum eine leicht erkennbare Anlaufstelle für öffentlich-rechtliche Angebote bieten, und welche die oben genannten Kriterien und Standards erfüllen. Auf eigenen Plattformen haben die öffentlich-rechtlichen Anbieter auch die besten Chancen, diesen gerecht zu werden. Denkbar wäre auch eine gemeinsame, offene und nicht kommerzielle Plattform aller öffentlich-rechtlichen Anbieter als „Public Open Space“. Auf dieser Plattform sollten nicht nur öffentlich-rechtlich produzierte Inhalte verfügbar sein, sondern beispielsweise auch solche von Museen, der Bundeszentrale für politische Bildung, der Wikipedia etc. Neben einem möglichst umfangreichen Angebot muss diese nutzerfreundlich, über diverse Endgeräte zugänglich und vor allem auffindbar sein. Durch Bewertungs- und Kommentarfunktionen sollte dem Publikum eine Mitwirkung ermöglicht werden.

Darüber kann man reden.

Trotz aller berechtigten Kritik sollte der ÖR-Rundfunk m.E. erhalten werden – jedoch nicht in seiner bestehenden Form. Wir haben ein Überangebot. Nachdenkenswert ist der Vorschlag von Hans-Peter Siebenhaar:

Der Kunde kann zwischen verschiedenen Paketen wählen, beispielsweise ein Basispaket mit ARD, ZDF, regionalen Dritten und den jeweiligen regionalen Radiosender samt Internetangeboten. Gegen Aufpreis kann der Nutzer dann beispielsweise Phoenix, 3Sat, Arte oder Kika hinzubuchen. Wer alle 22 Sender und 67 Radios des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nutzen möchte, zahlt den vollen Preis von derzeit 17,98 Euro.

Für weitere Gebührenerhöhungen fehlt die Legitimation – sowohl was die Qualität und Quantität des Programms sowie die Größe des Verwaltungsapparats betrifft. Sie sollten sinken. Überdies erwartet die KEF für die nächsten Jahre einen Einnahmenüberschuss bei ARD und ZDF (Vgl. dazu: KEF erwartet Überschüsse bei ARD, ZDF und Deutschlandradio). Vielleicht lassen sich hierfür einige Anregungen aus dem Arbeitspapier Controlling für öffentlich-rechtliche Fernsehunternehmen aus dem Jahr 1993 entnehmen, das von dem Institut für Rundfunkökonomie an der Universität Köln herausgegeben wurde.

Das Institut wurde übrigens im vergangenen Jahr geschlossen.

 

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Content Blockchain Projekt

Von Ralf Keuper

Am vergangenen Freitag hatte ich Gelegenheit, bei einem Workshop an der FH Bielefeld einem Vortrag des Geschäftsführers von Creations, Oliver Weicker, beizuwohnen. Darin erläuterte er das hauptsächlich von Google gesponserte Content Blockchain-Projekt.

Ziel ist es, eine Blockchain-Lösung für die Medienindustrie und Medienschaffende/Künstler zu errichten. Darüber sollen Bücher, Musikstücke etc. mit einer eindeutigen ID versehen werden, über die dann die Lizenzgebühren verrechnet werden. Im Idealfall läuft das darauf hinaus, dass die Konsumenten über die Blockchain die entsprechenden Medien kaufen, ohne dabei ihre Anonymität aufgeben zu müssen. Weiterer Vorteil sind die vergleichsweise geringen Transaktionskosten – im Vergleich zu heute, wo viele Unternehmen noch mit verdienen wollen und dadurch den Anteil für die Produzenten/Künstler minimieren. Bislang ist dieser Prozess weitestgehend analog und ineffizient.

Die Lösung muss jedoch mindestens so gut sein, wie die von Apple, Google, Amazon, Alibaba, Tencent, spotify und Netflix. Das ist das Problem.Dort läuft das mit der Verrechnung relativ reibungslos. Anderenfalls bleibt die Akzeptanz gering.

Für das Projekt ist eine eigene Governance-Struktur mit verschiedenen Rollen vorgesehen. Die Blockchain selber soll öffentlich sein, also nicht privat. Das ist ein kleiner Widerspruch. Einmal mit Governance und dann doch ohne zentrale Instanz. Das Mining ist ein echtes Problem, da die chinesischen Mining-Pools schon jetzt 70 Prozent der Mining-Kapazitäten der Bitcoin-Blockchain auf sich vereinigen. Trotzdem hält man in dem Projekt am Proof of Work – Ansatz fest. Weicker räumte aber ein, in dem Projekt bislang noch keine Lösung für das Mining-Pool-Problem gefunden zu haben.

Eins ist aber auch deutlich geworden: Solange blockchain-basierte Lösungen nicht mindestens denselben Komfort und Bedienungsfreundlichkeit haben, wie bestehende Lösungen, kann man es vergessen.

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In Zeiten Großer Koalitionen ist die externe Opposition zu klein, um wirksam zu sein.

Merkels Regierungsform ist die Große Koalition. So regierte sie von 2005 bis 2009 und so regiert sie seit 2013. Dazwischen lag ein schwarz-gelbes Bündnis. Allerdings war es auch großkoalitionär geprägt, da diese Zeit vor allem von der Euro-Politik bestimmt wurde, und Merkel in dieser Frage immer den Konsens mit der SPD und den Grünen herstellen konnte. Merkels Kanzlerschaft ist deshalb bislang eine Gro-Ko-Kanzlerschaft.

Die parlamentarische Opposition, die externe parlamentarische Opposition, ist der edelste Teil der Demokratie. Es gibt sie wirksam nur in dieser Regierungsform. Die Regierungen von Diktaturen halten sich für alternativlos. Sie wollen den Willen des gesamten Volkes verkörpern, einen volonté generale, wie der Philosoph Jean-Jacques Rousseau das im achtzehnten Jahrhundert genannt hat. … Die Existenz der Opposition ist ein Garant für den Wechsel, und der Wechsel ist ein Schutz vor den Korrumpierungen der Macht. Bis zum Wechsel soll die Opposition die Regierung kontrollieren, damit sie ihre Macht nicht mißbraucht und die Rechte und Ansprüche der Minderheiten nicht unterdrückt.

In Zeiten Großer Koalitionen ist die externe Opposition zu klein, um wirksam zu sein. Von 2005 bis 2009 hatten Grüne, FDP und Linke zusammen 26.6 Prozent der Stimmen und 166 von 614 Sitzen. Seit 2013 halten Linke und Grüne zusammen siebzehn Prozent der Stimmen und 127 von 631 Sitzen. .. Man braucht fünfundzwanzig Prozent der Sitze, um einen Untersuchungsausschuss installieren zu können, ein wichtiges Instrument der Regierungskontrolle. Man braucht auch fünfundzwanzig Prozent, um beim Bundesverfassungsgericht eine Normenkontrollklage anstrengen zu können. Zudem fehlt es an Redezeit, denn die bemisst sich nach der Größe der Fraktionen. Union und SPD waren so gnädig, der Opposition einige Verbesserungen zu gestatten, aber das macht das Manko nicht wett: Wucht. Eine Opposition kleiner Parteien, die zudem Konkurrenten sind, hat keine Wucht. Ihre Argumente finden in den Medien nur geringe Aufmerksamkeit. Umgekehrt fehlt den Missständen und Skandalen, die die Medien aufdecken, der Resonanzkörper im Parlament. Wenn dort keine starke Partei ist, die eine Geschichte aufgreifen kann, verpufft sie.

Quelle: Dirk Kurbjuweit. Alternativlos. Merkel, die Deutschen und das Ende der Politik

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Die ersten Hochrechnungen | Meilensteine der Mediengeschichte

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Zelluloid. Film ohne Kamera – Cameraless Film

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